
Drei Naturweine aus Slowenien, der Tschechischen Republik und Frankreich.
Noch im Krankenhaus erreichte mich eine sensationelle Nachricht von Besucher Alex: es gäbe einen ersten Naturweinladen in Münster. Ich konnte es nicht glauben, nach meinen Thesen war das 10 Jahre zu früh, und dann auch noch ganz in der Nähe vom Krankenhaus. Es verging trotzdem so viel Zeit und bis ich endlich vor dem Laden stehen konnte, da war der Naturweinshop „Trio“ auch schon wieder geschlossen. Allerdings versprach ein Zettel an der Tür nach Umzug eine bessere Zukunft, mehr Platz, größeres Sortiment, man hatte sich mit Shop-in-Shop Konzept in ein Cafe verändert, das sich in einer ehemaligen Backstube eines bekannten Biobäckers in Bahnhofsnähe Münsters befindet. Bei meinem Besuch staunte ich über Shabby Chic, Political Correctness und den speziellen Menschenschlag, ein wenig Berlin in Münster! Leider war das Naturweinangebot bei meinem Besuch sehr bescheiden, ein paar Pet Nat standen verloren im Regal, ich hatte mir das etwas anders vorgestellt. Als mir dann auch noch der fair gehandelte und äußert aufwändig zubereitete Kaffee („mit Kuhmilch???“) nicht schmeckte, war mir klar, ich teste lieber meine eigene Naturweinauswahl zu Hause.

Naturwein-Verkostung in der heimischen Schankprobierstube.
Naturwein-Riesling Jahrgang 2019 vom Demeter-Weingut Keltis aus der Untersteiermark in Slowenien. Bei aufmerksamen blog-Lesern klingelt es jetzt sofort, in dieser schönen Gegend soll auch die genetische Heimat der Portugieser-Rebe liegen. Auf 5 Hektar baut die Familie Kelhar um Winzer Marijan Bioweine auf Mergel-, Sandstein-, Feuerstein-, Ton- und Kalksteinböden an.
Der Riesling kommt goldgelb und trüb ins Glas, verströmt einen tollen Duft nach Eukalyptus, pflanzlichen und erdigen Noten, Pfeffer und Apfel, benötigt viel Luft, dann im Mund harmonischer werdend, herbe Frucht, dazu mostige Anklänge, spürbare Säure und ein langer Abgang, mit immer schwächer werdender Bitternote. Sehr außergewöhnlicher Naturwein-Riesling, aufgrund des Preises, der großen Konkurrenz (ich schwärme immer noch von dem griechischen Naturwein von Patistis!) und der herausfordernden Art, wohl eher was für Abenteurer und absolute Naturwein-Freaks.
Ein roter Naturwein „Forks and Knives“ 2019 von Milan Nestarec aus Mähren, Tschechische Republik. Ein gemischter Satz aus den Rebsorten Blaufränkisch, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir von mindestens 25 Jahre alten Rebstöcken. Junger und eigenwilliger Winzer, der nach Übernahme des Weingutes von seinem Vater konsequent in Richtung Naturwein abgebogen ist und sich mittlerweile auf 17 Hektar mit Schwester, Vater und Helfern einen guten Namen in Tschechien und in der Naturweinszene gemacht hat.
Die Flasche mit Kronkorken verschlossen, der Wein kommt gekühlt ins Glas, irre Nase nach Tomate, Holunder und Brombeere, im Mund saftig und süffig, Sauerkirsche, ganz leicht moussierend, dazu würziger Abgang, ein Spaßmacher mit Anspruch bei nur 10% Alkohol, hat mir sehr gut gefallen! Allerdings verlangt der Wein auch ein wenig Erklärung, er lässt sich nicht mit konventionell hergestellten Weinen vergleichen, ganz eigenwilliger Stil, aber absolut probierenswert! Bin sehr neugierig auf die anderen Weine im Sortiment.
Der aus Südafrika stammende Tom Lubbe arbeitete als Kellermeister beim Vorzeigebetrieb Gauby in Calce, ganz im Süden der französischen Weinregion Languedoc-Roussillon, am Fuße der Pyrenäen und nicht mehr weit weg von der Grenze zu Spanien. Vom Potential der Landschaft und den vielen alten Rebanlagen überzeugt, zögerte er nicht lange, als ihm ein alter Weingarten namens Matassa (katalanisch für Dickicht) mit uralten Carignan-Rebstöcken angeboten wurde. Mit seiner Frau und einem befreundeten neuseeländischen Önologen gründeten sie 2001 ihr eigenes Weingut Matassa und kauften im Laufe der Jahre weitere alte und verstreut liegende Weinflächen dazu. Mittlerweile besitzt man ca. 15 Hektar 35 bis 115 Jahre alte Reben auf schwer zugänglichem Gebiet, Böden mit hohem Granit-, Kalk- und Schieferanteil. Absolut naturbelassene und schonende Weinerzeugung, Matassa ist ein Stern im Naturweinbereich und Tom Lubbe ein Vorbild für eine ganze Generation junger Naturweinwinzer geworden.
Der Name des Weines „Tommy Ferriol“ 2023 ist eine Anspielung auf den Vorbesitzer des Matassa-Weingartens und Weinkellers Jolly Ferriol und Tom Lubbe selbst. Cuvee aus Syrah und Muscat Petit Grain. Entwickelt mit Luft eine tolle Nase nach Hagebutte, Granatapfel, Himbeere und Kräutern, leicht gekühlt dann im Mund sehr süffig saftig und leicht moussierend, sehr frisch, viel Spannung zwischen Mineralität, Würze und Frucht. Schöner langer Abgang, begeistert mich mit nur 10,5% Alkohol, bravo!, toller Naturwein.

Zwei schöne Spätburgunder aus der Ortenau im Weinlager der Butterhandlung Holstein in Münster: Weingut Freiherr von und zu Franckenstein, Offenburg
Wenn man nicht mehr richtig und weit laufen kann, ist man sehr froh, dass man ein schönes Weinlager in der direkten Nachbarschaft um die Ecke hat. Ein Erstbesuch vor einigen Jahren sorgte allerdings bei mir und einem damaligen Weinkumpel für große Irritationen, die offenen Weine waren uns alle zu blumig und zu dropsig, Colombelle und Co. Aber die Zeiten ändern sich, mittlerweile gibt es einige Lieblingsweingut-Gemeinsamkeiten (z.B. Bickel-Stumpf und J. Neus) und bei meinem vorletzten Besuch habe ich zwei schöne Rotweine erwerben können.
Das altehrwürdige Ortenau-Weingut Freiherr von und zu Franckenstein hat eine Vergangenheit, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. 1710 ging das Weingut durch Heirat von den Rittern zu Bach an die Vorfahren der jetzigen Besitzer über. Seit 2008 wird das Weingut von der weinverrückten Familie Huschle gepachtet, die auf 18,5 Hektar mit viel Einsatz, Nachhaltigkeit und den VDP-Regeln laut Gault Millau einen Qualitätssprung vollziehen konnten. Die ganze Familie um Geisenheim-Absolvent Stefan Huschle, der Auslandspraktika in Neuseeland und der Steiermark vorzuweisen hat, bringt sich in den Betrieb ein. Der erfahrene Vater Georg, gelernter Küfer und später mit vielen Kellermeister-Stationen in der Region, hält seinem Sohn den Rücken frei.
Der Wechsel von der Naturwein- in die VDP-Welt wurde mir sehr leicht gemacht, ein großartiger und eleganter Spätburgunder „Granit“ 2020 VDP.Ortswein aus Zell-Weierbach. Der Wein kommt sehr hell und transparent ins Glas, funkelt dabei rubinrot, in der Nase Kirsche, Johannisbeere, Mandel und etwas Rauch, im Mund so seidig und verspielt, weich und sanfte Tannine, süffig, fein eingebundene Säure, dazu mineralische Tiefe. Ein so feiner Wein mit viel Trinkfluß, dazu mit einem genialen PGV ausgestattet, da kann man nur weitere Flaschen holen!
Spannend natürlich jetzt der direkte Vergleich mit dem Spätburgunder „Marie“ 2018 GG aus VDP.Grosse Lage Neugesetz (Zell-Weierbach). Viel dunkler im Glas, benötigt Luft und etwas Geduld, in der Nase viel Beere, Kirsche, süßlicher Pfeifentabak und ein Hauch Vanille, im Mund völlig anderer Stil, viel voller und fruchtiger, kräftigere Säure und Würze, harmonischer und mineralischer Abgang. Macht am zweiten Tag nach Öffnen der Flasche noch mehr Spaß, wird immer runder und komplexer, toller Wein!

Ein Pfälzer und ein Lombarde vom Ölberg.
Unvergessen die ersten Fahrten mit Krücken im ICE zur Freundin nach Wuppertal, Ein- und Ausstieg nichts für schwache Nerven! Nach einiger Reha-Zeit war ich dann aber die Gehhilfen los und konnte mich mal wieder an Wuppertal-Elberfeld schönstem Berg versuchen, mühsame und schmerzhafte Besteigung des Ölbergs mit Besuch der genialen Weinhandlung Estestest von Stefan Klute, mittlerweile ist er über 40 Jahre vor Ort. Hier gibt es immer wieder interessante Weine zu entdecken, dieses Mal fiel meine Wahl auf einen Pfälzer und einen Lombarden.

Ancestral Weiss 2022, Weingut Karsten Peter, Bad Dürkheim, Pfalz
Karsten Peter verließ schweren Herzens vor über 15 Jahren das elterliche Weingut in Bad Dürkheim in der Pfalz, um sich einer ganz besonderen Herausforderung zu stellen: er wollte als winemaker und Riesling-Spezialist die ehemalige preußische Staatsdomäne hoch über Oberhausen an der Nahe wieder zu altem Glanz zurückführen. Die Rieslinge des neubenannten Gut Hermannsberg schlugen ein und die altehrwürdigen Großen Lagen fanden unter VDP-Spielregeln zu wirklich großer Klasse zurück, auch der Unterbau der Qualitätspyramide überzeugt sehr oft, ein Riesenerfolg auch durch für Karsten Peter. Das Weingut und das angrenzende Gästehaus sind immer einen Besuch wert, man schwebt praktisch über der Nahe und hat fantastische Ausblicke auf den Fluss, eine alte Brücke (die früher Landesgrenze zwischen Preußen und Bayern war) und steile Lagen. Der Erfolg ermöglichte Winzer Karsten Peter neben seinem Job bei Gut Hermannsberg auch die Rückkehr 2021 zum elterlichen Weingut, das mittlerweile verpachtet war, aus Castel Peter wurde das Weingut Karsten Peter, zusammen mit seiner Frau Anne öffnet er jeden Donnerstag die schöne Vinothek, eine Geschichte mit happy-end!
Entdeckt habe ich einen tollen Karsten Peter-Wein in einer Weinbar in Solingen, kein Riesling, aber eine tolle Cuvee aus Weißburgunder und Chardonnay, „Ancestral“, die Gutswein-Linie und praktisch die Visitenkarte des Weingutes. Übrigens das Glas 0,2 Liter in der Weinbar so teuer wie die ganze Flasche am Ölberg, sehr faire Preise bei Stefan Klute, großes Lob! Es bleibt unbedingt unter uns, aber den Wein könnte man auch teurer verkaufen, so besitzt er ein unglaublich gutes PGV (Preis-Genuss Verhältnis). Die Cuvee kommt zitronengelb ins Glas, es zeigen sich feine Bläschen, in der Nase grünes Obst mit deutlichen mineralischen Tönen, im Mund viel Fülle und Schmelz, cremig, dazu herbe Frucht mit feiner aber spürbaren Säure, guter Abgang mit dezenter Würznote, viel Wein fürs Geld, bleibt facettenreich und wird nicht langweilig, endlich mal wieder ein Wein mit €-Zeichen (unter 11 Euro) in der Siegerschankwein-Liste.

Kleiner Zeitsprung, den Chiavennasca (Nebbiolo) Téi 2021 Rosso di Valtellina DOC vom Weingut Sandro Fay aus der Valtellina (Lombardei) fand ich sehr gut und typisch und habe ihn zusammen mit dem schon im Beitrag vorher vorgestellten Vernaccia di San Gimignano von Montenidoli auf eine Blindprobe mit nach Marburg genommen. Dort hat sich rund um den italienischen Sommelier Pietro D’Alto eine sehr nette Weingruppe gefunden und ich war sehr froh, dass ich teilnehmen durfte. Es gab interessante Weine, viel Spaß und Infos und dann kam mein mitgebrachter Rotwein an die Reihe. Die Blindverkoster notierten sehr helles und transparentes Granatrot, in der Nase Pflaume, Kirsche, Rose, etwas Pfeffer, schwarze Olive und Kräuter, sogar etwas Teer, im Mund ganz weich und geschmeidig, fruchtig mit spürbarer Säure, leicht gekühlt ein toller Begleiter zu den angebotenen kleinen Häppchen, feiner fruchtig-würziger Abgang. Der Wein war schön beschrieben und umkreist, ich erwartete ein schnelles Rate-Ende, Italien kam zügig, aber aus irgendeinem Grund, traute man sich erst nicht Nebbiolo zu sagen, der Stil in der Valtellina ist doch noch etwas anders als in der Langhe im Piemont, feiner und leichter, zugänglicher, irgendwann fiel dann aber der Groschen und man kam über Piemont zur Lombardei. Schon recht schwierig, aber man lernt bei der Blindprobe immer sehr viel, der Wein genau wie einige andere Vertreter auf der Probe spannend. Ein schönes highlight meiner viertägigen Marburg-Reise. Grüße an die Gruppe und hoffentlich demnächst wieder Blindprobe in Marburg oder Münster.
Das Weingut Sandro Fay existiert seit 1973, seit 1998 wird Vater Sandro von Sohn Marco und Tochter Elena unterstützt, ca. 20 Hektar (die Hälfte davon gepachtet) in einer der Subzonen des Valtellina-Tals, Valgella (neben Maroggia, Sassella, Grumello und Inferno), steile terrassierte Weinberge auf steinigen Lehmböden mit Granitanteil und alpinen Klima. Jahresproduktion ca. 20 000 Flaschen. Neben den schon vorgestellten Weingütern Dirupi, ArPePe und Barbacan eine schöne Entdeckung.

Taubermündung in den Main bei Wertheim
Und dann trotz grimmer und ausstrahlender Schmerzen endlich eine langersehnte Herzensreise, es ging für fünf Tage ins liebliche Taubertal. Ich wusste schon seit geraumer Zeit, dass es an der Tauber noch Weinanbau gibt, auch das Geschenk in Berlin vom netten Instagramer 1950Michael wirkte noch nach und so starteten Freundin und ich unsere Tour von der Taubermündung in Wertheim flussaufwärts. Die Gegend ist lieblich, verwirrt den gemeinen Tauberanfänger aber auch gerne durch drei aufeinandertreffende Weinregionen, ohne es zu merken, hatte ich plötzlich einen Schwarzriesling aus Baden (Wertheim-Reicholzheim) und einen Tauberschwarz aus Franken (Röttingen) gekauft. Wir wohnten nur ein paar Kilometer von Röttingen entfernt im schönen Weikersheim, befanden uns dort aber in der Weinregion Württemberg. Reisen bildet, nach ein paar Tagen ging mir ein Licht auf.

Sternwarte Weikersheim

Zwei Klassiker: Schwarzriesling von Schlör (Weinregion Baden) und Tauberschwarz von Hofmann (Weinregion Franken) auf dem Marktplatz von Weikersheim (Weinregion Württemberg).
Der leicht angekühlte badische Schwarzriesling Jahrgang 2022 aus der Paradelage Reicholzheimer First (VDP.Erste Lage) kommt rubinrot mit transparenten Rändern ins Glas, komplexe Nase mit Pflaumenkompott, Rote Beete, Kräutern und Waldboden, im Mund sehr schlank und kühl wirkend, feine Sauerkirsche, weich, schmelzig und süffig, perfekt eingebundener Alkohol, langer würziger Abgang, so gut, ein echter Klassiker! Unbedingt probieren und Kombinationen zum Essen finden!
Mit dem Bestehen der Winzermeisterprüfung 1982 und der Rückkehr ins elterliche Weingut wird durch Konrad Schlör zusammen mit seiner Frau Monika ein Qualitätsschub ausgelöst. Man verabschiedet sich 1983 von der Genossenschaft und beginnt mit der Selbstvermarktung und stellt auf reines Weingut um. Durch Qualitätsstreben auf den guten Buntsandstein-/Muschelkalkböden des Reicholzheimer First schafft man es sogar 2010, ein VDP-Weingut zu werden. Zur Zeit ist man bei 6,5 Hektar Rebfläche und ich kann die besondere Qualität des Schwarzrieslings nur bestätigen.

VDP-Weingut Schlör in Baden.

Die Paradelage Röttinger Feuerstein vom Weingut Hofmann in Franken.
Die fast schon ausgestorbene Rebsorte Tauberschwarz stabilisiert sich wieder ordentlich im fränkischen Taubertal, gerade solche Weingüter wie Hofmann aus Röttingen tragen dazu bei, dass man dabei bleibt, wenn man Tauberschwarz erst mal entdeckt hat. Bei mir war es ein Geschenk vom Instagramer 1950Michael in Berlin (2015er Jahrgang Feuerstein „RR“), deshalb kann man die Infos zum Weingut auch dort nachlesen.
Der noch junge Tauberschwarz Feuerstein „R“ 2022 vom Weingut Hofmann kommt transparent rubinrot ins Glas, in der Nase Kirsche und florale Töne, im Mund kräftig und würzig, wieder Kirsche und rote Beeren, spürbare Säure, die einen schönen Kontrast zum feinen Holz bildet, langer, schmelzig feuriger Abgang, unbedingt mal so einen Tauberschwarz probieren!

Treppenhaus Residenzschloss Bad Mergentheim.
Besuch im Lager beim sympathischen Instagramer und Weinhändler Hannes Hofmann (mit spannender Vita) im unterschätzten Bad Mergentheim. Sensationelle und besondere Weinauswahl, wer es nicht glaubt, der suche selbst nach Purpurweine im Internet. Natürlich auch einige Überschneidungen zu meinem blog (z.B. Bardorf, Krämer, Drei Zeilen, Zang und Laura Seufert). Aber ich wollte als Gegenprobe zu meinen „Klassikern“ Schlör und Hofmann zwei junge Wilde, Schwarzriesling (auch woanders bekannt als Pinot Meunier) als Naturwein von den Ehrlenbach-Brüdern und von Banquet of Gods aus Wertheim-Reicholzheim (Baden).

Schwarzriesling 2022 Ehrlenbach-Brüder und Banquet of Gods.
Der Schwarzriesling trocken 2022 Reicholzheimer kommt leuchtend und transparent Rubinrot ins Glas, wurde leicht gekühlt, in der Nase nach Sauerkirschen, roten Beeren, Schlehe und Kräutern, auch im Mund Sauerkirsche, fleischig, saftig, durch guten Säurezug sehr frisch wirkend, gute Länge, salzig-mineralischer Abgang. Sehr feiner und anspruchsvoller Naturwein-Style, Lichtjahre vom Zechwein der Vierteleschlotzer Baden-Würtembergs entfernt. Macht viel Spaß und gibt Hoffnung, dass vielleicht Schwarzriesling im badischen Teil Tauberfrankens noch stärker eine identitätsstiftende Rolle einnehmen kann.
Das Weingut der Ehrlenbach-Brüder Florian und Philipp existiert erst seit 2020, mit den ersten spontan vergorenen Weinen von Muschelkalk- und Buntsandsteinböden rund um Reicholzheim hat man sofort für erste Aufmerksamkeit gesorgt. Florian sah, dass der örtliche Weinbau im Taubertal immer mehr an Bedeutung verlor und beschloss, ein Gegenmodell zu starten. Nach einer Ausbildung zum Küfer in Würzburg im Staatlichen Hofkeller, folgte die Ausbildung zum Winzer beim fränkischen Weingut Horst Sauer in Escherndorf. Erfahrungen mit der Biodynamie bei Manincor in Südtirol und ein Blick über den Tellerrand bei Giant Steps in Australien. Seit 2016 ist er beim Weingut Fürst in Churfranken beschäftigt und trägt als rechte Hand von Sebastian Fürst schon eine enorme Verantwortung. Der Wunsch wuchs, seine Erfahrungen zusammen mit seinem Bruder Philipp, gelernter Industriemechaniker, in das elterliche Weingut einfließen zu lassen.
Auch der „Simple Man 2022“ vom Banquet of Gods ein Schwarzriesling aus Reicholzheim im Naturwein-Style, kommt ebenfalls leicht gekühlt ins Glas, schönes transparentes Rubinrot mit violetten Randreflexen, vielschichtige Nase, Sauerkirsche, Preiselbeere, Rose, etwas Pfeffer, im Mund auch Sauerkirsche, Wacholder, etwas Herbe, kühl, saftig und süffig, frische und gut eingebundene Säure, langer Abgang mit mineralisch-salzigen Noten, gefällt mir ebenfalls super!
Hinter dem Bankett der Götter stehen Lukas Bernhard und seine Freundin Tina. Lukas war bis zu seiner Rückkehr in die Heimat die rechte Hand der bekannten Winzerin Judith Beck im Burgenland am Neusiedlersee. Seit 2021 eigene spannende Naturweine in Reicholzheim, ich drücke fest die Daumen, dass man sich etablieren kann.

Bergfink, Neuses
Und da mich einige meiner Leser immer bitten, mich doch etwas kürzer zu fassen, verschiebe ich die Weinentdeckungen aus den beiden großartigen Restaurants Bergfink (Neuses) und Laurentius (sogar mit Stern! in Weikersheim) in die Zukunft. In der Woche auch ein nicht überfülltes Rothenburg ob der Tauber, irgendwie passte alles, das liebliche Taubertal steht auf unser langen Wiederbesuchsliste.

Rothenburg ob der Tauber

Nähe Dammtor-Bahnhof, Hamburg
Und weiter humpelte ich mich schmerzhaft durch die Kurztripps, auch der mittlerweile 4. Besuch in den Jahren 2024 und 2025 der tollen Stadt Hamburg stand unter diesem Motto. Dieses Mal hatten wir für fünf Tage eine Ferienwohnung in einem schönen Altbau in der Nähe des Dammtor-Bahnhofes. Die faszinierende Stadt zeigte bisher an jedem der bisherigen letzten vier Standorte immer wieder andere Gesichter, beim Erforschen der Umgebung fanden wir eine urige Weinbar.

Natural-Wine Bar und Genuss-Oase, „A wolf will never be a Pet“, Karolinenviertel, Hamburg
Als Natural-Wine Bar in der Nähe unseres Fahrradverleihers im Karolinenviertel ausgewiesen. Wer hat Angst vorm bösen Wolf Latif Dereli? Wir nicht, auch wenn man beim Betreten und Begutachten des Ladens und der Auslagen merkte, dass man es nicht mit zahmen Haustieren zu tun hatte. Der böse Wolf taute dann aber auch immer mehr auf und merkte unsere zunehmende Begeisterung über seine Empfehlungen, Köstlichkeiten wie Austern, Jakobsmuscheln und immer wieder neue Kleinigkeiten, fantastisch der Tomatensalat und das würzige Fleischgericht, dazu ein leicht angekühlter Nerello-Mascalese Naturwein vom Ätna, so ließ es sich am Stehtisch aushalten und der draußen vorbeiziehende schwarze Block reagierte auch nicht auf den austernschlürfenden Weinschank, herrlich! Der Gastgeber war wohl Sous-Chef und rechte Hand von Tim Mälzer in der Bullerei, macht nun sein eigenes Ding, spannend und große Empfehlung für Hamburg!

Nerello Mascalese 2020, Versante Nord, Viticultore Eduardo Torres Acosta, IGT Terre Siciliane, Randazzo, Sizilien
Der Nerello Mascalese (85%) eigentlich ein gemischter Satz vom Nordhang des Ätna, rubinrot mit Randaufhellung, in der Nase Amarenakirsche, Rauch, Leder, Kräuter und erdige Töne, im Mund rote Beeren, sehr saftig und frisch, schlank, kühl und straff, weich und geschmeidig, filigrane Säure, langer Nachhall, mineralisch und ein Tick ganz feines Holz. Begeisternder Naturwein und toller Essensbegleiter!
Ursprünglich bewirtschaftete der 1982 geborene Eduardo Torres Acosta etwas Land auf seiner Geburtsinsel Teneriffa, 2012 ging er zur Weiterentwicklung nach Sizilien und heuerte beim Weingut Arianna Occhipinti an. Fasziniert war er aber vom Weinbau am Ätna und so übernahm er beim Weingut Passopisciaro auch noch eine Stelle als Önologe. 2017 konnte er einige Rebflächen mit altem gemischten Bestand am Nordhang des Vulkans erwerben und seit 2018 produziert er in einem „Garagenweingut“ in Randazzo Naturweine von Höhenlagen. Mittlerweile bewirtschaftet er ca. 5 Hektar.

Gute Stimmung im Witwenball im Schanzenviertel, Hamburg
Abschiedsessen im Witwenball im Schanzenviertel, eine tolle Adresse in Hamburg, wenn es um das Thema Wein geht, österreichisches Restaurant mit feinem Essen und einer großen internationalen Weinauswahl. Die vielen glasweise angebotenen Weine wechseln, was ich als Wiederholungstäter in letzter Zeit bestätigen kann und was mir viel wichtiger als das Essen ist! Eine vielleicht zuerst schockierende These, natürlich möchte ich kein schlechtes Essen, aber als Weinfreak habe ich schon so oft enttäuschende und überpreiste Weinbegleitungen zu fine dining Mehrgang-Menüs erlebt, bei mir darf der Fokus mehr auf dem Wein und weniger auf dem Essen liegen! Im Witwenball, wohl früher wirklich ein Tanzlokal, schafft man den Spagat mit Hilfe der großen Anzahl der offenen Weine, hier geht einiges durch und die Gäste sind auch bereit zu Experimenten. Dadurch wird das Angebot nicht langweilig und mainstream! Respekt an die spannende Auswahl, mir hatte es sofort der Rebula (Ribolla Gialla) von Edi Simcic aus Slowenien angetan, Liebe auf den ersten Schluck!

Rebula 2022, Goriska Brda, Edi Simcic, Vipolze, Slowenien
Der zitronengelbe Rebula (Ribolla gialla) 2022 benötigt viel Luft, zeigt dann aber eine tolle Nase, Blumenwiese, Kräuter, Honigmelone, Toast und etwas Haselnuss, im Mund viel Schmelz, feinfruchtig, Mineralität und voller Spannung, sehr gut integrierte Säure, langer feinwürziger Abgang. Ribolla Gialla kann viele Gesichter zeigen (Schaumwein, Orangewein, tropische Fruchtbombe), hier kommt eine zurückgenommene elegante Stilikone von 25 bis 35 Jahre alten Rebstöcken, Glückwunsch an Edi und Aleks Simcic nach Slowenien.
Gegenüber der hier schon behandelten DOC Collio im italienischen Friaul liegt der slowenische Bezirk Brda. Collio und Brda bedeuten übersetzt übrigens „Hügel“, zwei wunderschöne sanfte Hügellandschaften und prädestiniert für hochwertigen Weinanbau. In Brda bearbeiten Edi und Sohn Aleks Simcic ca. 30 Hektar Rebfläche, die Anfänge von Vater Edi 1990 im Dorf Vipolze waren eher bescheiden. Doch mit furiosen Weinen (Sivi Pinot, Rebula, Malvazija, Chardonnay) gehört man mittlerweile zur Spitzengruppe der Brda-Winzer, auch die Rotweine sollen fantastisch sein.

Zehn Tage Zierikzee in Zeeland!
Und zum Abschluss dieses Beitrages ging es in die schöne Denkmalstadt Zierikzee, Provinz Zeeland, ganz im Süden der Niederlande. Ich hatte ein wenig Sorge und Vorurteile, was das Essen anging, irgendwie spukten mir Frikandel aus dem Schließfach-Automaten im Kopf rum. Das Niveau im malerischen Zierikzee aber ganz anders, viel Fisch und Meeresfrüchte und köstliche Crossover-Salate mit diversen Einflüssen, dazu immer französische Klassiker auf der Weinkarte, wie z.B. aus den Appellationen Muscadet-Sèvre-et-Maine, Montlouis-sur-Loire, Vouvray, Sancerre oder Pouilly-Fumé von der Loire, natürlich auch Chablis aus dem Burgund, so ließ sich wunderbar leben bzw. speisen. Mein Favorit ein Sancerre, entdeckt in der Restobar Bon Vivant in Zierikzee.

Sancerre AOP 2023, La Galette, Domaine Sylvain Bailly, Bué, Loire
Die Ursprünge der Weinbaufamilie Bailly reichen bis ins 18 Jahrhundert zurück, die Geschichte des Weingutes beginnt mit der Errichtung des „La Croix de Saint Ursin“ in Bué 1877. In den 1950er Jahren kann Sylvain Bailly das Weingut kaufen und kontinuierlich mit Weinbergsflächen in der Appellation Sancerre erweitern. Mittlerweile 19 Hektar verteilt auf 23 unterschiedliche Terroirs mit klassischen Kimmeridge-, Kies- und Lehmböden. 80% Anbau von Sauvignon blanc und 20% Pinot Noir ermöglichen die Erzeugung des ganzen Sancerre-Weinportfolios (Weiß, Rosé und Rot). Seit 1995 auch Besitz in der Appellation Quincy, Nachfolger sind Marie-Hélène und Jacques Bailly mit Tochter Sonia, die seit 2007 immer mehr Verantwortung im Weingut übernommen hat.
Blassgelb im Glas, feine und tolle Nase nach Brennnessel, Apfel, Zitronenschale, Grapefruit, Feuerstein, im Mund frische Säure und fruchtig, dazu salzige Mineralität, schöne Länge, ausgewogen, toller Essensbegleiter zu Fisch, Jakobsmuscheln, Austern oder Ziegenkäse. Von den Klassikern mein Favorit auf der Zeeland-Tour.

Ein wenig Südafrika in der Niederlande: Weingut De Kleine Schorre, nur wenige Kilometer nördlich von Zierikzee!
2001 stürzten sich sechs weinverrückte Unternehmer in ihr ganz spezielles Abenteuer, warum auf den zeeländischen Kalkböden nicht Weinanbau versuchen? Das Gelände um den alten Bauernhof De Kleine Schorre im Ringdorf Dreischor auf Schouwen-Duiveland war perfekt und eine Strategie schnell gefunden: wir machen nur Weißweine, die perfekt zu den zeeländischen Spezialitäten Muscheln, Osterschelde-Krebsen, Austern, Plattfischen, Salzastern oder Meeresspargel passen! Es stellten sich schnell Pinot Gris, Pinot Bianco, Rivaner, Auxerrois und Piwis (wie z.B. Souvignier gris) als besonders geeignet heraus. Das neue Weingut wurde erweiterungsfähig geplant, mit Hofladen und schönem Weinausschank eröffnet und sofort gut angenommen. Mittlerweile als Weinlieferant der niederländischen Fluglinie KLM kein Geheimtipp mehr und bei 14 Hektar, trotzdem außerhalb der Niederlande natürlich unterschätzter Exotenstatus.

Weinanbau auf kalkhaltigen Böden, De kleine Schorre, Dreischor, Schouwen-Duiveland

Köstliche Salate in Zierikzee!
Wir wohnten am ehemaligen zugeschütteten Schuithaven in Zierikzee und wurden durch ein Restaurant mit einem weitläufigen Garten und einem Steakhaus mit Abendsonne-Platz mit köstlichen Salaten mit vielen verschiedenen Einflüssen verwöhnt, dazu die angesprochenen französischen Klassiker auf der Weinkarte, richtig super! Als Weintrinker wird man auch ohne Steak- oder sonstige Fleischberg-Bestellung wie ein König behandelt, das tat richtig gut! Ich hatte auch schon vom niederländischen Weingut gehört, war aber noch etwas zögerlich bei der Besuchsplanung, obwohl ich dort gerne die Bouillabaisse probieren wollte. Wie es der Zufall so wollte, gab es den 2023 Rivaner (Müller-Thurgau) von De kleine Schorre auf der Gartenlokal-Weinkarte, da musste ich zugreifen, Ausflug oder lieber nicht? Schon verraten, wir haben ja Fotos gemacht, am nächsten Tag ging es hin!

Favoriten von De Kleine Schorre in Zierikzee.
Der Rivaner 2023 kam blassgelb ins Glas, überraschende Komplexität in der Nase, grüner Apfel, Zitrusfrüchte, blumige Noten, etwas Hefe und Muskat, im Mund spritzige aber milde Säure, mineralische Nuancen, sehr süffig, sehr spannender kreidiger Abgang, toller Wein und Essensbegleiter, keine Sorge!, schmeckt auch in der heimischen Schankweinprobierstube zu köstlichen Butterhandlung-Salaten und Meeresfrüchten vom Wochenmarkt!
Der Souvignier Gris (Piwi Rebsorte) katapultiert mich im blog natürlich nach Rügen , wir bleiben aber im ebenfalls traumhaft idyllischen Zierikzee und im benachbarten Weingut De Kleine Schorre, Souvignier ist eine beliebte Pionier-Rebsorte, ebenfalls sehr gelungen, gelb im Glas mit grünen Reflexen, in der Nase Maracuja und Zitrus, Honig und sogar Pfeffer, im Mund sehr voller Körper, kräftig, dazu eine nussig-cremige Note, im Abgang sehr würzig, toller Wein!, aber bestimmt nicht eyerybody’s darling, ich mochte ihn sehr zur Bouillabaisse! Meine Freundin war sofort raus!

Sehnsuchtsort Zierikzee!
Leider neigt der Weinschank ja immer zu oberlehrerhaftem Misstrauen auf Weinkarten, ein Rosé-Wein von einem reinen niederländischen Weißwein-Weingut?, blog-Leser wissen ja, dass Rosé-Weine nur aus roten Rebsorten gemacht werden dürfen, ich konnte mir nicht vorstellen, wie der junge Service aus dieser Nummer wieder rauskommen wollte. Mit breitem Grinsen fiel das Wort Luxemburg, ein Partner-Weingut und vielleicht auch die Quelle aller Investitionen, nehme ja gerne den Länderpunkt, aber da wäre ich nie drauf gekommen! Mit Strand und „Zeeuwsch Schorretje“ auf dem Etikett, perfekt getarnt!

Zierikzee
Sehr modernes 18 Hektar Weingut an der Obermosel auf der luxemburgischen Seite, Hettermillen,Vorfahren schon mit Weinbau dort ab 1762, aber dann irgendwann Aufgabe und total in Vergessenheit geraten. Nun aber wieder Rückkehr von Familiennachkommen mit Investoren und Neubepflanzung der früher bekannten und ausgezeichneten Steillagen, Pinot Gris, Riesling, Auxerrois und Pinot Noir passen perfekt, Pinot Noir auch die Lösung unseres Rosé-Rätsels.
Der Rosé 2023 kommt lachsfarben ins Glas, in der Nase Erdbeere und ein Hauch getrocknete Aprikose, im Mund leicht und frisch, fruchtig und süffig, dazu ein würzig mineralischer Abgang, eleganter Rosé.

Strand bei Westenschouwen.
Ich benötigte viel Ablenkung von den fiesen Schmerzen beim Gehen, hoffen wir, dass ich irgendwann noch mal ganz schmerzfrei werde, die Hoffnung ist immer noch da!

Blick aus der tollen Ferienwohnung Schuithaven, Zierikzee.
Stöbert doch mal ein wenig im blog, ich lege Euch die Rubrik Reisen zum Wein ans Herz, will mit meiner Freundin nach Bremen und viele Weinbars ausprobieren, die Adressen und Ergebnisse findet ihr dann unter „Bremen„. Und im September geht hoffentlich mein großer Traum in Erfüllung, ich darf den durch den scheußlichen Unfall 2024 ausgefallenen Sabbatmonat nachholen, es geht für 4 Wochen nach bella Italia, bleibt neugierig und dabei, das wird ein Fest!, hier geht es auch im achten Jahr weiter!

Auch Grüße von Zierik!