Salò machte froh, Siena ebenso!

 

Ich konnte nach meinem Fahrrad-Crash den angesparten und ausgefallenen Sabbatmonat 2024 tatsächlich im September 2025 nachholen, schon mal hier tausend Dank vom Weinschank an die Verantwortlichen und die Arbeitskollegen, die das möglich gemacht haben! Eigentlich hätte ja Österreich auf mich gewartet, aber da ich im blog schon unter Schmerzen eine imaginäre Weinreise in die Alpenrepublik konstruiert hatte, um nicht völlig durchzudrehen, fiel meine Wahl als Alleinreisender dieses Mal auf zwei bekannte und klassische Ziele in bella Italia. 

 

Lombardei

Salò, Perle am Gardasee-Westufer, Lombardei.

Über Anreise-Probleme mit dem Zug schreibe ich nicht, um verlorene Lebenszeit zurück zu gewinnen, aber das Städtchen Salò am lombardischen Westufer des  majestätischen Gardasees (60 km lang und mit spektakulärer Berglandschaft umgeben!) hat mich schon immer verzaubert und begeistert. Eine kleine Anekdote, wie ich dieses Paradies und die Umgebung entdeckt habe: 1986 ging es kurz vor dem Abi doch noch auf Klassenfahrt nach Italien, der erste Versuch musste aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, abgesagt werden und es ging als Trost nach Fulda! Auf der Reise nach Rom machten wir Zwischenstopp in Garda am Ostufer des Gardasees, in Venetien, und der begeisterte Schank fragte am Ufer mit Panoramablick die Italienischlehrerin, was denn wohl am anderen Ufer wäre. Die Antwort habe ich nicht vergessen und sie hat mich sehr neugierig gemacht „Am Westufer machen die reichen Leute Urlaub!“. Viele Jahre später wollte ich dadurch immer noch wissen, wie es dort aussieht und die Ecke bereisen, im Antiquariat im Ruhrgebiet kaufte ich einen betagten Osteria-Führer Italien und entdeckte Salò mit drei Einträgen als perfektes Ziel! 

 

Lombardei

Ausblick Hotel Vigna, Salò

Salò liegt geschützt in einer Bucht und hat sich trotz Tagestourismus-Ansturm über die Ausflugsboote viel italienisches Flair erhalten. Es gibt eine wunderschöne lange Promenade, einen Dom, tolle Geschäfte, eine Anlegestelle für die Gardasee-Pendelflotte,  unzählige Bars und Cafes und damals drei große Gastronomie-Klassiker. Das feine Campagnola leider  zur Zeit geschlossen, die Osteria dell’Orologio mittlerweile eine tolle Weinbar und die Osteria Felter alle Rose unter neuer Leitung. Dazu noch mein Liebling, die Osteria di Mezzo der Familie Vanni, dazu später mehr. Durch Zufall habe ich auch das Hotel Vigna direkt am Ufer gefunden, eine echte Konstante durch die sprachbegabte Familie Bassetti und extrem freundliche Mitarbeiter. Die Wohlfühlatmosphäre war sofort wieder geschaffen, jetzt mussten mir nur noch ein paar feine Weine ins Netz gehen.  

 

Lombardei

Quallen gibt es nur auf der Promenade, nicht im See!

Lombardei

Mit dem Sommelier-Gorilla im Schlepptau sollte doch bei der Weinauswahl nichts schiefgehen!

Der Affe taucht immer auf, wenn man am wenigsten mit Ihm rechnet, wahrscheinlich hatte er sich im Koffer versteckt!, auf jeden Fall ist er noch lauffauler als mittlerweile ich mit Oberschenkelhalsbruch-Restschmerzen. Trotz aller Warnungen musste es erste Reihe an der Promenade sein, Naturall Garda Bistrot Salò, ach so! Keine Ahnung, woher der Gorilla immer seine Informationen hat, aber der Laden überzeugte trotz toller Aussicht sehr (ich habe da ja immer so meine Vorurteile!) und der vom Äffle georderte Wein begeisterte sogar! Auf meinen Hinweis, dass ich in der Woche eigentlich Lugana verkosten wollte, antwortete er, dass es mit ihm nur Chiaretto und Franciacorta gäbe, sonst könnte ich ihm endgültig am Arsch lecken, besonders gern mit rauer Zunge! Eine bodenlose Frechheit das Benehmen dieses Gorillas, leider am Gardasee auch bei deutschen Touris keine Seltenheit, auch fremdsprachlich  glänzt der Deutsche in Salò mit „Servus, zwei Expresso!“ oder „N’Abend, allerseits!“.

 

Lombardei

Großartiger Rosè RosaMara von Costaripa!

Im letzten Gardasee-Beitrag siegte ja knapp der Diamante von Comincioli, das begehrte Olivenöl des Weingutes übrigens bei meinem diesjährigen Besuch auch schon wieder restlos ausverkauft (auch so eine Konstante!), der Diamante eher vollfruchtig und wieder stark, aber nun war es höchste Zeit, sich mehr um die sehr eleganten Rosé-Weine der Valténesi-Hügel zu kümmern. 

Das Weingut Costaripa wurde 1936 von Mattia Vezzola Senior in Moniga del Garda in der Valténesi-Kernzone gegründet. Er legte mit dem Kauf erster Weinberge und ersten Erfahrungen als Winzer und Kellermeister den Grundstein für den späteren Costaripa-Erfolg. 1938 kam der erste Rosè-Wein, ein Chiaretto di Moniga, auf den Markt. 1954 stiegen und brachte sich die Söhne Bruno und Franco mit neuen Ideen ins Weingut ein. So gab es z.B. ab 1959 Pferdeeinsatz zur Bodenschonung. 1972 beendete der hochtalentierte Mattia Vezzola sein Önologiestudium und richtete das Weingut mit Vater Bruno und Bruder neu aus. Bei einer Reise in die Champagne im gleichen Jahr, entdeckte er die hochwertige Schaumweinherstellung für sich, das Portfolio von Costaripa wurde ab 1973 um Schaumwein erweitert und sein Talent und sein Können ließen ihn sogar Kellermeister bei der berühmten Franciacorta-Kellerei Bellavista werden. 1983 entstand der erste Jahrgang vom Rosè-Wein RosaMara. 2004 gönnte man sich eine neue moderne Kellerei für Rosèwein, die 2020 mit einem Erweiterungsbau für Schaumweine ergänzt wurde. Mittlerweile verfügt man über ca. 36 Hektar Weinbergsfläche.  

Alles an dem Rosè RosaMara ist elegant, eine Cuvee aus de Rebsorten Groppello, Marzemino, Sangiovese und Barbera, leuchtende Lachsfarbe, in der Nase dezenter aber wahrnehmbarer Duft nach Erdbeere, Granatapfel und Weißdorn, im Mund rund, harmonisch und straff, feine Säure, dazu Beerenfrucht und mineralische Anklänge, seidig und saftig, langer Abgang mit einem leichten Bittermandel-Ton, gefiel mir super und entpuppte sich auch als perfekter Begleiter zu Antipasti und Fisch. Im Naturall Garda Bistrot wurde vergessen, die Flasche auf die Rechnung zu setzen, der Gorilla war natürlich sofort verschwunden!, aber ich habe die Flasche nachgemeldet, ehrlich währt am längsten!

 

Lombardei

Valtènesi-Hügellandschaft

Nachdem mir der Gorilla die ganze Nacht die Ohren vollgeschnarcht hatte, ging es am nächsten Tag in die schon erwähnte Osteria dell’Orologio, die sich seit meinem letzten Besuch stark verändert hatte, eine richtig schöne Weinbar mit unzähligen offenen italienischen Weinen ist entstanden. Es herrscht in den historischen Räumlichkeiten immer Betrieb, die Pächterfamilie ist nett und weinverrückt, es gibt köstliche Essensbegleitung und auch Gorillas werden bedient. Natürlich musste es gleich wieder eine Flasche sein, auf meinen Hinweis auf die vielen offenen Weine auf der Tafel, meinte das Tier nur, wer weiß, wie lange die Flaschen wohl schon offen stünden, das sollten die Trottel an den Nebentischen mal alleine saufen. Die ausgewählte Flasche aber wieder köstlich, da lässt man dem Getier schon einiges durchgehen. 

 

Lombardei

Köstlicher Rosè-Wein 2024 von Le Chiusure

Vor über 30 Jahren beschloss Alessandro Luzzago aus Brescia aus dem sehr theoretischen Lehrbetrieb der Hochschule für Agrarwissenschaften in Florenz auszubrechen und sich in ein sehr praktisches Abenteuer zu stürzen, er kaufte das Weingut Le Chiusure hoch über der Bucht von Salò in Portese. Seit 1989 werden hier auf 4 Hektar traditionelle Rosè-Weine gekeltert, dazu auf 2 Hektar noch etwas Olivenöl. Mit dem Nachzug seiner Frau Paola 1990, investierte man auch noch in Gäste-Appartements und in ein Restaurant (mittlerweile leider geschlossen!), um gleich wunderbare pairings zum Wein anbieten zu können. Die ganze Gegend ist ein Paradies, aber genau wie in vielen anderen Weingegenden werden der Bauspekulation viele Weingärten geopfert. Hier sieht sich das Ehepaar Luzzago als Gralshüter, die Zeit scheint still zu stehen, man hat sich weder vergrößert, noch ist man je von seinem Stil abgewichen, im Gegenteil, 2019 wurde man biologisch zertifiziert. Jeden Dienstag darf man ab 18 Uhr zu einer Probe kommen, ich war mit dem Schiff zum zauberhaften Hafen Portese unterwegs, kam dann aber mit meinen Laufschmerzen nicht den steilen Berg hoch, ich tröstete mich an einem meiner Lieblingsplätze am Gardasee im Restaurant Osvaldo am Hafen Portese mit Rosè von Le Chiusure.

Blasses Altrosa, wunderbare Nase nach Erdbeeren, Pfirsich und weißen Blumen, im Mund trocken, aber dennoch mit Beerenfruchtanklängen, dazu gut eingebundene Säure, sehr frisch, schmelzig und süffig, im langen Abgang auch mineralische Töne. Toller Essensbegleiter zu Antipasti, Pizza, Fisch oder Curry. Ein weiterer Favorit! 

 

Lombardei

Der Hafen von Portese.

 

Lombardei

Portese-Blick.

Der gierige Affe ließ mir keine Ruhe, Besuch des Restaurants Quanto Basta 2.0 direkt am Seeufer. Ich kenne das Restaurant schon lange, in seinen Anfängen residierte man in einem schönen steinernen Bauernhaus hoch über Salò, im Dorf Campoverde. Als sich die riesige Chance bot, Räumlichkeiten mit einer Terrasse direkt am See zu pachten, zog man um und setzte als Suffix 2.0 hinter seinen Namen. Sehr feine Küche und großartige Weinkarte (auch mit Costaripa!!!), aber der Gorilla wollte unbedingt den Chiaretto-Geheimtipp von Leali di MonteAcuto. 

Verlässt man die meistens laute und mit Einkaufszentren zugepflasterte Verbindungsstraße zwischen Salò und Desenzano bei Raffa und geht einen schmalen ausgeschilderten Weg Richtung Monteacuto ins Tal runter, wähnt man sich in einer anderen Welt. Hier wohnt die Familie Leali seit Generationen auf einem Bauernhof, mittlerweile sind es Vater Antonio, Sohn Simone mit Frau Antonia und Tochter Marta. Sie bewirtschaften wunderschöne 8 Hektar Wein- und 6 Hektar Olivenanbau-Fläche, im Tal herrscht ein besonderes Mikroklima, oft wehen Winde vom Gardasee rüber. 

 

Lombardei

Valtènesi Chiaretto 2024, Leali di MonteAcuto, Puegnano del Garda, Brescia, Lombardei

Der Chiaretto ist ein Blend aus den Rebsorten Marzemino, Groppello, Sangiovese und Barbera, leuchtet Lachsfarben, in der Nase Erdbeere, Pampelmuse und Rosenblüte, im Mund trotz dezenter Säure viel Frische und Süffigkeit, schöne Beerenfrucht, schöner Abgang mit Grapefruitnote. Ist ein herrlicher Aperitivwein, passt aber auch zu Antipasti, Pizza oder Fisch.  

 

Gardasee

Krokodil in Sirmione.

 

Gardasee

Blick von Gardone Sopra auf den Gardasse.

Nach Ausflügen nach Sirmione und Gardone Sopra war mir klar, dass ich den dominanten und frechen Gorilla endlich loswerden musste. Am Anreisetag mit dem Bus hatte ich auf der Durchgangsstr. von Desenzano nach Salò eine abgefahrene Ausstellung knallbunter Kunststofffiguren gesehen und dem Gorilla dann von seinem Ahnenfriedhof vorgeflunkert. Dort wollte ich zusammen mit ihm eine Flasche Franciacorta fotografieren. Barone Pizzini ist zur Zeit die Hausmarke im Hotel Vigna (dort hatte ich vor vielen Jahren auch mal den großartigen Franciacorta Villa entdeckt), am besten gefiel mir der 2021 Satèn. Der Affe war vom Skulpturenpark und seinen Ebenbildern total begeistert, ich nutzte sofort seinen schwachen Moment aus und nahm den Bus zurück nach Salò, um völlig überstürzt mit dem letzten Boot nach Desenzano abzureisen. Der Affe wusste nichts von meinen Weiterreise-Plänen und wurde kalt erwischt.

 

Lombardei

Franciacorta Satèn 2021, Barone Pizzini, Provaglio d’Iseo, Brescia, Lombardei

Das Unternehmen Barone Pizzini gilt als Bio-Pionier in der Franciacorta, weil man seit 1998 konsequent Bio-Schaumweine erzeugt. Mittlerweile kann man auf mehr als 50 Hektar in den besten Anbaugebieten der Franciacorta zurückgreifen, man besitzt ca. 30 Parzellen in vier Gemeinden. Chardonnay spielt mit 70% die Hauptrolle, apropos, der Gründer des Weingutes, Barone Edoardo Pizzini, war ein innovativer und einfallsreicher Mann, er ließ 1927 einen der ersten Golfplätze Italiens in der Lombardei anlegen.

Der Satèn 2021 kommt leuchtend strohgelb ins Glas, in der Nase florale Töne, Zitrus und Mandel, anhaltende, aber sehr feine Perlage, im Mund frisch, seidig und cremig, leichte Zitrusnote, sehr elegant, lang anhaltender Abgang. Feiner Franciacorta! 

 

Toskana

Bahnhof Siena

Ohne den Gorilla durch die Emilia-Romagna und die halbe Toskana ins großartige Siena, herrlich!. Wenn man vom Bahnhof kommt, merkt man sofort, dass Siena geschützt auf einem Hügel liegt, nach ca. 7 Minuten Fahrt mit diversen Rolltreppen ist man oben an einem der Stadttore. Um die Toskana-Fraktion ist es sehr ruhig geworden, Oskar und Gerhard machen wahrscheinlich mittlerweile woanders Urlaub (Russland, Südkorea), auch Ulrich Deppendorf wurde nicht mehr gesehen. Das letzte Lebenszeichen aus Siena von viertklassigen Wein-Instagramern, die sich für zwei Tage von einem Weinunternehmen mit nagelneuem Weingut einladen ließen und dann die Weine auf ihren Kanälen bejubelten. Wein ist ja immer Geschmackssache, aber diese Typen machten sich mit ihrer Gier und Geltungssucht richtig lächerlich und unglaubwürdig, immerhin konnte man sich so bei Instagram auf einem Schlag von einem halben Dutzend käuflicher und ahnungsloser Unsympathen trennen. Von Siena erfuhr man von diesen Vögeln fast nichts, dabei handelt es sich um eine traumhaft schöne und geschichtsträchtige Stadt.  

 

Toskana

Basilica di San Domenico und Duomo in Siena.

Wenn man eine Stadt schon mehrmals mehrere Wochen besucht hat und viele Jahre dazwischen liegen, ist es manchmal hart, die negativen Veränderungen zu sehen. Eines meiner Lieblingslokale in der Nähe der Basilica San Domenico ist nicht mehr da, aber dafür an gleicher Stelle das Ristorante Masgalano mit großer Weinauswahl. Und ich erinnerte mich sofort an einen tollen gereiften Wein, den ich damals probieren durfte und beim nächsten Restaurantbesuch sofort nachbestellen wollte, war damals leider die letzte Flasche! Und beim Abschreiten der Weinregale fand ich tatsächlich im Masgalano das Weingut wieder, Contucci mit einem Vino Nobile di Montepulciano, große Wiedersehensfreude!, im Restaurant geordert, verkostet, später nachgekauft, wieder verkostet, fotografiert! 

 

Toskana

Vino Nobile di Montepulciano 2020, Cantina Contucci, Montepulciano, Toskana

Der Vino Nobile di Montepulciano 2020 eine Cuvee aus Prugnolo Gentile und Canaiolo Nero kommt leuchtend Rubinrot ins Glas, tolle Nase nach Kirsche, Dörrobst (Pflaume) und Rumtopf, etwas Leder und ein Hauch Röstnoten, im Mund fruchtig verspielt, wieder Kirsche, aber auch dunkle Beeren, sehr weich und rund, feine Säure und ganz dezente Holznote, langer und eleganter feinwürziger Abgang. Schöner Begleiter für Pasta und Fleisch, sehr gelungen, macht sehr neugierig auf das weitere Sortiment! Bravo!

Im pittoresken Montepulciano residiert die Familie Contucci in einem wunderschönen Palazzo mit uralten Kellern und einem Toskana-Garten mit Traumblick bis zum Trasimeno-See (wenn das Wetter mitspielt!). Die Weinbautradition der Familie reicht bis 1773 zurück, die Familienwurzeln mit dem Einhorn im Wappen lassen sich sogar bis ins 11. Jahrhundert zurück verfolgen. Aktueller Besitzer des Weingutes ist Alamanno Contucci, unterstützt vom charismatischen Andrea (nachträglich alles Gute zum 60. Geburtstag!) und Ginevra. Man besitzt 170 Hektar Land, davon sind 15 Hektar für den Vino Nobile reserviert, aus weiteren 6 Hektar kommen die Trauben für Rosso di Montepulciano, Bianco della Contessa und den Vin Santo. Auf Sand-, Lehm- und Tonböden wachsen die begehrten Prugnolo Gentile-Reben (spezieller Sangiovese-Klon), aber auch Canaiolo Nero, Mammolo, Colorino, Trebbiano Toscano, Malvasia del Chianti und Grechetto nach biologisch zertifizierten Spielregeln. 

 

Toskana

Die Gänse haben das Ding!, Contrada dell’Oca…

Aus dem beschaulichen Montepulciano zurück ins Ristorante Masgalano im brodelnden Siena. Fast gefühlt jeden Abend waren die Gänse aus der Contrada dell’Oca lautstark mit Trommeln und dem Masgalano unterwegs, eine Art Standarte, extra für jeden Palio (zwei Rennen im Jahr!) von einem Künstler angefertigt. 2025 siegte man beim berühmten Pferderennen auf der Piazza del Campo vor 50 000 teilweise euphorisierten Zuschauern und zeigt nun stolz den anderen 16 Stadtvierteln seinen Gewinn. Entstanden ist das gefährliche und teilweise brutale Rennen auf dem muschelartigen Platz durch die Rivalität der 17 Stadtviertel untereinander, eigentlich früher militärische Bezirke, die im Notfall und beim Fall der Mauer als letzte Instanz die Stadt verteidigen sollten. Dazu ein kleines katholisches Marienwunder und ein regelmäßig stattfindener Wettbewerb zu Ehren irgendeiner Heiligen nahm seinen Lauf. Das Rennen selber ist umstritten, besonders bei Pferdemetzgern beliebt, würde ich nie besuchen, aber großartig ist die Energie, die vor und nach dem Ereignis ausgeht. Verschlafene Stadtviertel mit speziellen Wappen erwachen zum Leben, werden geschmückt und rausgeputzt, jedes Viertel hat ein eigenes Museum, einen Stall für das zugeloste Pferd, eine Kirche zur Segenserteilung, einen Brunnen und viel soziales Leben. Man gehört durch Geburt zu seiner Contrada, auch Wegzug hilft da nicht, man hilft sich aber, man feiert und leidet zusammen, beim Gang durch die Viertel sieht man den Lauf des Lebens, neue Mitglieder durch Geburt werden auf Aushängen freudig begrüßt, ein verdienter Stallmeister wurde dagegen zu Grabe getragen. 

 

Toskana

Für mich zwei Wochen einer der schönsten Plätze Europas, Piazza del Campo, auch ohne Palio!

Meine Ferienwohnung lag an einer Dreifachgrenze, eigentlich direkt zwischen den Vierteln Lupa (Wölfin), Drago (Drache) und Istrice (Stachelschwein), letztere Contrada bot eine Vielzahl an Restaurants und Weinbars, besonders anziehend wirkte das Restaurant „Salefino Wine and Cuisine“ auf mich, etwas abseits, aber mit Terrasse und großer Weinkarte. Es gab ein tolles Menü und meine Wahl fiel auf einen Rosso di Montalcino 2020 von Salicutti. 

 

Toskana

Rosso di Montalcino 2020, Podere Salicutti, Montalcino, Toskana

Leuchtendes Rubinrot, ausdrucksstarke und irre Nase nach Beeren, Kirsche, Kräutern, Tomate, Pfeifentabak und Waldboden, im Mund sehr fein mit toller Tiefe, Kirsche, balsamische Noten, weich und saftig, geschliffene Tannine, vibrierende Säure, elegant ausbalanciert, langer fruchtiger Abgang mit etwas Würze! Der „kleine Brunello“ ganz groß, wunderbarer Essensbegleiter zu Pasta und Fleisch, passte perfekt zur Salefino-Küche.

Podere Salicutti wurde vom betagten Francesco Leanza an den Besitzer des Restaurants Tantris in München, Felix Eichbauer, verkauft. Diese Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Francesco Leanza kaufte 1994 das kleine heruntergekommene Weingut und lebte nach aufwändiger Restaurierung dort und machte es mit leidenschaftlicher, akribischer und strategischer Arbeit  zu einem Juwel Montalcinos. Dabei stellte er mit einer Gruppe gleichgesinnter Freunde (SPA – Sangiovese per Amici) strenge Spielregeln auf, die weit über die DOCG-Vorschriften hinausgingen. Er wollte elegante und authentische Weine der Region erzeugen, irgendwelche Qualitätseinbußen zugunsten des großen ausländischen Exportmarktes waren mit ihm nie zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass das Erbe von Francesco Leanza weitergeführt wird.  

 

Toskana

Mein Besuch in Montalcino.

Von der Terrasse des Restaurants Salefino hatte ich abendliche Straßenläufer im Wettkampf beobachtet und dabei gesehen, dass der Service ab und an über die Straße lief, um etwas zu holen. Nachforschungen ergaben, dass sich auf der anderen Seite noch eine Weinbar mit kleinem Außenbereich versteckte. Ich war so neugierig, ob das großartige Weinniveau gehalten werden konnte und saß deshalb ein paar Tage später unter Bäumen vor der Weinbar. Es wurde schnell dunkel und bei jedem Schluck Wein wendete ein Autobus in einer Art Schleife über mir und ließ immer kurz einen Spot aufblenden. Das hatte der Wein auch verdient, wieder ein Rosso di Montalcino, dieses Mal ein 2022er vom Weingut Mastrojanni.

 

Toskana

Rosso di Montalcino 2022, Weingut Mastrojanni, Montalcino, Toskana

Kam leuchtend Rubinrot ins Glas, in der Nase Kirsche, Himbeere, Leder und Lavendel, im Mund feinfruchtig elegant und edel, dabei voll, Kirsche, Olive und Mineralnoten, geschliffene Tannine, perfekt hinterlegte Säure, sehr langer Abgang, wow!, noch so ein Schatz! Auch dieser Rosso di Montalcino macht Lust auf mehr!

1975 wurde im südlichen Teil der Brunello di Montalcino DOCG von Gabriele Mastrojanni, einem Rechtsanwalt, das Weingut gegründet. Seit 1992 lenkt Manager Andrea Machetti die Entwicklung und Ausrichtung von Mastrojanni, es konnte der Top-Önologe Maurizio Castelli gewonnen werden und auch nach der Übernahme 2008 durch die Kaffeeröster-Familie Illy aus Triest, blieb man trotz großer Investitionen ein traditioneller Betrieb. Im Schutze des erloschenen Vulkans Monte Amiata wachsen auf ca. 24 Hektar hauptsächlich Sangiovese-Reben auf lockeren Lehm- und Kalkböden, die zu kraftvollen, klaren und konzentrierten Weinen führen.

 

Toskana

In Montalcino.

Nach dieser kleinen Serie war klar, dass ich noch einmal wiederkommen musste, um einen berühmten Brunello di Montalcino zu probieren. Dieses Mal wollte ich in aller Ruhe in der Weinbar „Bottiglieria Salefino“ verkosten und holte mir nettes Personal zur Hilfe. Die Auswahl war nicht klein und trotzdem riet man mir zu einem Außenseiter-Wein aus Montalcino, einem  Toscana Sangiovese „Alberello“ von Francesca und Margherita Padovani, Weingut Fonterenza. Dabei verwirrte mich erst das Wort „Alberello“, ich dachte an die Trulli-Stadt in Apulien, „Alberobello“, „Alberello“ ist aber der italienische Name der Reberziehung in Buschform. Die Zwillingsschwestern Francesca und Margherita, eigentlich Mailänderinnen, starteten 1999 mit 1,5 Hektar und erfüllten sich damit einen lang gehegten Traum. Das elterliche verlassene Ferienhaus in Montalcino mit etwas Landbesitz wurde reaktiviert und in ein Weingut umgewandelt,  Rebanbaufläche um Montalcino ist mittlerweile unbezahlbar, großes Glück für die weinverrückten Schwestern!. Auf lehmigen Kalksteinböden überzeugen sie mit 100% biodynamischer Anbauweise und konzentrierten Sangiovese-Weinen, mittlerweile besitzen sie 4,2 Hektar.

 

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Weinregal in der Weinbar Salefino in Siena.

Als ich gerade vollkonzentriert den ersten Schluck nehmen wollte, startete links von mir ein herrliches Chaos, auf einer Leinwand liefen alte SW-Stummfilmklassiker, sehr viel Kreativität, Überraschung und Freundlichkeit in den Salefino-Läden, hab mich dort immer super wohl gefühlt, aber nun wurde es ernst, sollte auch der dritte Wein aus Montalcino überzeugen?

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Toscana Sangiovese 2020, Alberello, Francesca und Margherita Padovani, Weingut Fonterenza, Montalcino, Toskana

 

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Salefino-Style in Siena.

Kam leuchtend und transparent Rubinrot ins Glas, tolle Nase nach Kirsche, Beeren, etwas Hagebutte, dazu getrocknete Kräuter, Zedernholz und Veilchen, im Mund kühl und frisch, elegant, ausgewogen und harmonisch, Kirsche, etwas pfeffrig, feine Würze, sehr voll und tief, langer köstlicher Abgang mit einer mineralischen Fruchtkomponente. Sangiovese von ca. 20 Jahre alten Rebstöcken in Bestform von einer 0,5 Hektar Lage. Damit war die kleine wunderbare Rotwein-Serie komplett, werde wiederkommen, das war ein tolles Erlebnis! Salefino!

 

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Conca d’Oro bei Panzano.

Neben Montalcino im Süden Sienas besuchte ich auch das Chianti Classico im Nordosten und schaute mir neben Castellina auch die Conca d’Oro in Panzano an, eine berühmte muschelförmige, sanft abfallende Amphitheater-Weinlage mit noch berühmteren Weingütern. Sehr schön alles, aber ich wollte lieber auf dem Rückweg das Weingut San Giusto a Rentennano hoch über dem Flüsschen Arbia besuchen. Ich kam natürlich auf verschlungenen Pfaden auf den letzten Drücker, aber ich durfte mir das unglaublich schöne Weingut mit aussichtsreichem Garten (Ausblick bis zum Monte Amiata) ansehen und auch einkaufen. Auf etruskischen Grundmauern entstand ein Zisterzienser-Kloster (erste Erwähnung 1204) und später eine Befestigungsanlage. Als die Anlage ihren strategischen Wert verlor, besann man sich wieder auf den Wein- und Olivenanbau der Mönche, die schon ganz früh den Wert des Terroirs entdeckt hatten. Durch Erbschaft ging das Weingut 1957 an Enrico Martini di Cigala über, der es 1992 dann an seine drei Kinder Francesco, Luca und Elisabetta weitervererbte. Mittlerweile ist man bei biozertifizierten 31 Hektar Wein- und 11 Hektar Olivenanbau.     

 

Toskana

Weingut San Giusto a Rentennano

 

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Chianti Classico im Garten von San Giusto a Rentennanno.

Der Chianti Classico DOCG 2023 (95% Sangiovese und 5% Canaiolo) kommt rubinrot ins Glas, ausdrucksstarke Nase nach Kirsche, Gewürzen, Veilchen, Leder und Zedernholz, im Mund feinwürzige Kirschfrucht, etwas Himbeere, elegant und feingliedrig, weich und harmonisch, cool climate (deutliche Unterschiede zu den „wärmeren“ Montalcino-Weinen), noch etwas ungestümes Tannin, frische Säure, dazu langer minerlisch-würziger Abgang, bietet trotz seiner Jugend schon viel Trinkgenuss und ist ein idealer Essensbegleiter der italienischen Küche. 

Der Chianti Classico Riserva le Baròncole DOCG 2022 (97% Sangiovese und 3% Canaiolo) kommt transparent und leuchtend Rubinrot ins Glas, Gewürze, dahinter die bekannten Kirsch- und Beerennoten, dann auch Tabak, Leder, Zedernholz und pflanzliche Noten, sehr schön, im Mund schon sehr weich und rund, voll, saftig, sehr elegant und warm, wieder Beeren, langer würziger Abgang mit einem Tick Alkohol-Brandigkeit, hier muss noch Zeit für die richtige Balance sorgen. Großartiger Chianti Classico Riserva als Essensbegleiter mit Lagerpotential. 

 

Toskana

In Siena.

Zurück in Siena besichtigte ich die  an meine Ferienwohnung angrenzende Lupa-Contrada, mittags saß ich draußen vor einem Brunnen im Außenbereich des sehr guten Ristorante Dal Vitti. Köstliche Pasta („Pici“) im Angebot und auf der Weinkarte gab es neben weißen Toskanern einen Weißwein aus Kampanien, ich war sofort neugierig und fragte nach, der Wein wurde noch mal ausdrücklich empfohlen. Ein verheißungsvoller Pirat aus Caserta (Kampanien) in der Toskana? Was soll ich schreiben?, ich fand den Wein so toll, dass ich zum Wiederholungstäter wurde und wiederkam, das begeisterte dann wieder den sehr freundlichen Service, eine win-win Situation! 

 

Campania

Calù, Pallagrello Bianco 2023, Terre del Volturno IGT, Societá Agricola Sclavia, Liberi, Caserta, Campania

Vom Jahrgang 2023 Calù nur 5130 Flaschen (also jetzt nur noch 5128!), 85% aus der seltenen Rebsorte Pallagrello Bianco und 15% Fiano, strohgelb im Glas, in der Nase Aprikose, Melone, etwas Honig, Mandel und nasser Stein, im Mund sehr druckvoll und harmonisch, feine Frucht und viel Mineralität, dazu schöne Länge mit etwas Würze, drehte zur Pasta noch mal mächtig auf, konnte mich dem Charme des Weißweines überhaupt nicht entziehen. Schöner Glückstreffer!, so etwas gelingt nur, wenn auch in der Gastronomie Weintrinker bzw. -kenner tätig sind. Wenn ich das richtig verstanden habe, pflegt das „Dal Vitti“ seine Weinkontakte und jemand vom Weingut war sogar vor kurzem vor Ort in Siena. Bravo!, hat mir alles extrem gut gefallen, auch hier ein Riesenlob vom Weinschank! 

Wer verbirgt sich hinter Sclavia?, jetzt war ich aber neugierig: ein kleines Weingut nördlich von Neapel in einer uralten Weinlandschaft im Dorf Liberi mit Besitz von Vulkanböden, das 2003 indirekt durch den Arzt Andrea Granito mit der Nachpflanzung schon fast verschwundener autochthoner Rebsorten  wie Casavecchia oder eben Pallagrello Bianco gegründet wurde. 2012 dann der offizielle Start mit Lucia Ferrara und dem Önologen Maurizio Alongi als Weingut Sclavia, Sclavia ist der alte Name der langobardischen Gründungsväter für den Ort Liberi. Moderne Architektur und Technik, dazu die historischen Rebsorten, hier entsteht ganz sicher was!

 

Toskana

Ristorante Campo Cedro

In der Contrada der Wölfin auch das Ristorante Campo Cedro, hochgelobt und hochbewertet, dafür versteckt gelegen. Tolle Cross-over Küche mit asiatischem Einschlag, trotzdem auch immer ein regionaler Toskana-Bezug, ich war sehr gespannt, was wohl für ein Rotwein empfohlen würde. Und es wurde ein Cabernet Franc zum Mehrgänge-Menü gereicht, Weingut Vallepicciola aus Castelnuovo Berardenga, Mordese 2020, da hätte ich ja nie mit gerechnet, aber gespannt war ich wie ein Flitzebogen. Bekomme bei zu hohem Alkoholgehalt (14,5%!) auf dem Etikett bei Weinen schon immer vorher einen leichten Nervenzusammenbruch, in diesem Fall aber völlig unnötig, ein seltener gelungener Fall ohne jede Brandigkeit! 

 

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Mordese 2020, Cabernet Franc, Vallepiciola, Casteluovo Berardenga, Toskana

100% Cabernet Franc, tiefes undurchdringliches Rot, in der Nase schwarze Beeren, Kirsche, Tabak, Pfeffer und Gewürze, am Gaumen voll, warm und samtig, kräftig und trotzdem sehr elegant, beerig, schon runde Tannine, langer Abgang mit einer feinen Würznote. Auch sehr schöner Essensbegleiter, ein Allrounder, passt zu Blauschimmelkäse, aber auch zu Ente oder Schweinebraten. Hat mir sehr gut gefallen!  

1997 gegründetes modernes Weingut bei Castelnuovo Berardenga, dem südöstlichen Zipfel des Chianti Classico Gebietes,  wurde aufgekauft und gehört mittlerweile zur großen familiengeführten Zonin-Gruppe aus Venetien, dadurch auch mit Beratung durch den berühmten Önologen Riccardo Cotarella. Ca. 110 Hektar der typischen Toskana-Böden mit Kalkstein, Ton, Sand und Tuffstein-Anteil, neben dem Hauptanteil Sangiovese bleibt auch noch viel Platz für internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot.  

 

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Ausflug nach San Gimignano.

Toskana

Schon schön!

Ausflug ins schöne San Gimignano und nach einiger Zeit zwischen den Menschenmassen dann doch irgendwie der Wunsch, die Stadt der Türme hinter mir zu lassen und ins Tal zu alten Bekannten aus dem blog abzusteigen, Weingut Montenidoli. Es ging aber richtig steil bergab und sobald man die Umgehungsstraße unterquert hatte, ging es dann auch wieder aufwärts. Eine wunderschöne Weinlandschaft tat sich auf und man hatte fantastische Panoramablicke zurück nach San Gimignano. Kurz vor Erreichen von Montenidoli passierte ich das Weingut Panizzi und erinnerte mich daran, dass ich das Weingut schon seit Jahren vorstellen wollte. Entdeckt bei einem Restaurantbesuch in San Gimignano (Osteria delle Catene) und später noch mal auf der ProWein in Düsseldorf. 

 

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Vernaccia di San Gimignano DOCG 2023, Vigna Santa Margherita, Panizzi

Im Jahre 1979  kaufte der Mailänder Giovanni Panizzi das Landgut Santa Margherita als Aussteigertraum. Nach akribischer Vorbereitung läutete er mit besten Böden, strenger Ertragsbegrenzung, Handlese und raffinierter Kellertechnik mit dem Erstjahrgang 1989 die Renaissance der bekannten aber doch unterschätzten Rebe Vernaccia ein. Er gewann fast mit jedem Jahrgang Preise und konnte sich weitere wertvolle Parzellen in der Traumlandschaft sichern. Ein kleiner Boom entstand und Giovanni wurde sogar Präsident des Schutzkonsortiums Vernaccia di San Gimignano. Im Jahre 2005 übergab Giovanni das Weingut an Luano Niccola, der es wiederum an seinen Sohn Simone weitergab, der es nun ganz im Sinne des Gründers weiterführt. Mittlerweile ist man bei einer Jahresproduktion von ca. 300 000 Flaschen und glänzt neben den Weiß- auch mit Rotweinen.  

Dann endlich angekommen beim leider schon geschlossenen Weingut Montenidoli, merkte ich beim Finden einer perfekten Stelle für Fotos auf die gegenüberliegende und  überragende Geschlechter-Türme Stadt San Gimignano, dass die wertvollen Rebstöcke mit Stromzäunen gesichert waren, trotzdem konnte ich unter  begrenzter Lebensgefahr ein ganz gutes Foto machen und in die Stadt der Türme zurückkehren, um mich mit zwei Flaschen der beiden Weingüter im schönen und altbekannten „Mari dal 1920“ einzudecken.

 

Toskana

Blick von Panizzi auf San Gimignano

Der Vernaccia di San Gimignao 2023 DOCG , Vigna Santa Margherita kommt strohgelb ins Glas, tolle Nase mit floralen Eindrücken, die durch Akazie, Ingwer und Pampelmuse ergänzt werden, im Mund supersüffig und schmelzig, gut eingebundene Säure, trocken und frisch, mittlerer Körper mit Frucht, Mandel und Mineraltönen, langer Abgang mit feinwürzigem Abgang. Klassiker, der viel Spaß macht!   

 

Toskana

Siena und seine 17 Contraden.

Zurück in Siena wollte ich vor meiner Abreise zurück zum Gardasee noch ein großes Rätsel lösen: in welcher Contrada hatte ich jetzt eigentlich wirklich meine Ferienwohnung? Wölfin, Drache oder Stachelschwein? Wenn ich doch bloß besser italienisch könnte, es klingelte dauernd vormittags an meiner Haustür und ich hätte das direkt klären können, die Leute wollten zum Zahnarzt und ich sagte „Buongiorno“ und zeigte mit dem Finger nach oben. Es wurde dann immer viel gelacht, ich war mir aber nicht sicher, ob das auch nach dem Besuch bei der Zahnarztpraxis über mir so bleiben sollte. Auf jeden Fall wälzte ich Karten, ging ins Museum und schritt noch mal meinen historischen Wohnblock ab, eine ganz knappe und schockierende Nummer, Stachelschwein fiel weg (war auf der andere Straßenseite beim Frisör), Lupa war es dann ganz knapp auch nicht, ich war wirklich bei den Drachen! Da musste ich erst mal mit fertig werden, im Viertel war ich zwar Stammgast, jeden Tag Frühstück in der urigen Bar Siena um die Ecke und beim Erklingen des Aperitivo-Glöckchens war ich immer auf ein oder zwei Feierabendbiere im TAZ Siena an einem riesigen (zum Glück verkehrsberuhigten) Kreisverkehr. Supernetter Service, belgisches IPA vom Fass zum Niederknien, dazu die beliebten Gratisbeigaben, hier konnte man es echt aushalten, sofort mein Stammladen! Von meinem Platz draußen konnte ich den Brunnen und einen Aufgang zum Contrada-Museum Drago beobachten, irgendwie liegt die Contrada im Dornröschenschlaf, 2026 gibt es wieder zwei Rennen und es muss ein Sieg her, dann geht es rund wie bei Regen in der Wüste! Selber dieses Jahr bei den Siegervierteln der Gänse und den Widdern aus dem Tal (Valdimontone) bemerkt. Also am 02. Juli und 16.August 2026 die Daumen drücken, ich schreibe natürlich eine Randnotiz!

 

Toskana

Köstliches belgisches IPA vom Fass im TAZ Siena!

Aber irgendwann ist jede Zeit abgelaufen, war dieses Mal nicht ganz so schlimm, ging ja noch mal eine Woche zurück zum Gardasee. Aber trotzdem fiel mir der Abschied sehr schwer, hoffentlich bis nächstes Mal geliebtes Siena, Königin der Toskana! 

 

Toskana

Auch 2026 wieder viel Glück den Palio-Rekordgewinnern aus der Gänse-Contrada! Habe ich da „dumme Gans!“ gehört?

Toskana

Zurück am Gardasee!

Am Gardasee konnte ich ohne meinen Gorilla endlich die etwas feineren Restaurants besuchen, ohne mich total zu blamieren, sehr schön die weitläufige historische Osteria Felter alle Rose. Nach einer wechselhaften Zeit und auch Leerstand übernahmen die Geschwister Felter die berühmte Osteria in Salò. Matteo ist ein ganz wunderbarer Koch mit vielen Stationen in den Wanderjahren in Italien und im Ausland, seine Schwester Ottavia Hotelfachfrau und ausgebildete Sommelierè. Zusammen ein hochmotiviertes, superfreundliches und geniales Team. Als Weintrinker bekommt man gefühlt in Italien immer noch mal eine Gratisportion Aufmerksamkeit und Freundlichkeit oben drauf. Ich war aber beim Blick auf die Weinkarte auch sofort des Lobes, endlich wurden im lombardischen Salò auch mal die Weine aus der lombardischen Valtellina berücksichtigt. Da musste ich sofort ordern.

 

Lombardei

Nebbiolo 2022, Sassella, Stella Retica, Valtellina Superiore DOCG, ARPEPE, Sondrio, Valtellina, Lombardei

Transparentes Rubinrot, in der Nase Kirschen, Erdbeeren, florale Töne, Gewürze, Leder und eine gewisse Erdigkeit, am Gaumen trotz spürbarer Tannine weich und elegant, durch lebendige Säure sehr frisch und kühl wirkend, nach beerigem Auftakt auch Mineraltöne und Kräuter, unendliche Länge mit Würznote, fantastischer Essensbegleiter, wunderbar und großartig! 

Leser merken, ich versuche bei der Valtellina (Lombardei) gar nicht mehr objektiv zu sein, ich liebe diesen Stil bei den Roten einfach, warum war ich eigentlich noch nie vor Ort? Wahrscheinlich liegt es wie bei den Savoyen an meiner Höhenangst, die Lagen liegen nicht nur viele Meter über Normal Null, sondern sind auch heftig steil, teilweise Adlernester wie in Winningen an der Terrassenmosel oder am Douro in Portugal. Die Abkürzung ARPEPE  schon mal im blog geklärt, hier noch etwas mehr Infos zum Weingut: 

Schon 1860 als traditionelles Familien-Steillagenweingut Pelizzatti  im Valtellina-Tal ganz im Norden der Lombardei gegründet, nach einem Verkauf des Weingutes und des Namens Pelizzati konnte Arturo Pelizzatti Perego 1984 einen Rückkauf tätigen und einen Neustart einleiten. 2004 dann endlich wichtige Investitionen. Mittlerweile verfügt die aktuelle Generation über 13 Hektar und wichtigen Besitz in den Crus Sassella, Grumello und Inferno, 100% Nebbiolo (in der Valtellina Chiavennasca genannt). Einzigartiges Mikroklima in den steilen terrassierten Alpen-Hängen, sehr starke Sonneneinstrahlung, gute Kühlung durch Nordwinde. Fast nur Handarbeit möglich, sehr hoher Arbeitseinsatz.

 

Lombardei

Elefanten statt Gorillas!

Lombardei

Ausflug mit dem Postbus nach Brescia!

Beim Ausflug nach Brescia knallten die Franciacorta-Korken nur bedingt (ich hatte ein falsches Zeitfenster erwischt!), dafür konnte ich aber ein großes Rätsel lösen. Ich hatte schon ungläubig von der U-Bahn in Brescia  gelesen, sie aber bei zwei vorherigen Besuchen nie gefunden. Irgendwie war ich auch immer durch Schönheit der Bauwerke, die tollen Einkaufsmöglichkeiten unter den endlosen Arkaden und die tolle Gastronomie abgelenkt. Dieses Mal aber volle Konzentration und Abstieg beim fliegenden Nashorn in den Untergrund. Es zeigte sich ein freundliches lichtdurchflutetes System mit automatischem Selbstfahrbetrieb, auweia!, Erwerb einer Fahrkarte aber machbar, absolut modernes Kontrastprogramm zur schönen antiken Stadt mit ihren römischen Spuren. 

Nach der Rückkehr war klar, dass ich den Ausflugstag mit Franciacorta ausklingen lassen wollte, hatte das moderne und relativ neue Restaurant „Crudo, Fritto et Bollicine“ in Salò entdeckt. Bekam einen Tisch, freute mich auf sizilianische Küche und studierte die tolle Weinkarte. Bingo, auch Franciacorta im Programm, ein kulinarisches Fest begann und mein Plan ging auf. 

 

Lombardei

Flamingo Rosé Brut, Fraciacorta DOCG, Weingut Mote Rossa, Bornato di Cazzego San Martino, Lombardei

Der Flamingo Franciacorta kam leuchtend kupfrig Rosa ins Glas, 60% Chardoay und 40% Pinot Nero, feine anhaltende Perlage, in der Nase Beeren und Grapefruit, cremiges Mundgefühl mit Noten von Orange, langer Abgang mit salziger Note, richtig toll, begleitete spielerisch und mühelos ein 3 Gang Menü.

 

Lombardei

Crudo, Fritto et Bollicine, Salò

Lombardei

Crudo, Fritto et Bollicine, Salò

Das Weingut wurde 1972 von Paola Rovetta und Paolo Rabotti gegründet. Beide waren 100 prozentig von den Möglichkeiten und Bedingungen der Franciacorta hoch über dem Iseo-See als Schaumweinanbaugebiet überzeugt und so schloss man einen mutigen Entschluss: 100% Schaumweinproduktion! Die Schaumweine schlugen sofort voll ein und Monte Rossa reihte sich in die Phalanx vieler Spitzenerzeuger der Franciacorta ein. Mittlerweile besitzt man 70 Hektar mit vielen Cru-Lagen und unterschiedlichem Terroir, Sohn Emanuele ist eingestiegen und überwacht den jährlichen Ausstoss des Weingutes von ca. 500 000 Flaschen.  

 

Lombardei

Westufer Gardasee

Und am letzten Tag meiner Italienreise ging es mittags in die Osteria di Mezzo, für mich immer der Klassiker in Salò schlechthin! Zwar erst 2001 von der Familie Vanni in einem alten Lagerhaus mit Tonnengewölbe in zweiter Reihe gegründet, versprüht die Osteria aber einen Charme und eine Eleganz, als wäre sie schon 100 Jahre vor Ort. Bei meinem ersten Besuch vor vielen Jahren erklärte mir Vater Gino noch, dass ich den genialen Fischteller im Uhrzeigersinn essen sollte, Mutter Dory wirbelte in der offenen und einsehbaren Küche und Sohn Mauro war damals schon sehr behilflich bei der Weinauswahl. Mittlerweile sind die Eltern in Rente und Mauro führt das Lokal zusammen mit seiner netten Frau Roberta, man ließ den alten Kauz Weinschank erst mal in Ruhe in der umfangreichen und tollen Weinkarte stöbern, ich fand unter der Rubrik Rosé einen Wein aus der Rebsorte Marzemino mit dem Erzeugernamen Vanni! Nur Zufall?, gleicher Name wie die Besitzerfamilie? Da musste ich nachfragen und siehe da, Papa Gino  ist ein Tausendsassa und unter die Winzer gegangen. Die Produktion ist klein und reicht gerade mal für die Osteria, der Erwerb einer Flasche wird dadurch wohl unmöglich, aber ich war einfach begeistert, was man aus der Rebsorte Marzemino für einen tollen Rosé machen kann und stelle ihn einfach vor:

 

Lombardei

Nerossoneébianco, Azienda Agricola Luigi Vanni, Salò-Campoverde, Lombardei

Strahlendes Lachsrosa, in der Nase Erdbeere, Johannisbeere, floraler Duft, etwas Pfeffer, wunderbar elegant und ausgewogen im Mund, feine Kirschnote bei ausgewogener Säure, dazu Mineraltöne, langer Abgang mit Grapefuit, hat mich richtig begeistert! Muss mich unbedingt mehr mit Marzemino beschäftigen, Mozart hatte doch Recht! 

Besucht mal unbedingt den lombardischen Teil des Gardasees bei Salò und Siena in der Toskana, das lohnt sich sehr! Ich bin gedanklich noch gar nicht weg und will schon wieder hin…

 

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Schmerzhafte Gemeindegänge!

 

Europa

Drei Naturweine aus Slowenien, der Tschechischen Republik und Frankreich.

Noch im Krankenhaus erreichte mich eine sensationelle Nachricht von Besucher Alex: es gäbe einen ersten Naturweinladen in Münster. Ich konnte es nicht glauben, nach meinen Thesen war das 10 Jahre zu früh, und dann auch noch ganz in der Nähe vom Krankenhaus. Es verging trotzdem so viel Zeit und bis ich endlich vor dem Laden stehen konnte, da war der Naturweinshop „Trio“ auch schon wieder geschlossen. Allerdings versprach ein Zettel an der Tür nach Umzug eine bessere Zukunft,  mehr Platz, größeres Sortiment, man hatte sich mit Shop-in-Shop Konzept in ein Cafe verändert, das sich in einer ehemaligen Backstube eines bekannten Biobäckers in Bahnhofsnähe Münsters befindet. Bei meinem Besuch staunte ich über Shabby Chic, Political Correctness und den speziellen Menschenschlag, ein wenig Berlin in Münster! Leider war das Naturweinangebot bei meinem Besuch sehr bescheiden, ein paar Pet Nat standen verloren im Regal, ich hatte mir das etwas anders vorgestellt. Als mir dann auch noch der fair gehandelte und äußert aufwändig zubereitete Kaffee („mit Kuhmilch???“) nicht schmeckte, war mir klar, ich teste lieber meine eigene Naturweinauswahl zu Hause.

 

Münster

Naturwein-Verkostung in der heimischen Schankprobierstube.

Naturwein-Riesling Jahrgang 2019 vom Demeter-Weingut Keltis aus der Untersteiermark in Slowenien. Bei aufmerksamen blog-Lesern klingelt es jetzt sofort, in dieser schönen Gegend soll auch die genetische Heimat der Portugieser-Rebe liegen. Auf 5 Hektar baut die Familie Kelhar um Winzer Marijan Bioweine auf Mergel-, Sandstein-, Feuerstein-, Ton- und Kalksteinböden an.

Der Riesling kommt goldgelb und trüb ins Glas, verströmt einen tollen Duft nach Eukalyptus, pflanzlichen und erdigen Noten, Pfeffer und Apfel, benötigt viel Luft, dann im Mund harmonischer werdend, herbe Frucht, dazu mostige Anklänge, spürbare Säure und ein langer Abgang, mit immer schwächer werdender Bitternote. Sehr außergewöhnlicher Naturwein-Riesling, aufgrund des Preises, der großen Konkurrenz (ich schwärme immer noch von dem griechischen Naturwein von Patistis!) und der herausfordernden Art, wohl eher was für Abenteurer und absolute Naturwein-Freaks.

Ein roter Naturwein „Forks and Knives“ 2019 von Milan Nestarec aus Mähren, Tschechische Republik. Ein gemischter Satz aus den Rebsorten Blaufränkisch, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir von mindestens 25 Jahre alten Rebstöcken. Junger und eigenwilliger Winzer, der nach Übernahme des Weingutes von seinem Vater konsequent in Richtung Naturwein abgebogen ist und sich mittlerweile auf 17 Hektar mit Schwester, Vater und Helfern einen guten Namen in Tschechien und in der Naturweinszene gemacht hat.

Die Flasche mit Kronkorken verschlossen, der Wein kommt gekühlt ins Glas, irre Nase nach Tomate, Holunder und Brombeere, im Mund saftig und süffig, Sauerkirsche, ganz leicht moussierend, dazu würziger Abgang, ein Spaßmacher mit Anspruch bei nur 10% Alkohol, hat mir sehr gut gefallen! Allerdings verlangt der Wein auch ein wenig Erklärung, er lässt sich nicht mit konventionell hergestellten Weinen vergleichen, ganz eigenwilliger Stil, aber absolut probierenswert! Bin sehr neugierig auf die anderen Weine im Sortiment.

 Der aus Südafrika stammende Tom Lubbe arbeitete als Kellermeister beim Vorzeigebetrieb Gauby in Calce, ganz im Süden der französischen Weinregion Languedoc-Roussillon, am Fuße der Pyrenäen und nicht mehr weit weg von der Grenze zu Spanien. Vom Potential der Landschaft und den vielen alten Rebanlagen überzeugt, zögerte er nicht lange, als ihm ein alter Weingarten namens Matassa (katalanisch für Dickicht) mit uralten Carignan-Rebstöcken angeboten wurde. Mit seiner Frau und einem befreundeten neuseeländischen Önologen gründeten sie 2001 ihr eigenes Weingut Matassa und kauften im Laufe der Jahre weitere alte und verstreut liegende Weinflächen dazu. Mittlerweile besitzt man ca. 15 Hektar 35 bis 115 Jahre alte Reben auf schwer zugänglichem Gebiet, Böden mit hohem Granit-, Kalk- und Schieferanteil. Absolut naturbelassene und schonende Weinerzeugung, Matassa ist ein Stern im Naturweinbereich und Tom Lubbe ein Vorbild für eine ganze Generation junger Naturweinwinzer geworden.

Der Name des Weines „Tommy Ferriol“ 2023 ist eine Anspielung auf den Vorbesitzer des Matassa-Weingartens und Weinkellers Jolly Ferriol und Tom Lubbe selbst. Cuvee aus Syrah und Muscat Petit Grain. Entwickelt mit Luft eine tolle Nase nach Hagebutte, Granatapfel, Himbeere und Kräutern, leicht gekühlt dann im Mund sehr süffig saftig und leicht moussierend, sehr frisch, viel Spannung zwischen Mineralität, Würze und Frucht. Schöner langer Abgang, begeistert mich mit nur 10,5% Alkohol, bravo!, toller Naturwein. 

 

 

Baden

Zwei schöne Spätburgunder aus der Ortenau im Weinlager der Butterhandlung Holstein in Münster: Weingut Freiherr von und zu Franckenstein, Offenburg

Wenn man nicht mehr richtig und weit laufen kann, ist man sehr froh, dass man ein schönes Weinlager in der direkten Nachbarschaft um die Ecke hat. Ein Erstbesuch vor einigen Jahren sorgte allerdings bei mir und einem damaligen Weinkumpel für große Irritationen, die offenen Weine waren uns alle zu blumig und zu dropsig, Colombelle und Co. Aber die Zeiten ändern sich, mittlerweile gibt es einige Lieblingsweingut-Gemeinsamkeiten (z.B. Bickel-Stumpf und J. Neus) und bei meinem vorletzten Besuch habe ich zwei schöne Rotweine erwerben können.

Das altehrwürdige Ortenau-Weingut Freiherr von und zu Franckenstein hat eine Vergangenheit, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. 1710 ging das Weingut durch Heirat von den Rittern zu Bach an die Vorfahren der jetzigen Besitzer über. Seit 2008 wird das Weingut von der weinverrückten Familie Huschle gepachtet, die auf 18,5 Hektar mit viel Einsatz, Nachhaltigkeit und den VDP-Regeln laut Gault Millau einen Qualitätssprung vollziehen konnten. Die ganze Familie um Geisenheim-Absolvent Stefan Huschle, der Auslandspraktika in Neuseeland und der Steiermark vorzuweisen hat, bringt sich in den Betrieb ein. Der erfahrene Vater Georg, gelernter Küfer und später mit vielen Kellermeister-Stationen in der Region, hält seinem Sohn den Rücken frei.  

Der Wechsel von der Naturwein- in die VDP-Welt wurde mir sehr leicht gemacht, ein großartiger und eleganter Spätburgunder „Granit“ 2020  VDP.Ortswein aus Zell-Weierbach. Der Wein kommt sehr hell und transparent ins Glas, funkelt dabei rubinrot, in der Nase Kirsche, Johannisbeere, Mandel und etwas Rauch, im Mund so seidig und verspielt, weich und sanfte Tannine, süffig, fein eingebundene Säure, dazu mineralische Tiefe. Ein so feiner Wein mit viel Trinkfluß, dazu mit einem genialen PGV ausgestattet, da kann man nur weitere Flaschen holen! 

Spannend natürlich jetzt der direkte  Vergleich mit dem Spätburgunder „Marie“ 2018 GG aus VDP.Grosse Lage Neugesetz (Zell-Weierbach). Viel dunkler im Glas, benötigt Luft und etwas Geduld, in der Nase viel Beere, Kirsche, süßlicher Pfeifentabak und ein Hauch Vanille, im Mund völlig anderer Stil, viel voller und fruchtiger, kräftigere Säure und Würze, harmonischer und mineralischer Abgang. Macht am zweiten Tag nach Öffnen der Flasche noch mehr Spaß, wird immer runder und komplexer, toller Wein!    

 

Wuppertal

Ein Pfälzer und ein Lombarde vom Ölberg.

Unvergessen die ersten Fahrten mit Krücken im ICE zur Freundin nach Wuppertal, Ein- und Ausstieg nichts für schwache Nerven! Nach einiger Reha-Zeit war ich dann aber die Gehhilfen los und konnte mich mal wieder an Wuppertal-Elberfeld schönstem Berg versuchen, mühsame und schmerzhafte Besteigung des Ölbergs mit Besuch der genialen Weinhandlung Estestest von Stefan Klute, mittlerweile ist er über 40 Jahre vor Ort. Hier gibt es immer wieder interessante Weine zu entdecken, dieses Mal fiel meine Wahl auf einen Pfälzer und einen Lombarden.

 

Ancestral Weiss 2022, Weingut Karsten Peter, Bad Dürkheim, Pfalz

Karsten Peter verließ schweren Herzens vor über 15 Jahren das elterliche Weingut in Bad Dürkheim in der Pfalz, um sich einer ganz besonderen Herausforderung zu stellen: er wollte als winemaker und Riesling-Spezialist die ehemalige preußische Staatsdomäne hoch über Oberhausen an der Nahe wieder zu altem Glanz zurückführen. Die Rieslinge des neubenannten Gut Hermannsberg schlugen ein und die altehrwürdigen Großen Lagen fanden unter VDP-Spielregeln zu wirklich großer Klasse zurück, auch der Unterbau der Qualitätspyramide überzeugt sehr oft, ein Riesenerfolg auch durch für Karsten Peter. Das Weingut und das angrenzende Gästehaus sind immer einen Besuch wert, man schwebt praktisch über der Nahe und hat fantastische Ausblicke auf den Fluss, eine alte Brücke (die früher Landesgrenze zwischen Preußen und Bayern war) und steile Lagen. Der Erfolg ermöglichte Winzer Karsten Peter neben seinem Job bei Gut Hermannsberg auch die Rückkehr 2021 zum elterlichen Weingut, das mittlerweile verpachtet war, aus Castel Peter wurde das Weingut Karsten Peter, zusammen mit seiner Frau Anne öffnet er jeden Donnerstag die schöne Vinothek, eine Geschichte mit happy-end!  

Entdeckt habe ich einen tollen Karsten Peter-Wein in einer Weinbar in Solingen, kein Riesling, aber eine tolle Cuvee aus Weißburgunder und Chardonnay, „Ancestral“, die Gutswein-Linie und praktisch die Visitenkarte des Weingutes. Übrigens das Glas 0,2 Liter in der Weinbar so teuer wie die ganze Flasche am Ölberg, sehr faire Preise bei Stefan Klute, großes Lob! Es bleibt unbedingt unter uns, aber den Wein könnte man auch teurer verkaufen, so besitzt er ein unglaublich gutes PGV (Preis-Genuss Verhältnis). Die Cuvee kommt zitronengelb ins Glas, es zeigen sich feine Bläschen, in der Nase grünes Obst mit deutlichen mineralischen Tönen, im Mund viel Fülle und Schmelz, cremig, dazu herbe Frucht mit feiner aber spürbaren Säure, guter Abgang mit dezenter Würznote, viel Wein fürs Geld, bleibt facettenreich und wird nicht langweilig, endlich mal wieder ein Wein mit -Zeichen (unter 11 Euro) in der Siegerschankwein-Liste.

 

Interessante Blindprobe in Marburg mit Montenidoli und Sandro Fay.

Kleiner Zeitsprung, den Chiavennasca (Nebbiolo) Téi 2021 Rosso di Valtellina DOC vom Weingut Sandro Fay aus der Valtellina (Lombardei) fand ich sehr gut und typisch und habe ihn zusammen mit dem schon im Beitrag vorher vorgestellten Vernaccia di San Gimignano von Montenidoli  auf eine Blindprobe mit nach Marburg genommen. Dort hat sich rund um den italienischen Sommelier Pietro D’Alto eine sehr nette Weingruppe gefunden und ich war sehr froh, dass ich teilnehmen durfte. Es gab interessante Weine, viel Spaß und Infos und dann kam mein mitgebrachter Rotwein an die Reihe. Die Blindverkoster notierten sehr helles und transparentes Granatrot, in der Nase Pflaume, Kirsche, Rose, etwas Pfeffer, schwarze Olive und Kräuter, sogar etwas Teer, im Mund ganz weich und geschmeidig, fruchtig mit spürbarer Säure, leicht gekühlt ein toller Begleiter zu den angebotenen kleinen Häppchen, feiner fruchtig-würziger Abgang. Der Wein war schön beschrieben und umkreist, ich erwartete ein schnelles Rate-Ende, Italien kam zügig, aber aus irgendeinem Grund, traute man sich erst nicht Nebbiolo zu sagen, der Stil in der Valtellina ist doch noch etwas anders als in der Langhe im Piemont, feiner und leichter, zugänglicher, irgendwann fiel dann aber der Groschen und man kam über Piemont zur Lombardei. Schon recht schwierig, aber man lernt bei der Blindprobe immer sehr viel, der Wein genau wie einige andere Vertreter auf der Probe spannend. Ein schönes highlight meiner viertägigen Marburg-Reise. Grüße an die Gruppe und hoffentlich demnächst wieder Blindprobe in Marburg oder Münster.

 Das Weingut Sandro Fay existiert seit 1973, seit 1998 wird Vater Sandro von Sohn Marco und Tochter Elena unterstützt, ca. 20 Hektar (die Hälfte davon gepachtet) in einer der Subzonen des Valtellina-Tals, Valgella (neben Maroggia, Sassella, Grumello und Inferno), steile terrassierte Weinberge auf steinigen Lehmböden mit Granitanteil und alpinen Klima. Jahresproduktion ca. 20 000 Flaschen. Neben den schon vorgestellten Weingütern Dirupi, ArPePe und Barbacan eine schöne Entdeckung.     

 

Tauber

Taubermündung in den Main bei Wertheim

Und dann trotz grimmer und ausstrahlender Schmerzen endlich eine langersehnte Herzensreise, es ging für fünf Tage ins liebliche Taubertal. Ich wusste schon seit geraumer Zeit, dass es an der Tauber noch Weinanbau gibt, auch das Geschenk in Berlin vom netten Instagramer 1950Michael wirkte noch nach und so starteten Freundin und ich unsere Tour von der Taubermündung in Wertheim flussaufwärts. Die Gegend ist lieblich, verwirrt den gemeinen Tauberanfänger aber auch gerne durch drei aufeinandertreffende Weinregionen, ohne es zu merken, hatte ich plötzlich einen Schwarzriesling aus Baden (Wertheim-Reicholzheim) und einen Tauberschwarz aus Franken (Röttingen) gekauft. Wir wohnten nur ein paar Kilometer von Röttingen entfernt im schönen Weikersheim, befanden uns dort aber in der Weinregion Württemberg. Reisen bildet, nach ein paar Tagen ging mir ein Licht auf.

 

Baden-Württemberg

Sternwarte Weikersheim

 

Taubertal

Zwei Klassiker: Schwarzriesling von Schlör (Weinregion Baden) und Tauberschwarz von Hofmann (Weinregion Franken) auf dem Marktplatz von Weikersheim (Weinregion Württemberg).

Der leicht angekühlte badische Schwarzriesling Jahrgang 2022 aus der Paradelage Reicholzheimer First (VDP.Erste Lage) kommt rubinrot mit transparenten Rändern ins Glas, komplexe Nase mit Pflaumenkompott, Rote Beete, Kräutern und Waldboden, im Mund sehr schlank und kühl wirkend, feine Sauerkirsche, weich, schmelzig und süffig, perfekt eingebundener Alkohol, langer würziger Abgang, so gut, ein echter Klassiker! Unbedingt probieren und Kombinationen zum Essen finden!

Mit dem Bestehen der Winzermeisterprüfung 1982 und der Rückkehr ins elterliche Weingut wird durch Konrad Schlör zusammen mit seiner Frau Monika ein Qualitätsschub ausgelöst. Man verabschiedet sich 1983 von der Genossenschaft und beginnt mit der Selbstvermarktung und stellt auf reines Weingut um. Durch Qualitätsstreben auf den guten Buntsandstein-/Muschelkalkböden des Reicholzheimer First schafft man es sogar 2010, ein VDP-Weingut zu werden. Zur Zeit ist man bei 6,5 Hektar Rebfläche und ich kann die besondere Qualität des Schwarzrieslings nur bestätigen.   

Taubertal

VDP-Weingut Schlör in Baden.

 

Franken

Die Paradelage Röttinger Feuerstein vom Weingut Hofmann in Franken.

Die fast schon ausgestorbene Rebsorte Tauberschwarz stabilisiert sich wieder ordentlich im fränkischen Taubertal, gerade solche Weingüter wie Hofmann aus Röttingen tragen dazu bei, dass man dabei bleibt, wenn man Tauberschwarz erst mal entdeckt hat. Bei mir war es ein Geschenk vom Instagramer 1950Michael in Berlin (2015er Jahrgang Feuerstein „RR“), deshalb kann man die Infos zum Weingut auch dort nachlesen.

Der noch junge Tauberschwarz Feuerstein „R“ 2022 vom Weingut Hofmann kommt transparent rubinrot ins Glas, in der Nase Kirsche und florale Töne, im Mund kräftig und würzig, wieder Kirsche und rote Beeren, spürbare Säure, die einen schönen Kontrast zum feinen Holz bildet, langer, schmelzig feuriger Abgang, unbedingt mal so einen Tauberschwarz probieren! 

 

Taubertal

Treppenhaus Residenzschloss Bad Mergentheim.

Besuch im Lager beim sympathischen Instagramer und Weinhändler Hannes Hofmann (mit spannender Vita) im unterschätzten Bad Mergentheim. Sensationelle und besondere Weinauswahl, wer es nicht glaubt, der suche selbst nach Purpurweine im Internet. Natürlich auch einige Überschneidungen zu meinem blog (z.B. Bardorf, Krämer, Drei Zeilen, Zang und Laura Seufert). Aber ich wollte als Gegenprobe zu meinen „Klassikern“ Schlör und Hofmann zwei junge Wilde, Schwarzriesling (auch woanders bekannt als Pinot Meunier) als Naturwein von den Ehrlenbach-Brüdern und von Banquet of Gods aus Wertheim-Reicholzheim (Baden).

 

Baden

Schwarzriesling 2022 Ehrlenbach-Brüder und Banquet of Gods.

Der Schwarzriesling trocken 2022 Reicholzheimer kommt leuchtend und transparent Rubinrot ins Glas, wurde leicht gekühlt, in der Nase nach Sauerkirschen, roten Beeren, Schlehe und Kräutern, auch im Mund Sauerkirsche, fleischig, saftig, durch guten Säurezug sehr frisch wirkend, gute Länge, salzig-mineralischer Abgang. Sehr feiner und anspruchsvoller Naturwein-Style, Lichtjahre vom Zechwein der Vierteleschlotzer Baden-Würtembergs entfernt. Macht viel Spaß und gibt Hoffnung, dass vielleicht Schwarzriesling im badischen Teil Tauberfrankens noch stärker eine identitätsstiftende Rolle einnehmen kann. 

Das Weingut der Ehrlenbach-Brüder Florian und Philipp existiert erst seit 2020, mit den ersten spontan vergorenen Weinen von Muschelkalk- und Buntsandsteinböden rund um Reicholzheim hat man sofort für erste Aufmerksamkeit gesorgt. Florian sah, dass der örtliche Weinbau im Taubertal immer mehr an Bedeutung verlor und beschloss, ein Gegenmodell zu starten. Nach einer Ausbildung zum Küfer in Würzburg im Staatlichen Hofkeller, folgte die Ausbildung zum Winzer beim fränkischen Weingut Horst Sauer in Escherndorf. Erfahrungen mit der Biodynamie bei Manincor in Südtirol und ein Blick über den Tellerrand bei Giant Steps in Australien. Seit 2016 ist er beim Weingut Fürst in Churfranken beschäftigt und trägt als rechte Hand von Sebastian Fürst schon eine enorme Verantwortung. Der Wunsch wuchs, seine Erfahrungen zusammen mit seinem Bruder Philipp, gelernter Industriemechaniker, in das elterliche Weingut einfließen zu lassen.  

Auch der „Simple Man 2022“ vom Banquet of Gods ein Schwarzriesling aus Reicholzheim im Naturwein-Style, kommt ebenfalls leicht gekühlt ins Glas, schönes transparentes Rubinrot mit violetten Randreflexen, vielschichtige Nase, Sauerkirsche, Preiselbeere, Rose, etwas Pfeffer, im Mund auch Sauerkirsche, Wacholder, etwas Herbe, kühl, saftig und süffig, frische und gut eingebundene Säure, langer Abgang mit mineralisch-salzigen Noten, gefällt mir ebenfalls super! 

Hinter dem Bankett der Götter stehen Lukas Bernhard und seine Freundin Tina. Lukas war bis zu seiner Rückkehr in die Heimat die rechte Hand der bekannten Winzerin Judith Beck im Burgenland am Neusiedlersee. Seit 2021 eigene spannende Naturweine in Reicholzheim, ich drücke fest die Daumen, dass man sich etablieren kann.

 

Taubertal

Bergfink, Neuses

Und da mich einige meiner Leser immer bitten, mich doch etwas kürzer zu fassen, verschiebe ich die Weinentdeckungen aus den beiden großartigen Restaurants Bergfink (Neuses) und Laurentius (sogar mit Stern! in Weikersheim) in die Zukunft. In der Woche auch ein nicht überfülltes Rothenburg ob der Tauber, irgendwie passte alles, das liebliche Taubertal steht auf unser langen Wiederbesuchsliste. 

 

Romantische Straße

Rothenburg ob der Tauber

Hamburg

Nähe Dammtor-Bahnhof, Hamburg

Und weiter humpelte ich mich schmerzhaft durch die Kurztripps, auch der mittlerweile 4. Besuch in den Jahren 2024 und 2025 der tollen Stadt Hamburg stand unter diesem Motto. Dieses Mal hatten wir für fünf Tage eine Ferienwohnung in einem schönen Altbau in der Nähe des Dammtor-Bahnhofes. Die faszinierende Stadt zeigte bisher an jedem der bisherigen letzten vier Standorte immer wieder andere Gesichter, beim Erforschen der Umgebung fanden wir eine urige Weinbar.

 

Hamburg

Natural-Wine Bar und Genuss-Oase, „A wolf will never be a Pet“, Karolinenviertel, Hamburg

Als Natural-Wine Bar in der Nähe unseres Fahrradverleihers im Karolinenviertel ausgewiesen. Wer hat Angst vorm bösen Wolf Latif Dereli?  Wir nicht, auch wenn man beim Betreten und Begutachten des Ladens und der Auslagen merkte, dass man es nicht mit zahmen Haustieren zu tun hatte. Der böse Wolf taute dann aber auch immer mehr auf und merkte unsere zunehmende Begeisterung über seine Empfehlungen, Köstlichkeiten wie Austern, Jakobsmuscheln und immer wieder neue Kleinigkeiten, fantastisch der Tomatensalat und das würzige Fleischgericht, dazu ein leicht angekühlter Nerello-Mascalese Naturwein vom Ätna, so ließ es sich am Stehtisch aushalten und der draußen vorbeiziehende schwarze Block reagierte auch nicht auf den austernschlürfenden Weinschank, herrlich! Der Gastgeber war wohl Sous-Chef und rechte Hand von Tim Mälzer in der Bullerei, macht nun sein eigenes Ding, spannend und große Empfehlung für Hamburg!   

 

Italien

Nerello Mascalese 2020, Versante Nord, Viticultore Eduardo Torres Acosta, IGT Terre Siciliane, Randazzo, Sizilien

Der Nerello Mascalese (85%) eigentlich ein gemischter Satz vom Nordhang des Ätna, rubinrot mit Randaufhellung, in der Nase Amarenakirsche, Rauch, Leder, Kräuter und erdige Töne, im Mund rote Beeren, sehr saftig und frisch, schlank, kühl und straff, weich und geschmeidig, filigrane Säure, langer Nachhall, mineralisch und ein Tick ganz feines Holz. Begeisternder Naturwein und toller Essensbegleiter!

Ursprünglich bewirtschaftete der 1982 geborene Eduardo Torres Acosta etwas Land auf seiner Geburtsinsel Teneriffa, 2012 ging er zur Weiterentwicklung nach Sizilien und heuerte beim Weingut Arianna Occhipinti an. Fasziniert war er aber vom Weinbau am Ätna und so übernahm er beim Weingut Passopisciaro auch noch eine Stelle als Önologe. 2017 konnte er einige Rebflächen mit altem gemischten Bestand am Nordhang des Vulkans erwerben und seit 2018 produziert er in einem „Garagenweingut“ in Randazzo Naturweine von Höhenlagen. Mittlerweile bewirtschaftet er ca. 5 Hektar. 

 

Hamburg

Gute Stimmung im Witwenball im Schanzenviertel, Hamburg

Abschiedsessen im Witwenball im Schanzenviertel, eine tolle Adresse in Hamburg, wenn es um das Thema Wein geht, österreichisches Restaurant mit feinem Essen und einer großen internationalen Weinauswahl. Die vielen glasweise angebotenen Weine wechseln, was ich als Wiederholungstäter in letzter Zeit bestätigen kann und was mir viel wichtiger als das Essen ist! Eine vielleicht zuerst schockierende These, natürlich möchte ich kein schlechtes Essen, aber als Weinfreak habe ich schon so oft enttäuschende und überpreiste Weinbegleitungen zu fine dining Mehrgang-Menüs erlebt, bei mir darf der Fokus mehr auf dem Wein und weniger auf dem Essen liegen! Im Witwenball, wohl früher wirklich ein Tanzlokal, schafft man den Spagat mit Hilfe der großen Anzahl der offenen Weine, hier geht einiges durch und die Gäste sind auch bereit zu Experimenten. Dadurch wird das Angebot nicht langweilig und mainstream! Respekt an die spannende Auswahl, mir hatte es sofort der Rebula (Ribolla Gialla) von Edi Simcic aus Slowenien angetan, Liebe auf den ersten Schluck! 

 

Slowenien

Rebula 2022, Goriska Brda, Edi Simcic, Vipolze, Slowenien

Der zitronengelbe Rebula (Ribolla gialla) 2022 benötigt viel Luft, zeigt dann aber eine tolle Nase, Blumenwiese, Kräuter, Honigmelone, Toast und etwas Haselnuss, im Mund viel Schmelz, feinfruchtig, Mineralität und voller Spannung, sehr gut integrierte Säure, langer feinwürziger Abgang. Ribolla Gialla kann viele Gesichter zeigen (Schaumwein, Orangewein, tropische Fruchtbombe), hier kommt eine zurückgenommene elegante Stilikone von 25 bis 35 Jahre alten Rebstöcken, Glückwunsch an Edi und Aleks Simcic nach Slowenien.

Gegenüber der hier schon behandelten DOC Collio im italienischen Friaul  liegt der slowenische Bezirk Brda. Collio und Brda bedeuten übersetzt übrigens „Hügel“, zwei wunderschöne sanfte Hügellandschaften und prädestiniert für hochwertigen Weinanbau. In Brda bearbeiten Edi und Sohn Aleks Simcic ca. 30 Hektar Rebfläche, die Anfänge von Vater Edi 1990 im Dorf Vipolze waren eher bescheiden. Doch mit furiosen Weinen (Sivi Pinot, Rebula, Malvazija, Chardonnay) gehört man mittlerweile zur Spitzengruppe der Brda-Winzer, auch die Rotweine sollen fantastisch sein.

 

Zehn Tage Zierikzee in Zeeland!

Und zum Abschluss dieses Beitrages ging es in die schöne Denkmalstadt Zierikzee, Provinz Zeeland, ganz im Süden der Niederlande. Ich hatte ein wenig Sorge und Vorurteile, was das Essen anging, irgendwie spukten mir Frikandel aus dem Schließfach-Automaten im Kopf rum. Das Niveau im malerischen Zierikzee aber ganz anders, viel Fisch und Meeresfrüchte und köstliche Crossover-Salate mit diversen Einflüssen, dazu immer französische Klassiker auf der Weinkarte, wie z.B. aus den Appellationen Muscadet-Sèvre-et-Maine, Montlouis-sur-Loire, Vouvray, Sancerre oder Pouilly-Fumé von der Loire, natürlich auch Chablis aus dem Burgund, so ließ sich wunderbar leben bzw. speisen. Mein Favorit ein Sancerre, entdeckt in der Restobar Bon Vivant in Zierikzee.

 

Loir

Sancerre AOP 2023, La Galette, Domaine Sylvain Bailly, Bué, Loire

Die Ursprünge der Weinbaufamilie Bailly reichen bis ins 18 Jahrhundert zurück, die Geschichte des Weingutes beginnt mit der Errichtung des „La Croix de Saint Ursin“ in Bué 1877. In den 1950er Jahren kann Sylvain Bailly das Weingut kaufen und kontinuierlich mit Weinbergsflächen in der Appellation Sancerre erweitern. Mittlerweile 19 Hektar verteilt auf 23 unterschiedliche Terroirs mit klassischen Kimmeridge-, Kies- und Lehmböden. 80% Anbau von Sauvignon blanc und 20% Pinot Noir ermöglichen die Erzeugung des ganzen Sancerre-Weinportfolios (Weiß, Rosé und Rot). Seit 1995 auch Besitz in der Appellation Quincy, Nachfolger sind Marie-Hélène und Jacques Bailly mit Tochter Sonia, die seit 2007 immer mehr Verantwortung im Weingut übernommen hat.

Blassgelb im Glas, feine und tolle Nase nach Brennnessel, Apfel,  Zitronenschale, Grapefruit, Feuerstein, im Mund frische Säure und fruchtig, dazu salzige Mineralität, schöne Länge, ausgewogen, toller Essensbegleiter zu Fisch, Jakobsmuscheln, Austern oder Ziegenkäse. Von den Klassikern mein Favorit auf der Zeeland-Tour.  

 

Zeeland

Ein wenig Südafrika in der Niederlande: Weingut De Kleine Schorre, nur wenige Kilometer nördlich von Zierikzee!

2001 stürzten sich sechs weinverrückte Unternehmer in ihr ganz spezielles Abenteuer, warum auf den zeeländischen Kalkböden nicht Weinanbau versuchen? Das Gelände um den alten Bauernhof De Kleine Schorre im Ringdorf Dreischor auf Schouwen-Duiveland war perfekt und eine Strategie schnell gefunden: wir machen nur Weißweine, die perfekt zu den zeeländischen Spezialitäten Muscheln, Osterschelde-Krebsen, Austern, Plattfischen, Salzastern oder Meeresspargel passen! Es stellten sich schnell Pinot Gris, Pinot Bianco, Rivaner, Auxerrois und Piwis (wie z.B. Souvignier gris) als besonders geeignet heraus. Das neue Weingut wurde erweiterungsfähig geplant, mit Hofladen und schönem Weinausschank eröffnet und sofort gut angenommen. Mittlerweile als Weinlieferant der niederländischen Fluglinie KLM kein Geheimtipp mehr und bei 14 Hektar, trotzdem außerhalb der Niederlande natürlich unterschätzter Exotenstatus.

 

Schouwen-Duiveland

Weinanbau auf kalkhaltigen Böden, De kleine Schorre, Dreischor, Schouwen-Duiveland

Schouwen-Duiveland

Köstliche Salate in Zierikzee!

Wir wohnten am ehemaligen zugeschütteten Schuithaven in Zierikzee und wurden durch ein Restaurant mit einem weitläufigen Garten und einem Steakhaus mit Abendsonne-Platz mit köstlichen Salaten mit vielen verschiedenen Einflüssen verwöhnt, dazu die angesprochenen französischen Klassiker auf der Weinkarte, richtig super! Als Weintrinker wird man auch ohne Steak- oder sonstige Fleischberg-Bestellung wie ein König behandelt, das tat richtig gut! Ich hatte auch schon vom niederländischen Weingut gehört, war aber noch etwas zögerlich bei der Besuchsplanung, obwohl ich dort gerne die Bouillabaisse probieren wollte. Wie es der Zufall so wollte, gab es den 2023 Rivaner (Müller-Thurgau) von De kleine Schorre auf der Gartenlokal-Weinkarte, da musste ich zugreifen, Ausflug oder lieber nicht? Schon verraten, wir haben ja Fotos gemacht, am nächsten Tag ging es hin!

 

Schouwen-Duiveland

Favoriten von De Kleine Schorre in Zierikzee.

Der Rivaner 2023 kam blassgelb ins Glas, überraschende Komplexität in der Nase, grüner Apfel, Zitrusfrüchte, blumige Noten, etwas Hefe und Muskat, im Mund spritzige aber milde Säure, mineralische Nuancen, sehr süffig, sehr spannender kreidiger Abgang, toller Wein und Essensbegleiter, keine Sorge!, schmeckt auch in der heimischen Schankweinprobierstube zu köstlichen Butterhandlung-Salaten und Meeresfrüchten vom Wochenmarkt!  

Der Souvignier Gris (Piwi Rebsorte) katapultiert mich im blog natürlich nach Rügen , wir bleiben aber im ebenfalls traumhaft idyllischen Zierikzee und im benachbarten Weingut De Kleine Schorre, Souvignier ist eine beliebte Pionier-Rebsorte, ebenfalls sehr gelungen, gelb im Glas mit grünen Reflexen, in der Nase Maracuja und Zitrus, Honig und sogar Pfeffer, im Mund sehr voller Körper, kräftig, dazu eine nussig-cremige Note,  im Abgang sehr würzig, toller Wein!, aber bestimmt nicht eyerybody’s darling, ich mochte ihn sehr zur Bouillabaisse! Meine Freundin war sofort raus! 

 

Schouwen-Duiveland

Sehnsuchtsort Zierikzee!

Leider neigt der Weinschank ja immer zu oberlehrerhaftem Misstrauen auf Weinkarten, ein Rosé-Wein von einem reinen niederländischen Weißwein-Weingut?, blog-Leser wissen ja, dass Rosé-Weine nur aus roten Rebsorten gemacht werden dürfen, ich konnte mir nicht vorstellen, wie der junge Service aus dieser Nummer wieder rauskommen wollte. Mit breitem Grinsen fiel das Wort Luxemburg, ein Partner-Weingut und vielleicht auch die Quelle aller Investitionen, nehme ja gerne den Länderpunkt, aber da wäre ich nie drauf gekommen! Mit Strand und „Zeeuwsch Schorretje“ auf dem Etikett, perfekt getarnt!

 

Niederlande

Zierikzee

Sehr modernes 18 Hektar Weingut an der Obermosel auf der luxemburgischen Seite, Hettermillen,Vorfahren schon mit Weinbau dort ab 1762, aber dann irgendwann Aufgabe und total in Vergessenheit geraten. Nun aber wieder Rückkehr von Familiennachkommen mit Investoren und Neubepflanzung der früher bekannten und ausgezeichneten Steillagen, Pinot Gris, Riesling, Auxerrois und Pinot Noir passen perfekt, Pinot Noir auch die Lösung unseres Rosé-Rätsels.

Der Rosé 2023 kommt lachsfarben ins Glas, in der Nase Erdbeere und ein Hauch getrocknete Aprikose, im Mund leicht und frisch, fruchtig und süffig, dazu ein würzig mineralischer Abgang, eleganter Rosé. 

 

Niederlande

Strand bei Westenschouwen.

Ich benötigte viel Ablenkung von den fiesen Schmerzen beim Gehen, hoffen wir, dass ich irgendwann noch mal ganz schmerzfrei werde, die Hoffnung ist immer noch da! 

 

Niederlande

Blick aus der tollen Ferienwohnung Schuithaven, Zierikzee.

Stöbert doch mal ein wenig im blog, ich lege Euch die Rubrik Reisen zum Wein ans Herz, will mit meiner Freundin nach Bremen und viele Weinbars ausprobieren, die Adressen und Ergebnisse findet ihr dann unter „Bremen„. Und im September geht hoffentlich mein großer Traum in Erfüllung, ich darf den durch den scheußlichen Unfall 2024 ausgefallenen Sabbatmonat nachholen, es geht für 4 Wochen nach bella Italia, bleibt neugierig und dabei, das wird ein Fest!, hier geht es auch im achten Jahr weiter! 

 

Niederlande

Auch Grüße von Zierik!

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Als der Hermes-Bote mich zu Boden holte.

 

Münster

Volltreffer am Vorderrad!

Münsters Altstadt ist für Fahrradfahrer ein gefährliches (Kopfstein-) Pflaster, das habe ich schon öfter durch Beinahe-Unfälle zu spüren bekommen. Die Gefahr kann dabei von allen Seiten kommen, auswärtige Autofahrer auf hektischer Parkplatzsuche, LKW-Fahrer mit totem Rückspiegel-Winkel, ins Handy vertiefte Fußgänger, die Dir blind einfach ins Rad laufen, aber auch andere Rad- und Rollerfahrer, die ich mal als völlig furchtlose und recht realitätsferne Studenten-Rowdys bezeichnen würde. Nach gründlichen Recherchen im Franziskus-Krankenhaus, habe ich festgestellt, dass ich in sieben Jahren auf dem Weg zur Arbeit und zurück bestimmt schon ein dutzend Zusammenstöße durch Konzentration und gute Reflexe verhindern konnte. Aber am 07.08.24 auf dem Weg zur Spätschicht wurden mir spektakulär meine Grenzen aufgezeigt. An einer engen aber eigentlichen harmlosen Stelle am „Krummen Timpen“, Höhe Juridicum, riss der Hermes-Paketbote die Fahrertür auf und traf mich am Vorderrad. Ich flog wohl spektakulär mit dem ganzen Rad nach links, knallte auf den Boden und blieb benommen liegen.

 

Münster

Unfallort Krummer Timpen

Eine Fahrstuhltür öffnete sich und ich trat heraus und traf auf einen kleineren älteren Herrn im weißen Kittel, brauner Brille, schütterem Haar und schorfigen Stellen auf der Kopfhaut, dazu seltsamen Verbrennungsmalen an den Unterarmen. Es bleibt unter uns, aber der Typ war mir sofort unsympathisch. „Petrus mein Name, ich bin für die weitere Behandlung Ihrer Person zuständig!“, begrüßte er mich. Außerdem outete er sich als einer meiner wenigen regelmäßigen blog-Leser, meinte aber, das Weinthema wäre doch wohl mittlerweile nach sieben Jahren auserzählt. Beim Warten auf Formulare (die katholischen Kirchensteuer-Bescheide sollten noch von der Erde in den Himmel gefaxt werden) könnte ich Ihn ja mit einer originellen Weingeschichte überraschen, er wäre ein großer Sammler und immer auf der Suche nach neuen und originellen Rotweinen.

 

Münster

Falls der Fahrstuhl zu Petrus mal kaputt sein sollte, gibt es nun in Münster auch eine Himmelsleiter!

Und so erzählte ich ihm die Geschichte von meinem frühen Auszug mit 19 Jahren aus dem Elternhaus aus der Dortmunder Peripherie ins angesagte Dortmunder Kreuzviertel. Dort lebte ich dann in einer WG. Der Mitbewohner feierte fast täglich bis in die tiefe Nacht mit Freunden das Leben, ich fand am nächsten Morgen in aller Frühe vor dem Aufbruch zu meiner Ausbildungsstelle immer viele leere Weinflaschen in der Küche vor. Das muss das erste Mal gewesen sein, dass ich mir ein Weinetikett etwas genauer angeschaut habe. Der Lieblingswein der Dauerfeierer neben Amselfelder war wohl ein lieblicher Supermarkt-Kadarka, um die zwei bis drei Mark damals, bestimmt schlimme Plörre, habe den Wein nie selber probiert. Aber den Namen „Kadarka“ habe ich nie vergessen und ich war sofort Feuer und Flamme als ich plötzlich Kadarka-Weine aus dem Hochpreis-Segment bei einem Weinhändler in Berlin entdeckt hatte.

 Kadarka ist eine sehr alte Rotwein-Rebsorte, die vom Balkan abstammt, eine genauere Herkunftsbestimmung ist nicht mehr möglich, da es zu viele Möglichkeiten gibt (Ungarn, Serbien, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, Griechenland, Albanien, Nordmazedonien, Montenegro und Kosovo). Dazu auch noch Vorkommen in Kroatien, Slowenien, Rumänien und der Türkei.  Fern vom lieblichen Kadarka-Rachenputzer soll die Rebsorte reinsortig oder in Cuvees eine hohe Qualitätsstufe erreichen.

 

Serbien

Kadarka „1880“ Jahrgang 2021, Weingut Oszkar Maurer, Hajdukovo, Vojvodina, Serbien

Aus den ältesten noch existierenden Kadarka-Weinzeilen der Welt, die schon 1880 in der K.u.K.-Monarchie-Zeit angepflanzt wurden und durch die Sandböden noch wurzelechte Rebstöcke enthalten, denen die Reblaus nichts anhaben konnte: der Kadarka 1880 von Oszkar Maurer, Jahrgang 2021! Das Weingut liegt in Nordserbien (Vojvodina) in Hajdukovo schon fast an der Grenze zu Ungarn in der Weinregion Subotica-Horgos. Starker Anteil an ungarischstämmiger Bevölkerung, auch  Oszkar Maurer mit ungarischem Hintergrund, obwohl die Familienwurzeln eigentlich in Salzburg liegen.  Die begehrten Kadarka-Trauben kommen aber ca. 100 km südwestlich aus dem alten Nationalpark Fruska Gora („Frankenwald“), der zur Weinregion Syrmien gehört und zur Zeit ein echter Weinhotspot Serbiens ist. Oszkar Maurer konnte eine historische und wertvolle  Kadarka-Rebanlage zum Glück von seinem Nachbar übernehmen, der schon an Rodung und Umwandlung in eine Streuobstwiese gedacht hatte. Der wunderschöne Nationalpark gilt als Mittelgebirge und besteht aus einigen bewaldeten bis zu 500 Meter hohen Hügeln, die aber durch die umliegenden Ebenen um die Donau viel imposanter wirken. Hier findet man neben reicher Flora und Fauna, uralten Klöstern auch Weinbautradition, die schon immer auf die außergewöhnlichen Böden, die Höhe, die gute Belüftung und die Sonneneinstrahlung mit gleichzeitigem Schutz durch viel Wald begünstigt wurde. Dazu nun das Können von Maurer, die uralten Rebstöcke, Bioanbau und die Naturwein-Philosophie der „low intervention“ im Keller, hier sollte doch was ganz Besonderes entstehen, oder?  

Ein Naturwein der Luxusklasse, helles Rubinrot mit Granaträndern, in der Nase Himbeere, Hagebutte, Pfeffer, Tabak und Feuerstein, im Mund saftig und frisch, animierende Säure, komplex, kühl und süffig, sehr elegant und viel Schmelz, es läuft Dir der Wein im Mund zusammen, dazu salzig-mineralisch langer Abgang. Einfach fantastisch, solche Weine lassen mich noch zum Naturwein-Fan werden, Glückwünsche nach Serbien!  

 

Serbien

Kadarka 2019, „Devas“, Weingut Ernö Sagmeister, Kanjiza, Vojvodina, Serbien

Ernö Sagmeister ist ein Hochtalentierter und betreibt mit seiner Frau Laura ein kleines Weingut in der Gemeinde Kanjiza im Norden von Serbien  an der ungarischen Grenze. Seine Trauben holt er genau wie Ozskar Maurer 100 km südwestlich aus der Fruska Gora, hier besitzt er gerade mal 4 Hektar, die er liebevoll und biologisch pflegt. Die Lage Devas besteht aus eisenhaltigen roten und schwarzen Lehmböden.

Interessante transparente karminrote Farbe, in der Nase Dörrobst, Wassermelone, Himbeere, Kräuter, Tabak und auch erdige Noten, im Mund Sauerkirsche, sehr kühl, weich und süffig, leicht und elegant, feine schmelzige Würze, dazu mineralisch-salzig langer Abgang, begeistert ebenfalls, großartiger Naturwein!  

 

Paradies

Der Fahrstuhl zu Petrus

Nun war die Rotweinnase Petrus aber richtig angefixt, die beiden Kadarka-Weine musste er unbedingt haben und am liebsten noch viel mehr! Was ich denn für einen Rotwein auswählen würde, wenn es definitiv mein Letzter wäre? Ich erzählte ihm vom legendären Barolo Monprivato vom Weingut Giuseppe Mascarello, Monprivato ist eine berühmte Kalksteinlage für Nebbiolo. Von diesem Barolo möchte ich noch einmal im Leben eine Flasche im perfekten Zeitfenster genießen, was nicht einfach und sehr kostspielig werden dürfte. Der gierige Wettergott wurde richtig nervös und schrie „Geld spielt doch keine Rolle!, welchen Jahrgang empfehlen sie denn?“ Zur Zeit würde ich Jahrgang 2013 empfehlen, allerdings kostet der Monprivato 620 Euro die Flasche, der viel zu junge 2019er liegt auch schon bei 250 Euro, den müsste man dann mal zehn Jahre weglegen. Komplizierte Materie und selbst für mich Weinirren zu teuer, ich lud „den Fels“ lieber zu einer Flasche Barbaresco 2013 von Oddero  aus meinem Keller ein, mit dem Fahrstuhl war die Flasche schnell oben,  ein Test, ob ich mit dem Jahrgang bezüglich Trinkreife richtig liegen würde. Öffnet man nämlich die Nebbiolo-Diven zu früh, greifen grimmige unreife Tannine an, öffnet man zu spät, trinkt man praktisch Hustensaft.

 

Barolo

Mein kostspieliger Traum, ein gereifter Barolo von Giuseppe Mascarello!

 

Barolo

Barbaresco Gallina 2013, Oddero, La Morra, Piemont, Italien

Wir trinken Barbaresco im Himmel: transparentes Rubinrot mit bräunlichen Rändern, benötigt sehr viel Luft, bis irritierende Aromen von Liebstöckel und Kleber verfliegen, zum Glück Problem bekannt, dann sensationelle Nase nach Himbeere, Rosenblättern, Wacholder, Waldboden und Leder, im Mund sehr trocken, kraftvoll und elegant zugleich, traumhafter Essensbegleiter, knorrig und edle Tannine, feine Säure und langer würziger Abgang. Was für ein Wein!, Barbaresco kann zu ganz großer Form auflaufen und liefert einfach beständiger und eher ab, als die noch größere Diva Barolo.

Apropos Barolo, Familie Oddero sitzt eigentlich seit dem 18. Jhd. im berühmten Barolo-Gebiet in La Morra und erfindet sich immer wieder neu, Giacomo Oddero wagte 1878 nach burgundischem Vorbild die Umstellung von Fass- auf Flaschenweinverkauf, seitdem hat jede Generation immer für eine Weiterentwicklung beigetragen, seit 2008 experimentiert man mit biologischer Bewirtschaftung, es gab Kellerinvestitionen und clevere Zukäufe (in Verduno und eben auch im Barbaresco-Gebiet im Weiler Gallina), Generation 7 (Isabella Boffa und Pietro Viglino Oddero) ist hochtalentiert und wird tatkräftig von Generation 6 (Önologin Mariacristina) unterstützt. Der Besitz an Rebfläche beläuft sich auf ca. 36 Hektar, wobei ca. 16 Hektar dem Star der Langhe, Nebbiolo, gewidmet sind. 

Der Himmelswächter schien wie benommen und stammelte, dass er mich noch nicht im Himmel haben wollte, ich sollte lieber mit solchen Rotweintipps im blog weitermachen! Den großen weißen Chef würde er mit einer ganzen Horde von Instagram-Weinscharlatanen  ablenken, die ihn schon mehrmals mit Empfehlungen gefoppt hätten, sehr korrupt und omnipräsent wären und sogar schon tausende follower gekauft hätten und nun nach baldigen Ableben im Kellerrestaurant „Hochheimer Hölle“  in der Küche zum Spülen eingeteilt würden.   

 

Münster

Nicht bewegen!, hier geht es um Millimeter-Arbeit, zum Glück idiotensicher!

Ich schreckte auf und lag verdreht auf der Straße, schlimme Schmerzen im linken Bein und in der rechten Hand, um mich herum geschäftiges Treiben, eine nette englischsprachige Passantin tupfte mir Blut von der Hand und der Paketbote fragte geschockt nach meinem Befinden. Mit Fahrradfahrern konnte er in Münster echt nicht rechnen, woher kam der nette Bengel überhaupt? Rheingauer Bub? (Wiesbadener Autokennzeichen), aus dem fernen Zweistromland?, Münster-Kinderhaus war seine Antwort, tja, der Stress und die schlimmen Arbeitsbedingungen ließen ihn wohl so unkonzentriert werden. Er blieb die 20 Minuten immerhin bei mir (hoffentlich muss er die Zeit nicht nacharbeiten, die Firma Star Car besitzt als Subunternehmer für Hermes nicht den allerbesten Ruf!) und bei den versammelten Jura-Studenten vom Juridicum brandete Jubel auf, als sie hörten, dass ich auf dem Weg zur Arbeit war (Wegeunfall, ein Fall für die Berufsgenossenschaft). Etwas kopflastig das Publikum in Münster! Nach 20 Minuten kamen dann auch die Sanitäter, verfrachteten mich mit ausgefeilter Technik in den Rettungswagen, um mich dann über Rumpelstrecken ins Franziskus-Hospital zu fahren, die Art der Verletzung hatte die Retter schon zur Vorsicht alarmiert, möglichst sachte! Danke noch mal dafür!  

 

Münster

Antizipation an den steigenden Altmetallpreisen und auch nach 8 Monaten noch Schmerzen!

Spektakulärer Einzug in die Notfallaufnahme, und schnell die vernichtende Diagnose, Oberschenkelhalsbruch, da war ich meiner Zeit als influencer mal wieder zwei Jahrzehnte voraus, musste sofort operiert werden, „sofort“ kann auch relativ sein, um 0:30 Uhr in der Nacht wurde ich endlich nach der OP auf mein Zimmer geschoben, das Zeitalter der Krücken, Schmerzen und Wein-Abstinenz begann. Sechs Wochen musste ich fiese Schmerzmittel nehmen, nachträglich wurde noch ein Mittelhandbruch rechts festgestellt, der fiese Petrus hatte mir wohl eine etwas längere blog-Pause verordnet, ich konnte den Flaschenöffner nicht mehr bedienen! Ich versuchte mich dann noch mit ehrgeizigem Training in der Reha-Turnhalle (Desinfektionstuch-Weitwurf und immer neuen Laufband-Rekorden) in den geplanten vierwöchigen Sabbatmonat Oktober nach Österreich zu retten, das wurde natürlich nichts, wir mussten unsere geräumige Ferienwohnung direkt am Marktplatz in Rust am Neusiedler See stornieren.

 

Burgenland

Ohne Rust sehr viel Frust!

Habe unter Dauerschmerzen den Stockholm-Beitrag geschrieben und mit tauben Fingern auf der Landkarte viel darüber nachgedacht, was ich in Rust und im Burgenland wieder mal so alles angestellt hätte. Ich war schon sehr oft in Rust, leider machte das die Stornierung nicht einfacher, eigentlich die einzige Gegend der Welt, in die ich auswandern könnte, Ort, Neusiedler-See und Burgenland sind traumhaft, für Weintrinker sogar paradiesisch. Um nicht im totalen Frust zu versinken, habe ich mir ein paar Rotwein-Hochkaräter aus der Vinothek Selektion Burgenland in Eisenstadt direkt gegenüber Schloss Esterhazy bestellt.

 

Burgenland

Schloss Esterhazy, Eisenstadt, Burgenland

 

Burgenland

Rust

Das wunderschöne und berühmte barocke Weingut Feiler-Artinger mitten in Rust ist bekannt durch Funk und Fernsehen. Es diente Schauspieler Harald Krassnitzer in der Fernsehserie „Winzerkönig“ als spektakuläre Weinguts-Kulisse. Trotz aller Noblesse und Geschichte bewirtschaftet eine nette Familie das Weingut mit ca. 29 Hektar Rebfläche erst in der 3. Generation. Karoline und Gustav Feiler kauften das Weingut 1936. Die Böden aus Granit-Gneis-Urgestein und Muschelkalk im Neusiedler-See Hügelland bieten die Basis für einen enormen Rebsortenspiegel. Neben Weiß- und Rotweinen auch berühmte Süßweine. Seit 2008 Anbau nach biodynamischen Richtlinien und seit 2013 Übernahme des Weingutes durch Katrin und Kurt Feiler von den Eltern Hans und Inge Feiler. Anteile am Weingut und Rieden auch noch durch eine Schwester von Hans, Gertrude Artinger, deshalb der Weinguts-Doppelname Feiler-Artinger. Kurt Feiler mit exzellenter Ausbildung (Weinbaufachschule Klosterneuburg) und spektakulärem Auslandspraktikum bei Chateau Cheval Blanc in St. Emilion. Ebenfalls erfolgreicher Abschluss auf der benachbarten österreichischen Weinakademie in Rust und für das Weingut noch mal ein Qualitätssprung.

Burgenland

Riede um Rust

Solitaire 2016, eine Cuvee aus 88% Blaufränkisch, 11% Merlot und einem Prozent Cabernet Franc, Schraubverschluss, kommt rubinrot ins Glas, keine Altersnoten, benötigt viel Luft, zeigt am Anfang noch leichte feurig brandige Noten in der Nase, die aber von feiner Kirschfrucht, roten Beeren, Nougat, Tabak und einem Hauch Holz spektakulär abgelöst werden, im Mund dunkle Beerenfrucht und eine großartige Mineralität, die sich immer deutlicher präsentiert, runde Tannine und ein sehr langer Nachhall, ein begeisternder Wein und ein echter Langläufer, der noch viele Jahre Trinkvergnügen liefern wird. 

 

Rotwein-Hochkaräter aus dem traumhaften Burgenland: Solitaire 2016 Feiler-Artinger, Eichkogel 2021 Kollwentz und Zweigelt Ried Hallebühl 2018 von Umathum.

Das Weingut Kollwentz in Großhöflein am Leithagebirge ist ein klassisches Weingut mit Bioweinerzeugung, aber ohne Hang zu Naturweinexperimenten. Geformt durch den visionären, durchsetzungsstarken und streitbaren Seniorchef, Anton Kollwentz (Jahrgang 1940), der früh beeindruckende Weichenstellungen vornahm und immer den Qualitätsgedanken im Kopf hatte, konnte Sohn Andi (Jahrgang 69) nach guter Ausbildung und Praktika in Frankreich 1993 die Verantwortung des Vaters für den Keller ablösen und 2003 dann mit Frau Heidi die Leitung des Weingutes endgültig übernehmen. Neben Besitz an einem beeindruckenden Riedenportfolio (Steinzeiler, Point, Dürr, Tatschler, Gloria und Setz, Namen seit dem 16.Jahrhundert bekannt) hatte der Vater auch für die Pflanzungen der richtigen Reben gesorgt. Er gilt nicht umsonst als Vater des österreichischen Rotweinwunders und ist hochdekoriert, Sohn Andi schreibt die Erfolgsgeschichte aber souverän weiter!    

Der Eichkogel 2021 von Kollwentz ist eine Cuvee aus Blaufränkisch (Riede Setz und Point) und Zweigelt (Ried Neusetz) und begeistert vom ersten Moment an und animiert zum sofortigen Nachkaufen. Kommt funkelnd Rubinrot mit Purpur-Reflexen  ins Glas, benötigt etwas Luft, dann öffnet sich eine tolle Nase nach schwarzen Beerenfrüchten, Kirsche, Tabak, Zedernholz und Kaffee, hochintensive und elegante Kombination aus samtiger Eleganz und würziger Fruchtfülle im Mund, saftig, druckvoll, dabei mit feiner Mineralnote, ein großer Wein, der mit einem endlosen Abgang abschließt. Absolute Empfehlung!, auch toller Essensbegleiter, schon wunderbar antrinkbar aber auch mit viel Potential für Lagerung im Keller.   

 

Burgenland

Schlimme Dinge passieren: mein erstes Katzenbild im blog!

Einer der besten Winzer Österreichs, Josef „Pepi“ Umathum, übernahm das elterliche Weingut in der Nähe der wunderschönen Wallfahrts-Basilika „Mariä Geburt“ in Frauenkirchen am östlichen Neusiedler-Ufer 1985 noch als Mischbetrieb in sehr unruhigen Zeiten. Eine geraume Zeit war die Nachfolgeregelung im Weingut nicht klar und es kam zu einem Investitionsstau, viel schlimmer aber der berühmt-berüchtigte Glykolwein-Skandal im gleichen Jahr im Burgenland. Großabfüller und einige zuliefernde Winzer hatten einen Weg gefunden, die steigende Nachfrage nach günstigen und edelsüßen Prädikatsweinen mit großen Mengen zu stillen und dabei noch ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Normalerweise ist die Herstellung von Beerenauslesen, Trockenbeerenauslesen und Eisweinen aufwändig, risikoreich und dadurch sehr teuer, mit etwas Frostschutzmittel konnte auch Süße vorgaukelt werden, die Komplexität der herrlichen burgenländischen Süßweine blieb auf der Strecke, genau wie die große Mehrheit der natürlich arbeitenden Weinbetriebe, der Ruf und die Existenz vieler Betriebe schuldlos durch die Gier einiger Wenigen zerstört, das Weinland Österreich total am Boden, Stunde Null! Bevor das kriminelle Panschen aufflog, war das lukrative System natürlich auch schon nach Deutschland weitergezogen und ein Großabfüller namens Pieroth in Bingen war tief in den Skandal verstrickt und auch in Deutschland wurde der vormals weltberühmte Ruf von Süßweinen total und nachhaltig zerstört. In Österreich hagelte es Haftstrafen für viele Beteiligte und es wurde nach diesen üblen Erfahrungen ein strenges Weingesetz implementiert, das solche Exzesse von Grund auf verhindern sollte und nur noch auf strenge Qualität setzte. Genau in dieser Umbruchzeit trat Josef Umathum nach einem fachfremden abgeschlossenen Studium und einer drangehängten Winzerausbildung an, um den Ruf des elterlichen Weingutes, des Burgenlandes und ganz Österreichs wieder herzustellen. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte begann, schon nach kurzer Zeit schaffte er die Umstellung auf ein reines Weingut und verblüffte und begeisterte die Weinwelt jedes Jahr (auch in schwierigen Jahrgängen) mit Rotweinen der Extraklasse aus den autochthonen Rebsorten Blaufränkisch, Zweigelt und St. Laurent aus seinen Rieden wie Hallebühl, vom Stein und Kirschgarten. Im blog auch schon sein Rose-Wein „Rosa“ und auch die Weißweine sollen große Klasse erreicht haben. Mittlerweile bei knapp 50 Hektar angekommen, glänzt der Winzer mit immer neuen Ideen und Projekten, ein absoluter Glücksfall für Österreich, eine spektakuläre Erfolgsgeschichte und eine rasante Rückkehr aus dunklen Zeiten ins Licht!           

Der Zweigelt 2018 Hallebühl (von Hollerpirchl -> Holunder-Hügel) von Umathum kommt von der höchsten Erhebung des östlichen Neusiedlersee. Kommt dunkel Rubinrot ins Glas, nach etwas Luft tolle Noten nach Sauerkirsche, Himbeere, Blumenwiese und etwas Pfeffer, dazu feine Röstaromen in der Nase, im Mund vielschichtig, druckvoll und samtig, fruchtig und mineralisch, ein Hauch Karamell und Kräuter, dazu ein endloser Abgang. Ein high-end Zweigelt, unglaublich toller Wein, habe noch nie so einen Zweigelt im Glas gehabt, riesiger Unterschied zu den bisher probierten Weinen, großartig! Und auch bestimmt großartiger Begleiter zu Wild- oder Lammgerichten.

 

Burgenland

Hier kommen Helden her!

Durch eine Empfehlung in einem  Restaurant  in Münster bin ich auf das Weingut Herbert Zillinger aufmerksam geworden. Gereicht wurde der Grüne Veltliner Hirschenreyn. Ich wurde durch den Stil des Weines, das etwas seltsame Etikett und die Lage des Weingutes (Weinviertel, Österreich) sehr überrascht, dann aber auch zum Fan. Seit der ersten zufälligen Begegnung sind mir immer mal wieder Weine des Weingutes untergekommen, anderes Restaurant in Münster, Weinbars Solingen-Gräfrath und Solingen-Ohligs, und schließlich sogar eine Bezugsquelle in Düsseldorf (Pipos Weinbude). Fand den Stil der Weine immer spannend und hätte die Zillingers gerne vom Neusiedler See aus im Weinviertel besucht, so konnte ich mich „nur“ (war auch sehr nett!) bei Pipo eindecken und recherchieren.

Ich konnte mir am Anfang einfach nicht vorstellen, wie im abgelegenen Weinviertel nahe der Grenze zur Slowakei solche Weine entstehen können. Das Weinviertel mit ca. 15800 Hektar zwar das größte Weinanbaugebiet Österreichs, aber nicht gerade für Innovationen und Bioanbau bekannt.  Herbert Zillinger übernahm das elterliche Weingut als dritte Generation mit 20 Jahren, 1998 noch ein Mischbetrieb mit Mais-, Kartoffel- und Getreideanbau. Kompromisslos und strategisch ging er seinen Weg, überwand viele Widerstände und setzte Meilensteine. 2003 Umstellung auf ein reines Weingut, seit 2005 Unterstützung von seiner Frau Carmen, Schwerpunkt Grüner Veltliner von Löss-, Lehm- und Kalksteinböden auf mittlerweile ca. 16 Hektar, nur absolut gesundes Traubengut im Bioanbau, seit 2016 sogar auf biodynamische Wirtschaftsweise umgestellt. Strenger Verzicht auf alle gesetzlich erlaubten Mittelchen im Keller, wie z.B. Reinzuchthefen, Enzyme, Schönungsmittel, usw., usw., minimaler Einsatz von Schwefel. Dadurch entstehen spannende Naturweine mit Charakter und Tiefgang, fernab vom mainstream, besonders und fordernd, aber auch immer sanft und mit extremen Trinkfluss.  

 

Österreich

Besondere Grüne Veltliner, Neuland, Horizont und Kalkvogel 2022 mit klassischen Etiketten, Weingut Herbert und Carmen Zillinger, Ebenthal, Weinviertel, Österreich

Schon oft in den MAKU-Weinbars in Solingen (Gräfrath und Ohligs) probiert und immer spannend und nie langweilig gefunden: Grüner Veltliner Neuland 2022, die Grüner Veltliner „Basis“ der Zillingers, praktisch der Einstiegstest mit Drehverschluss, ob man sich auf den besonderen Naturwein-Stil und die ganz eigene Interpretation der Rebsorte einlassen will. Alle jungen Weine der Zillingers benötigen viel Luft (sogar ein Karaffen-Zeichen auf dem Etikett!), zeigen dann aber sehr viel Charakter. Der GV Neuland strohgelb im Glas, leicht trüb, in der Nase Birne, Kräuter, etwas Pfeffer und Hefe, im Mund wunderbar schmelzig und süffig, volle herbe Frucht trifft auf Mineralität und sanfte Säure, ganz eigener Naturwein-Stil zum Verlieben, apropos, meine Freundin bei jedem Blindversuch konstant und zuverlässig raus, erstaunlich!, einfach nicht ihr Stil!, den langen würzigen Abgang konnte ich aber trotzdem allein genießen! Richtig klasse bei 11,5% Alkohol, bravo!

Mein absoluter Liebling aber der GV 2022 Horizont, ebenfalls Schraubverschluss, kommt zitronengelb ins Glas und bietet mit viel Luft eine noch expressivere Nase nach gelbem Apfel, Birne, Kräutern, Blumenwiese und nussigen Aromen, im Mund wieder so schmelzig-süffig mit sanfter Säure, dazu ein tolles Wechselspiel zwischen herber Frucht und Mineralik, dazu ein endlos langer salziger Abgang, ein Lieblingswein und eine Herausforderung zur Kombination mit Essen. 

Der konzentrierteste und schwierigste Wein für mich der GV 2022 Kalkvogel (Ried Vogelsang), strohgelb im Glas, aber trotz langer Belüftung sehr verschlossen, benötigt noch viel Lagerzeit zur Harmonisierung, in der Nase alles sehr zurückgenommen, etwas gelbe Frucht, Kräuter, Hefe und erdige Töne, im Mund viel herbe Frucht und salzige Mineralität, feine Säure und ein würziger Abgang, sehr viel Konzentration und ein Versprechen auf die Zukunft! 

 

Burgenland

Greisslerei, Schützen am Gebirge

Bei den letzten Besuchen in Rust immer einmal mit dem Rad unterwegs nach Schützen am Gebirge, um die Greisslerei zu besuchen, die dem berühmten Sternelokal Taubenkogel angeschlossen ist. Es ging dann immer über Oslip, um die NN-Fabrik und den schönen Skulpturengarten von einem meiner Lieblingskünstler, Johannes Haider, zu besuchen. Von ihm hängt einiges in meinem Wohnzimmer, bei einem meiner Besuchsversuche klärte mich ein Nachbar von ihm auf, dass der Künstler durch einen tragischen Treppensturz zwei Tage vorher ums Leben gekommen wäre. Ich weiß noch, dass mich diese Nachricht tagelang beschäftigt hat und ich erst wieder ruhiger wurde, als ich an seinem Grab in Eisenstadt stand. Ich werde ihn nicht vergessen! 

 

Burgenland

Im Skulpturengarten von Johannes Haider

Zurück nach Schützen am Gebirge. Hier sitzt auch das Weingut Prieler und ich wollte immer mal dort eine Weinprobe machen, fiel auch aus, zum Glück war wieder der Weinpipo aus Düsseldorf zur Stelle und ich konnte zuhause drei Prieler-Weine verkosten.

 

Burgenland

Blick vom Aussichtsturm Ungerberg!

 

Burgenland

Drei Weine von Prieler und viel Kunst.

Einer der Parade-Rebsorten bei Prieler ist der Pinot Blanc (Weißburgunder), hier ein ganz frischer Wein Jahrgang 2023 von jüngeren Rebstöcken aus dem Ried Seeberg bei Schützen, der schon viel Trinkspaß bietet, aber eher ein Essensbegleiter als ein Solokünstler ist: Schraubverschluss, kommt funkelnd Gelb mit grünen Reflexen ins Glas, duftet nach Birne, Blumenwiese und Kräutern, im Mund schöne Balance zwischen Frucht und Mineralnoten, langer Abgang mit einem Tick zu viel Alkohol, erinnert ganz leicht an gebrannte Mandeln, benötigt noch Zeit. Trotzdem toller weißer Einstiegswein in den spannenden Prieler-Kosmos, hat mir sehr gut gefallen! 

 

Burgenland

Hoch über dem Neusiedlersee.

Bei Rot im Burgenland schwärmt alle Welt vom Blaufränkisch, hier ein 2020er von der Johanneshöhe beim Nachbarort Oggau mit Neusiedlersee-Blick, wieder Schraubverschluss, kommt extrem dunkel mit violetter Randaufhellung ins Glas, in der Nase Brombeere, etwas Pfeffer, Lorbeer und ein Hauch schwarze Olive, saftige Beerenfrucht im Mund, schmelzig, aber auch noch spürbare Säure, langer Abgang mit feiner Frucht und Mineralität, toller Wein und im jetzigen Zustand interessanter Essensbegleiter. 

Der Blaufränkisch 2021, Ried Pratschenweingarten, Leithaberg DAC, mit Naturkorken, strömt sehr dunkel ins Glas, in der Nase viel rote Frucht, Brombeere, Pflaume, etwas Limette, Kräuter und schwarzer Pfeffer, im Mund viel Kirschfrucht, saftig, frisch und mineralisch, feine Tannine und ein sehr langer salziger Abgang mit Würznote. Toller Wein, aber doppelt so gut wie sein Vorgänger? Auf jeden Fall doppelt so teuer, nach meinen Erfahrungen laufen hier (und auch bei vielen anderen Weingütern)  Qualitäts- und Peiskurve stark auseinander und trotzdem bin ich angefixt, auch mal die noch höherpreisigen Blaufränkisch von den Rieden Marienthal und Goldberg zu probieren. 

 

Burgenland

Am Goldberg, Schützen am Gebirge

Den Namen Prieler findet man in Schützen am Gebirge erstmals urkundlich erwähnt schon 1347, aber weintechnisch richtig los ging es erst mit dem Großvater vom jetzigen Besitzer Georg Prieler, der die ersten Flaschenweine abfüllte, Preise damit gewann und schon Flaschen bis nach Salzburg liefern konnte. Die Eltern von Georg kauften ausgesuchte Riede zu, prüften und optimierten die Standorte für die Reben und erweiterten den Rebsortenspiegel um Merlot, Cabernet Sauvignon, Pinot Noir, Pinot Blanc und Chardonnay, ohne die heimischen Rebsorten wie Blaufränkisch und Zweigelt zu vernachlässigen. Durch die extrem unterschiedlichen Böden im Hügelland und am Leithagebirge bieten sich für viele Rebsorten enorme Chancen. Es wurde auch schon ein erstes Holzfasslager angelegt. Schwester Silvia setzte dann voll auf biologische Bewirtschaftung und viele mutige Experimente, ab 2012 konnte dann Georg nach Auslandpraktika in Kalifornien, Argentinien und Neuseeland das Weingut übernehmen und seinen Traumberuf ausüben.     

 

Friaul

Drei Weine von Beniamino Zidarich, Prepotto, Karst, Friaul

Nach zwei Wochen am Neusiedlersee wollte ich dann noch eine Woche in Wien verbringen, auch hier ist der Weinschank bekannt, hat liebe Bekannte und vielleicht hätte es auch endlich mal mit einem Besuch und Tisch im La Salvia am Yppenplatz, 16. Bezirk (Ottakring), geklappt, schöne Vinothek und Feinkostgeschäft mit Schwerpunkt Friaul. Oweh, die Ausfall-Liste  wurde immer länger und die Laune richtig im Keller, da konnte nur ein Probierkistchen der Ottakringer helfen.   

 

Friaul

Unterwegs im Karst, Friaul

Beniamino Zidarich ist ein heimatverbundener Natur- und Biowinzer aus dem Dorf Prepotto hoch oben im italienischen Karst. Prepotto?, spielte hier im blog als Hochburg der Rebsorte Schioppettino auch schon mal eine Rolle, ist aber ein anderes Dorf, liegt viel weiter nördlich in der DOC Colli Orientali Friuli. Aber das im blog auch schon positiv erwähnte Weingut Edi Kante kommt ebenfalls aus dem Karstdorf Prepotto. Hier im Osten besteht Italien nur noch aus einem kleinen Streifen, unten führt die Straße vom riesigen Soldatenfriedhof des 1. Weltkrieges bei Duino-Aurisina Richtung Triest. Oben liegen Dörfer im wilden Karst, jede Parzelle für Weinanbau musste den kargen Böden abgerungen werden, auf roter Erde stehen diverse Rebstöcke und trotzen den bei Seglern auf der Adria gefürchteten eisigen Fallwinden der Bora. Dafür gibt es Sonne satt und etwas Schutz durch noch weiter oben stehende Wälder, durch die man schon zur slowenischen Grenze kommen kann. Faszinierende Landschaft, faszinierende Winzer und Weine, hier produziert Beniamino Zidarich mühevoll und leidenschaftlich auf 8 Hektar ca. 25000 Flaschen Karstwein im Jahr.  

 

Italien

Trauben und Kunst im Friaul.

Der Prulke 2020 ist eine Cuvee aus 60% Sauvignon blanc, 20% Vitovska und 20% Malvasia, erinnert vom Namen an einen typischen Klingelschild-Namen aus Gelsenkirchen-Ückendorf, Prulke ist aber eine Lage unterhalb des Karst-Dorfes Prepotto. Helle goldgelbe Farbe, leicht trüb, duftet nach Orange, Honig und Lavendel, im Mund harmonisch, cremig, sanftes Säurespiel zwischen Zitrusfrucht und Mineralität, dichter und langer Abgang, fruchtig und herb mit deutlicher Salznote. Eigenständiger und faszinierender Orange-Wein, ausgezeichnet!

Eine versuchte Steigerung an Mineralität zum Prulke der noch junge 2021 „Kamen“ (Stein) aus 100 % Rebsorte Vitovska. Goldgelbe Farbe mit orangenem Einschlag, in der Nase Aprikose, Pfirsich, Orangenzeste, Honig und erdige Töne, im Mund extrem konzentriert mineralisch, dazu ein säurearmer samtig balsamischer Eindruck, sehr wenig Frucht, langer würzig-harziger Abgang. Benötigt zur Harmonisierung noch viel Zeit, ist aber schon jetzt ein toller Esensbegleiter zu  Fisch und Meeresfrüchten.    

Der Terrano (Teran) 2021 von Zidarich kommt mit rubinroter Farbe ins Glas, in der Nase Sauerkirsche, Preiselbeere, Feige, balsamische Noten und Waldboden, im Mund cool climate-Stil, Johannisbeere, frische und feine Säure, mineralisch, langer erdig würziger Abgang, kein Wein für Anfänger, aber ein Wein mit einem starken Charakter und Eigenständigkeit, dadurch ein Wein für die Blindprobe. Natürlich auch super Essensbegleiter für Crostini mit Oliventapenade, feinen San-Daniele Schinken oder Mortadella mit Pistazien. Gefällt mir sehr gut und erinnert mich an meine Reisen ins Friaul. 

 

Italien

Wilder Fluss Tagliamento, Friaul

Von Wien sollte es dann auf Rückreise noch eine Woche in die Wachau gehen, bisher hat es noch nie mit einem Besuch geklappt und auch dieses Mal fiel die berühmte Weinregion ins Wasser, ich schaute in die Röhre und musste sogar mehrmals hinein (MRT), die Durchgangsärzte konnten sich die anhaltenden und ausstrahlenden Schmerzen nicht erklären und gingen per Ausschlussprinzip vor, ich hätte ja auf die Hüfte getippt! Als Durchgangsarzt 1, der mir irgendwie sehr bekannt vorkam, dann auch noch behauptete, die Schmerzen kämen nicht vom Unfall, sondern wären Verschleiß, war meine Geduld endgültig am Ende und ich wechselte zu Durchgangsarzt 2, Durchgangsarzt 1 damit verschlissen. Die Suche läuft noch, mittlerweile ist aber wenigstens klar, dass die Schmerzen doch vom Unfall herrühren. Der Ärztemarathon wurde mit langen Terminwartezeiten garniert, ich hätte den Unfall so gern endlich abgehakt, so gönnte ich mir zwei sehr junge Grüne Veltliner Smaragd aus der berühmten Lage Loibenberg von zwei berühmten Weingütern aus der Wachau, damit schließe ich leicht schwermütig den Beitrag hier ab.

 

Oesterreich

Grüner Veltliner Smaragd 2023, Ried Loibenberg, Weingut Alzinger, Unterloiben, Wachau DAC, eine echte Versuchung!

Das Weingut Alzinger verfügt über 11 Hektar Rebfläche in ausgezeichneten Lagen, meistens handelt es sich um Urgestein- und Gneisverwiterungsböden mit Lösslehm-Anwehungen wie dem Ried Loibenberg. Hier konzentrieren sich Vater und Sohn Leo Alzinger auf Grüne Veltliner und Riesling, Jahresproduktion ca. 70 000 Flaschen.

Der 2023er Grüne Veltliner Loibenberg Smaragd kommt hell Gelbgrün ins Glas, duftet fein nach gelbem Obst, einem Hauch Mango, Honig und Kräutern, im Mund noch stürmische Säure, aber auch schon eine unglaubliche Süffigkeit, zarte Fruchtsüße trifft auf Mineralik, voluminös und stoffig, trotzdem sehr fein und ein langanhaltender salziger Abgang. Hat mich sehr überzeugt, lege ich mir in den Keller und warte auf weitere Harmonisierung, toller Wein.

 

Oesterreich

Grüner Veltliner Smaragd 2023, Ried Loibenberg, Weingut Knoll, Unterloiben, Wachau DAC

Das Weingut Knoll ist einer der bekanntesten österreichischen Weinbaubetriebe, mit ca. 16 Hektar Besitz in tollen Rieden wie Loibenberg, Schütt, Kellerberg, Pfaffenberg und Kreutles ausgestattet. Zusätzlich zu den tollen Böden herrscht eine besondere Luftzirkulation. Seit 1825 lässt sich der Name Knoll in der Wachau zurückverfolgen, erste Flaschenabfüllungen 1947, Vater Emmerich Knoll Senior, Geburtsjahr 1950, sorgte für einen beispiellosen Aufschwung, mittlerweile führen die Söhne August und Emmerich (Junior) die Geschicke des Weingutes als 6. Generation weiter. Erzeugt werden mittlerweile jährlich ca. 150 000 Flaschen.

Der GV Smaragd Loibenberg kommt mit mittlerem Strohgelb ins Glas, in der Nase Birne, Pfeffer, Kräuter, ein Hauch Honig und Mineral, am Gaumen sehr fein, bei noch zu deutlicher Säure, wunderschöne Fruchtandeutungen an gelben Apfel und etwas Mango, wieder Pfeffer, sehr konzentriert und schmelzig, voluminös mit Tiefgang, aber auch elegant und verspielt, schöner langer Abgang mit einem Tick Grapefruit-Bitterkeit und salzigen Anklängen. Viel Potential zur weiteren Harmonisierung, hab mir auch hier was in den Keller gelegt.  

Ich habe zwar weiterhin Schmerzen, trotzdem aber auch beim Humpeln durch die Gemeinden neue Weine gefunden, es geht hier auf jeden Fall weiter, vergesst mich trotz langer Wartezeiten auf neue Beiträge nicht!

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Königliches Stockholm!

 

Schweden

Seit über 50 Jahren hat Kung Carl XVI Gustaf auf den Weinschank gewartet, nun ist er endlich da! Willkommen in Stockholm!

Ich bin einfach kein Nordlicht!, gerne hänge ich mir große Skandinavien Panorama-Kalender in den Flur und bewundere darauf die Landschaft, aber statt in den Norden ging es bisher immer nur in den Süden, nach Italien, Portugal, Kroatien, Griechenland oder sonstwo hin. Wahrscheinlich haben mich als Weintrinker auch immer die Horrorgeschichten über die exorbitanten Alkohol-Preise abgeschreckt, aber ich habe auch zugehört, wenn Leute über Stockholm geschwärmt haben, ich glaube fast, als echter Weintrinker ist man immer neugierig und tolerant, man springt sehr oft über seinen Schatten, man probiert sogar Naturweine oder fliegt nach Schweden! Klimaschützer kann ich beruhigen, meine Flugkarriere ist bald Geschichte, habe dieses Mal die Flugangst mit Selbsthypnose und Gehirnwäsche zu bekämpfen versucht, jeder gefühlte Flughuckel war wie ein großer Gong, der wieder mal kurzfristig um Stunden vorverlegte Flug im Morgengrauen sorgte trotzdem für große Irritationen, fast wäre ich auf großer Höhe mit Dauerfallangst durch autonomes Training eingeschlafen, reine Kopfsache!, ich habe es wieder ausgehalten, mag es aber immer weniger! Halbtot habe ich dann auch noch bei der Taxifahrt vom Flughafen nach Büllerbü meine Jacke im Taxi vergessen, es fehlte einfach die dentale Frische, aber der reservierte Platz mittags im tollen Restaurant Sjöpaviljongen (Seepavillon) in Alvik war Gold wert!

 

Schweden

Restaurant Sjöpaviljongen, Alvik, Bromma

Manche Leute im Service können es einfach, wir waren um 12 Uhr mittags die ersten Gäste und klar als gestresste Touris mit Koffern und ohne Jacke zu erkennen, es wurde uns alles aus den Händen gerissen und getragen, wir bekamen einen traumhaften Tisch auf der Terrasse, die Weinkarte (!), einen Tipp, doch das Midsommar-Menü zu probieren und konnten durchatmen, angekommen und wunderbar aufgehoben im Seepavillon in Alvik. Warum Seepavillon?, Stockholm liegt auf 14 Inseln und der große und verfranste Mälaren-See mündet mit Süßwasser mitten in Stockholm an einer Schleuse in den Ostsee-Brackwasser-Bereich. Die ca. 30 000 Schären-Inseln muss man aber auch noch umfahren, bis man wirklich an der Ostsee ist. Richtig Glück gehabt, Blick auf eine der unzähligen Buchten des Mälaren-See und als erste offene Weine gleich Vergleich Albarino (Spanien) gegen Alvarinho (Portugal), das hat mich schon mal richtig inspiriert!

 

Spanien und Portugal

Alvarinho und Albarino!
Portugal und Spanien!

Portugal und Spanien

2020er Alvarinho und Albarino

Das kleine Weingut Vale dos Ares („Tal der Lüfte“) von Senhor Miguel Queimado (seit 1683 in Familienbesitz) befindet sich in der Alvarinho-Kernzone, der Subregion Moncao und Melgaco, mit hochgelegenen Granitböden. Ich habe aus der Limited Edition Wein Nummer 380 von 1324 Flaschen probiert.

Sehr lehrreiche Aktion, habe trotz der DIN A4-Seite Weinbeschreibung des bekannten Bremer Weinhändlers nicht auf die Wörter „im Holz ausgebaut“ geachtet, goldgelbe Farbe und in der Nase sehr deutlich Vanille, Honig und Kräuter, im Mund dann der knockout, sehr unharmonisch und herb, dazu Holz, ein Desaster am Gaumen, auch nach Stunden keine Besserung, was ist denn hier passiert? Denke mal, hier wurde mit Holz experimentiert, um den höheren Preis der limitierten Serie zu rechtfertigen, der Charakter der Alvarinho-Traube wurde dabei leider total übertüncht. Das ist so schade!, Alvarinho kann so großartig sein ( Solar de Serrade ) , gerade auch im Bereich unter 11 Euro, aber Holzeinsatz ist so gefährlich wie die ausufernden Lobeshymnen der Internet-Weinhändler, lange Rede, kurzer Sinn, ich bin reingefallen und der Vergleich geht an Spanien, oder?     

Das Weingut von Eulogio Pomares Zarate wurde 1920 in Galizien gegründet und kann mittlerweile auf 8,5 Hektar (ca. 50000 Flaschen Jahresproduktion) zugreifen. Ganzer Stolz sind dabei die drei Albarino-Einzellagen, El Palomar (Taubenschlag), Tras da Vina (hinter dem Weinberg) und Balado (Mauer), 0,5 Hektar mit uralten wurzelechten Albarino-Rebstöcken auf Granit- und Kalkböden und mit einer kleinen Granitmauer abgegrenzt.

Auch ohne Holzeinsatz geht es beim Albarino Balado 2020 von Zarate extrem zur Sache, die Farbe schon fast goldbraun, in der Nase Apfel, Hefe und Muschelschale, leider für mich von der unangenehmen Art, am Gaumen etwas Frucht und heftige Säure, macht einfach keinen Spaß und Lust auf den nächsten Schluck, ich bin einfach raus! Portugal – Spanien 0:0! Hier will man ebenfalls mit aller Macht ins Hochpreissegment und übertüncht meiner Meinung nach die allerbesten Anlagen der Rebsorte und des Terroirs, solche Übertreibungen hat es schon oft gegeben, zum Glück hat man sich meistens schnell beruhigt und sich wieder zu „normalen“ und köstlichen unaufgeregten Terroirweinen hingewandt. Ich selber habe mir ein großes Eigentor geschossen, mir waren die beiden Weine im Restaurant in Stockholm nicht komplex genug, gerechte Strafe!, das Hochpreissegment hat mich zuhause dann doch sehr leiden lassen! Hier hätte es schönere Alternativen gegeben…    

 

Loire

Drei Sancerre-Weine (Rot-Weiß-Rot) vom Weingut Paul Prieur, Verdigny, Loire.

Zum Fleisch-Hauptgang griff dann die goldene blog-Regel, gibt es einen offenen Wein von einem Siegerschankwein-Weingut auf der Weinkarte, wird gnadenlos geordert, Weingut Paul Prieur mit Pinot Noir von der Loire im offenen Ausschank, ich konnte mein Glück kaum fassen!, Schweden vielleicht doch ein Paradies für Weintrinker?, zur Begrüßung war das schon mal richtig gut, fast schon ein wenig unheimlich, aber was soll ich schreiben?, es blieb leider das einzige Siegerschankwein-Weingut aus dem blog, das auf den Weinkarten auftauchte. Tolles Begrüßungs-Menü im Restaurant Sjöpaviljongen in Alvik und in der Rückschau zuhause dann drei Weine vom Weingut Paul Prieur verkosten, solche Steilvorlagen nehme ich natürlich auf, auch wenn der junge Pinot Noir im Restaurant doch etwas rustikal wirkte!

Auch bei der Nachprobe in der Heimat der Pinot Noir Grains de Pinot 2022 zu jung, kratzig und rustikal, erspare mir weitere Beschreibungen und versuche es lieber mit langer Kellerlagerung. Zum Essen (Fleischgericht) ging gleicher Jahrgang in Schweden noch so gerade, hatte erst das Restaurant in Verdacht, die Flasche tagelang geöffnet irgendwo rumstehen zu lassen, aber es lag an der Jugend des Weines. Hier deshalb die Mahnung, auch bei vermeintlichen Lieblingsweingütern nie blind nachbestellen, bei der Weinbereitung spielen viele Unsicherheitsfaktoren mit, unbedingt immer vorher probieren, nie die Katze im Sack kaufen!

Zum Glück sprang ein wunderbarer Sancerre „Pieuchaud Silex“ 2020 in die Bresche, nicht nur der beste Sancerre, den ich bisher verkosten durfte, sondern wahrscheinlich auch der bisher beste Sauvignon blanc! Expressive Nase nach weißen Pfirsichen, Mirabellen, Stachelbeeren, Zitrus, ein Hauch Vanille und Feuersteinnoten , auch im Mund die perfekte Balance zwischen einem vollen Körper mit gelber Frucht und sehr viel mineralischen Anklängen (kalkig-kreidig), mit etwas Zeit immer runder und harmonischer werdend, dezente Säure, dazu ein super langes leicht salziges Finale, ein toller Wein!  

Und auch der elegante Pinot Noir „Les Pichons“ ein großartiger Wein, transparent rubinrot im Glas, herrliche und ausdrucksstarke Nase nach Kräutern, dunklen Beeren, etwas Kirsche und Mineraltönen, im Mund voluminös aber trotzdem seidig elegant, Pflaume und dunkle Beeren, etwas Würze, frische spürbare Säure, weiche Tannine, langer und für die Jugendlichkeit des Weines schon beachtlich geschliffener Abgang, unbedingt lagern, der Wein legt noch an Harmonie zu.  

Das Familienweingut Paul Prieur wurde von Paul und Jacqueline Prieur gegründet. Die Beiden waren echte Pioniere in der Appellation Sancerre, da Sie als erste Produzenten ihre gesamte Ernte selbst abfüllten und vermarkteten. Heute führt Enkel Luc das Weingut, mittlerweile 18,5 Hektar Rebfläche, ca. 145 000 Flaschen Jahresproduktion, edle Böden mit Lehm, Kalk- und Feuerstein, Besitz auch in der berühmten Lage Monts Damnés.

 

Stockholm

Die blaue Linie 12.

Leicht beschwingt suchten wir dann unsere Straßenbahn in Alvik, alles nicht so einfach, Linie 12 einfach nicht zu finden, dafür ein Bus nach Äppelviken und ich mit der Stockholm-App auf dem Smartphone ganz vorne!, Generation X doch gar nicht so blöd, piep! und ab ging es! Genau eine Haltestelle weiter, waren wir schon am Ziel, Ferien auf Sagrotan, schöne Ferienwohnung in einem freundlichen Haus, idyllische Umgebung, Klimaanlage im Sommer auf 26 Grad, so mag man es! Natürlich nicht!, meine Freundin wurde genötigt, die Vermieterin anzurufen und bekam zu hören, dass die Klimaanlage aus wäre, die Anzeige nichts bedeutete und wir vielleicht mal die Fenster aufmachen sollten. Großes Gelächter auf unserer Seite, bei mir auch Erleichterung dabei, ich war wirklich mal wieder völlig am Ende! Das war hier zwar nicht Anreise Amalfiküste, aber auch nicht ganz ohne!  

 

Stockholm

Malepartus in Äppelviken, Ferien auf Sagrotan, unser „Schloss“ auf Bromma für zwei Wochen!

 

Stockholm

Schöne Ferienwohnung, Äppelviken, Bromma, Stockholm

 

Ein kleiner Spaziergang war trotzdem noch drin, sehr idyllische Umgebung, bunte Häuser aus Stein oder Holz, Straßenbahnlinie 12 fuhr doch und Haltestelle direkt vorm Haus, das Geheimnis wollten wir am nächsten Tag lösen, beim Gang zum Mälarensee spazierten wir durch eine ruhige parkähnliche Landschaft mit Felsen, schönen Buchten, hohen Brücken und immer neuen Ausblicken aufs Wasser, wohl nur 6 km von der Innenstadt entfernt, aber eine Welt für sich!

 

Bromma

An der Appel-Bucht

Am nächsten Tag stiegen wir dann ganz entspannt in die Linie 12 und fuhren neugierig Richtung Alvik, wieso hatten wir gestern den Haltepunkt nicht gefunden?, ganz einfach, er lag viel weiter oben, Parallelgleis zur Tunnelbana, an dieser Stelle eher eine Hochbahn wie in Hamburg (Grüße an den weltbesten Zugführer Andreas in Hamburg, den Bruder meiner Freundin!), dadurch aber auch direkter Anschluss und Aussicht, Minigolfplatz, viel Wasser, hohe Brücken und Ausstieg in Fridhemsplan in Kungsholmen. Kungsholmen sollte später noch mein Lieblingsviertel werden, viele schöne Altbauten, Parks , Restaurants, Weinbars und eine Uferpromenade Richtung Stadthaus, richtig toll!  

 

Stockholm

Stadthaus Stockholm, wir kamen am ersten Tag von hinten links!

Natürlich nach Viertelrundgang Kungsholmen dann schlimmer Hunger und alle Restaurants mit Mittagspause, um 17 Uhr standen wir als erste Gäste beim schönen Restaurant Spisa hos Helena auf der Matte, wieder superfreundlicher Service, tolles Menü und ein inspirierender Weißwein aus dem Trentino, der mich zuhause zur autochthonen Rebsorte Nosiola brachte.

 

Stockholm

Spisa hos Helena, Kungsholmen, Stockholm

 

Italien

Nosiola und Pinot Grigio 2022 von Foradori.

Leuchtendes Goldgelb, ausdrucksstarke Nase, florale Noten, Zitrusfrüchte, etwas Klebstoff und Salbei, im Mund trotz nur 12.5% Alkohol voluminös wirkend, cremig, herbe Frucht (Quitte) und aufkommende nussige Würze, dazu Bienenwachs und ein schöner mineralisch-kalkiger Abgang, die autochthone Rebsorte Nosiola aus dem Trentino im biologischem Anbau in minimalen Erträgen geerntet und mit viel Aufwand (Ausbau in Akazienholz, Amphore und Betonei) in Richtung Naturwein-Style getrimmt, hat mir sehr gut gefallen, auch wenn ich beim pairing etwas ratlos war, vielleicht fällt Euch ja was ein, gerne hier einen Kommentar! 

Der Pinot Grigio Fuoripista 2022 fließt leuchtend kupferrot mit orangen Rändern transparent ins Glas, aufregende Nase nach Himbeere, Hagebutte und Kräutern, im Mund kühle Frische, zarte Frucht, elegant und süffig, viel Schmelz, langer Nachhall mit viel salziger Mineralität und einem feinem Bitterton. Toller Naturwein mit Amphoreneinsatz, sehe ich als starken Essensbegleiter zu Austern, Jakobsmuscheln oder gegrilltem Fisch, sehr gerne auch Sushi.  

Mit dem Einstieg der charismatischen und visionären Elisabetta in das elterliche Weingut Foradori 1985, veränderten sich unglaublich viele Dinge, es wurde ein konsequenter Weg Richtung Qualität eingeschlagen, Ertragsbeschränkungen, Umstellung der Reberziehung, Fokussierung auf autochthone Rebsorten und starke Einflüsse der ganzheitlichen und biodynamischen Wirtschaftsweise durch die Lehren des Anthroposophen Rudolf Steiners, die Elisabetta über ihren Partner, Prof. Rainer Zierock, kennenlernte. Eine steile Erfolgskurve begann, besonders mit der roten Teroldego-Rebsorte konnte sie mit „Granato“ oder Lagenweinen wie „Sgarzon“ oder „Morei“ große Erfolge erreichen, aber auch die weißen fast vergessenen autochthonen Rebsorten wie Manzoni oder Nosiola feierten ein glanzvolles Comeback. Das konsequente Qualitätsstreben und die Experimentierfreude ist auch auf die nächste Generation übergesprungen, seit 2013 ist Sohn Emilio Zierock für die Weinbereitung verantwortlich, weg vom Barrique, dafür mehr Amphore, Ganztraubenpressung, immer weiter Richtung Naturwein.Volle Unterstützung durch Bruder Theo und Schwester Myrta. Mittlerweile ist man im Besitz von ca. 28 Hektar wertvoller Berglagen. 

 

Stockholm

Im Supermarkt in Alvik!

Erster Einkauf im Supermarkt und tatsächlich, kein Alkohol über 3,5% zu bekommen. Ein paar Leichtbiere (habe ich probiert, würg!), alkoholfreie Weine und Schaumweine und viel Limonade und Säfte, die riesigen Regale mit Weinindustrieplörre fehlten komplett, um es mal positiv zu sehen. Alkoholhaltige Getränke über 3,5% gibt es im Einzelhandel ausschließlich in sog. Systembolagets, ein staatlich kontrolliertes Unternehmen mit Monopolstellung und vielen Filialen in den einzelnen Stadtteilen. Natürlich musste ich da sofort hin, aber was ist in Schweden so schief gelaufen?, dass man auf so ein System setzen muss. Schweden war mal ein Land der Schwarzbrenner und der Alkohol hat viel Leid und Tod über die Bevölkerung gebracht, nach dem Aufkommen einer starken Abstinenzbewegung auf dem Lande, hat man den Alkohol immer weiter besteuert und verbannt. In den letzten Jahren hat man die strengen Verbotsregeln etwas gelockert, Schweden ist statistisch mittlerweile das Land mit dem höchsten weltweiten Verbrauch an Tetra-Pak-Wein. Also auch beim Wein Rausch statt Genuss?, ein gefundenes Fressen für meine Arbeitskollegen, dabei sollte Wein doch ein reines Genussmittel sein. Auf der einen Seite finde ich die Idee ja sehr gut, den Zugriff auf hochprozentigen Alkohol zu erschweren und ihn durch hohe Steuern fast unerschwinglich zu machen, das Teufelszeug macht in Deutschland auch so viele Menschen kaputt, sehr traurig! Aber Wein in den gleichen Topf werfen?, nur über Weinschanks Wasserleiche…  

 

Stockholm

Staatlich überwachter Alkoholverkauf!

Beim Betreten eines Systembolagets greifen sofort ein paar Restriktionen, jünger aussehende Menschen müssen sich ausweisen (Eintritt erst ab 21 Jahren), Masseneinkäufe (z.B. mit meinem 9er bag) sind absolut unerwünscht (habe dann peinlich berührt nur drei Flaschen gekauft!), härterer Alkohol steht weit hinten in den Tiefen und dunklen Ecken der Läden. Das Weinangebot ist aus einer ersten Sicht durchdacht, es werden schon die wichtigsten Weinländer, Regionen, Appellationen und Rebsorten angeboten, allerdings ist das Angebot wohl in allen Filialen gleich, stark begrenzt und überschaubar, bei gut laufenden Weinen wird auch schon mal ein 2. Erzeuger dazu genommen. Auf den 2. Blick hat mich das System dann doch abgeschreckt, wahrscheinlich kauft ein staatliches Konsortium ein, mir fehlt hier die herrliche Weinvielfalt, auch wenn einiges abgedeckt wird (für die Mosel stand z.B. eine Riesling Spätlese von Dr. Loosen im Regal). Weinblogger wäre ich in Schweden wohl nicht geworden. Man muss sich mal vorstellen, es fehlt die Weinexpertise von tausenden unabhängigen Weinhändlern in Deutschland. In Schweden gibt es dann nur noch die Chance, Restaurants oder Weinbistros zu besuchen, die einen eigenen Einkauf betreiben und nicht dem Systembolaget angeschlossen sind.   

Zur Zeit ist wohl auch die weiße autochthone Rebsorte Assyrtiko aus Griechenland in Schweden beliebt, eine Rebsorte von der Vulkaninsel Santorini, die sich mittlerweile über ganz Griechenland verbreitet hat und als der Star griechischer Weißweine gilt, die gekauften Weine im Systembolaget konnten mich leider nicht überzeugen, habe den Besuch aber als Inspiration genommen und die Expertise von Profis aus Berlin (Inofilos) genutzt. 

Mein bisher einziger Besuch auf Santorini war 1988, beim dreiwöchigen griechischen Inselhüpfen mit einem Azubikollegen besuchten wir damals auch die berühmte Vulkaninsel. Mit dem Esel ging es stilgerecht vom Hafen aufwärts, leider interessierte ich mich damals noch überhaupt nicht für Wein und so gingen mir die spektakulären Weinlagen mit Assyrtiko durch die Lappen. Immerhin genoss man damals schon das frische Essen (der arme Kollege D. vertrug das Olivenöl nicht und hatte bestimmt zwei Wochen Durchfall, auf den Stehklos der Campingplätze besonders unangenehm!), die schwarzen Strände und eine spektakuläre Bootsfahrt zum „bloody vulcano“ und den heißen Quellen.  

 

Griechenland

Assyrtiko von Santorini, Attika und der Pilion-Halbinsel.

Die Wurzeln des Weinguts Artemis Karamolegos im Inselort Exo Gonia reichen bis zum Jahr 1952 zurück, man schreibt eine schöne Erfolgsgeschichte und ist mittlerweile drittgrößtes Weingut (von 21) auf Santorini geworden. Die Geschichte des Weinbaus auf der Insel ist uralt, leider sind aufgrund des Baubooms von ehemals 4800 Hektar nur noch 1200 Hektar erhalten. Karamolegos produziert einen interessanten Wein nach Appellationsvorschrift P.D.O. (Protected Designation of Origin), eine Cuvee aus den zugelassenen weißen Reben Athiri und Aidani mit Gewichtung (mind. 75%) von Assyrtiko. 

Der Assyrtiko 2020  von Karamolegos auf Santorini hell zitronengelb mit goldenen Reflexen im Glas, benötigt unbedingt Luft, dann komplexe Nase nach Zitrus- und Steinobstaromen, schönen floralen Noten und nassem Stein, im Mund wieder Zitrus, frische und feine Säure und ein langer schmelziger Abgang mit salzigen Aromen und Grapefruitnote, richtig toller Assyrtiko! Idealer Essensbegleiter zu griechischen Vorspeisen, Fisch- oder Tintenfischcarpaccio oder gegrilltem Fisch.   

Die Mylonas Winery aus Keratea, Attika, nur 40 km südlich von Athen, wurde 1917 von Antonis Mylonas gegründet. Die jetzige Generation, ein Brüder-Trio, bringt das Weingut seit 2006 mit rundum erneuertem und modernen Auftritt nach vorne, ich war sehr auf den Assyrtiko gespannt.

Der Wein fließt blass zitronengelb ins Glas, zeigt leicht grünliche Reflexe, in der Nase viel Zitrusfrüchte, dazu florale Noten, Kräuter, etwas Apfel und Mineralnoten, im Mund wieder viel Zitrus, sehr lebendig frische Säure, feiner Schmelz und schöner Grapefruitabgang, Assyrtiko macht auch außerhalb von Santorini viel Spaß und bietet ein umwerfendes PGV!

Die Brüder Andreas und Konstantinos Patistis betreiben nachhaltigen Weinbau rund um Argalasti (Pilion-Halbinsel) und profitieren von den großartigen Kalksteinböden, der guten Belüftung vom Pagasistischem Golf und konsequenten Bioweinanbau. Der Assyrtiko wurde in der Tonamphore  ausgebaut, es gibt vom Jahrgang 2021 mal gerade 500 Flaschen und ich habe Flasche Nummer 104 vor mir. Wie es der Zufall so will, habe ich 2005 zwei Wochen die Ecke besucht, ich habe in einem wunderschönen alten Archontiko im Dorf Vyzitsa gewohnt, alle Tavernen um den schönen Dorfplatz waren geöffnet, doch wegen des kühlen Wetters blieb man meistens allein. Ich fand es herrlich, tolle Wanderstrecke an einer alten Bahnlinie, wunderschöne Dörfer mit fantastischer Architektur und tollen Ausblicken, und auf der Ägäis-Seite wunderbare Strände, etwas weiter südlich von Vyzitsa Argalasti mit einem beeindruckendem Glockenturm und großartiger Gastfreundschaft. Leider vermutete ich damals keinen Weinanbau am Pilion, man probierte sich aber durch die Bestände des höherwertigen Griechenland-Wein-Sortiments eines Supermarktes gegenüber dreier Luxus-Archontikos, die Regale waren nach zwei Wochen sehr geplündert. 

Großartig gelungener Amphoren-Naturwein, leuchtet goldgelb im Burgunderglas und funkelt dazu noch orangen, irre Nase nach Kamille, Tee, Mandarine und Brot, im Mund unglaublich weich und schmelzig, sanfte Säure, voller Körper bei perfekt eingebundenem Alkohol (14,2%), trotzdem kühl und elegant wirkend, langer Abgang mit salzig-kalkiger Mineralik und etwas getrockneter Aprikose. Der Wein ist voller Spannung, sehr komplex, eine Werbung für das Amphoren- und Naturwein-Thema, Glückwünsche in den schönen Pilion!

 

Griechenland

Zwei Wochen Urlaub im Archontiko Kontou in Vyzitsa, Jahr 2005, Pilion, Griechenland

Aber zurück nach Schweden: mit der Straßenbahn vor unserer Haustür konnten wir auch Schloss Drottningholm erreichen, teilweise Museum, aber auch privater Wohnsitz von Kung Carl XVI Gustaf und Königin Silvia. Die Fahrt durch die südlichen Dörfer der Gemeinde Bromma schon mal ein Erlebnis, diese reizende Gegend wollten wir uns auf jeden Fall auch noch genauer ansehen, aber das Schloss Drottningholm großzügig in den Ausmaßen, majestätisch und nicht umsonst UNESCO-Weltkulturerbe. 

 

Schweden

Schloss Drottningholm

 

Stockholm

Königlicher Äppelmust

Man hätte das Schloss sogar über den Mälarensee per Schiff erreichen können, nächstes Mal, unsere Straßenbahn brachte uns wieder zügig zu unserer Ferienwohnung zurück, wir hatten nämlich die Rache des königlichen Äppelmust erwartet, es blieb aber alles ruhig. Wir brachen sogar noch mal auf und fuhren Richtung Stockholm zu einer großen Bucht, an der Hornbergs Strand liegt. Ein heftiger Kontrast zu den lieblichen Vierteln in Bromma, hier alles supermodern, unzählige Glas-Beton-Blöcke mit Luxuswohnungen und vorne am Wasser eine Schlendermeile mit ganz vielen Restaurants. Und hier war mir bei der Recherche vorher das „Naviero“ aufgefallen, ein hoch bewertetes spanisches Restaurant. Am Nachbartisch gab es eine schwedische Feier mit eigenartigen Lauten, die klar an das Wikingererbe erinnerten, für uns viele köstliche Tapas und auch glasweise Cava und Weißwein. Uns hat es super gefallen und mich inspirierte der schöne Abend zu nachfolgenden Weinen. 

 

Stockholm

Restaurant Naviero am Hornsberg Strand

 

Spanien

Subtil 2019, Brut Nature, 100% Xarel-Lo, Quality Sparkling Wine, Recaredo, Sant Sadurni D’Anoia, Corpinnat-Tal,  Alta Penedes, Spanien

Ein Schaumwein aus dem Corpinnat-Tal mit verhaltener und feiner Perlage, helles Goldgelb, in der Nase Zitrusnoten, weiße Blüten und etwas Mandel, am Gaumen cremig und fruchtig (Zitrusfrucht, Mandarine), schöner langer Abgang mit Mineralnote. Sehr elegant und easy drinking, hat sehr viel Spaß gemacht. 

Das Weingut Recaredo kann auf eine 100 Jahre alte Geschichte zurückblicken, es ist Firmengründer Josep Mata Capelladas zu verdanken, dass man mit der Familientradition Keramik brach und sich lieber auf die Herstellung von Schaumweinen konzentrierte, Josep war ein begnadeter und begehrter Hersteller und Degorgierer, der sich schnell selbstständig machen konnte. Unterstützt von seiner Frau Paquita Casanovas, die ihm sehr viel „Männer-Arbeit“ abnahm, konnte er sogar noch parallel eine passable Fußballerkarriere starten, die ihn nach Aufstieg bis in die 2. Liga führte. Leider zerstörte der spanische Bürgerkrieg alle Träume und Ambitionen, mit viel Arbeit und Mühe schaffte man dennoch einen zweiten Anlauf und gründete das Weingut Recaredo, das nach dem Spitznamen von Joseps Vater benannt wurde. Mit Zähigkeit und Verbissenheit konnte der nächsten Generation die Basis übergeben werden, die im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert wurde. Die Rebsorte Xarel-Lo auf kostbaren Böden im historischen Corpinnat-Tal bringt in Verbindung mit langer Lagerzeit großartige Qualitäten. 

 

Spanien

Zwei Txakoli-Weine aus dem Baskenland!

O-Ton im Weinladen, „die Txakoli-Weine müssen gebrochen werden!“, schönes Spektakel, wenn die Weine aus großer Höhe im Baskenland ins Glas geschüttet werden, Riesensauerei im Wohnzimmer in Münster, wenn man unbekannte Kultur nachstellen will, von der man keine Ahnung hat, dann lieber die Weine in Karaffen füllen, Luft tut gut!

Der 2022er  Txakolina Doniene aus der autochthonen Rebsorte Hondarribi Zuri wahrscheinlich auch ohne Luft in Topform, strahlendes Gelb im Glas, ausdruckstarkes Bouqet nach Apfel, Birne, Zitrusfrüchten und Fenchel, im Mund sehr frisch und kühl, schmelzig und süffig, etwas Quitte und Kräuter, feine Würze, mineralisch und langer Abgang mit einem Mandelfinale, die Vorurteile zum „einfachen Apertifwein“ lösten sich sofort in Luft auf, Superwein!, bestimmt ein Bringer, auch zur baskischen Vorspeisenplatte oder ähnlichen Genüssen, unbedingt probieren!

 Der Txakoli 2020er XX ebenfalls auch aus der autochthonen Rebsorte Hondarribi Zuri, aus dem Ort Bakio, höherpreisig, dadurch schon etwas unter Druck, strohgelbe Farbe mit grünen Reflexen im Glas, in der Nase Brot, florale Töne, Birne, Quitte und Fenchel, im Mund fruchtige Herbheit, sehr schmelzig und süffig,  aber auch mit sehr ausgeprägten salzigen Anklängen im Abgang, toller Wein und ebenfalls ein Schmeichler zu Vorspeisen! Sehr ernst zu nehmende Weine, Glückwünsche in das Baskenland!      

Seit 1996 existiert etwa 30 km nordöstlich von Bilbao das Weingut-Projekt Doniene Gorrondona  mit dem Ziel, aus alten autochthonen Rebsorten den historischen Aperitif-Wein Txakoli endlich auf den Platz zu führen, der ihm trotz vieler früherer enttäuschender Massenqualitäten gebührt. Die Eigentümer besitzen ca. 15 Hektar Rebfläche mit Lehm-, bunten Mergel- und Gipsböden, neu hinzugekommen sind auch noch Flächen mit Sandstein- und Schieferböden. Man gilt als ein Pionier der D.O. Bizkaiko Txakolina, die für einen großen Qualitätsschub gesorgt hat. 

 

Stockholm

Gamla Stan

Am nächsten Tag dann der schon lang ersehnte Ausflug in Stockholms Altstadt (Gamla Stan), sehr idyllisch und mit teilweise deutschen Spuren (Kirche, Straßennamen, Gasthaus) auf einer der 14 Inseln.

Stockholm

Idyllische Plätze

Nachdem wir die Altstadt mehrmals durchstreift hatten, begannen wir den Rückzug über Königliche Oper und stießen auf ein wunderbares portugiesisches Restaurant, das Botica. Hier gab es fantastisches portugiesisches Essen und auch einen Blick in einen Weinraum mit noblen Flaschen, mich inspirierte der Besuch zu den drei folgenden Weinen.

 

Stockholm

Tolles portugiesisches Restaurant Botica

 

Portugal

Die Schwedin Jule trifft drei nette Portugiesen.

Die Quinta dos Avidagos mit 19 Hektar alten und seltenen Rebbestand ist die Zentrale der Familie Nunes de Matos, deren Wurzeln im Weinbau bis ins Jahr 1757 zurückreichen. Man startete damals auf der uralten Quinta da Varanda (heute 15 Hektar) und breitete sich im 5 km Radius um Regua am Douro aus. Durch Heirat erwarb man noch die Quinta do Torrao (15 Hektar) und durch Kauf später die Quinta da Firvida (14 Hektar). 

Der Wein ist für einen Douro-Wein überraschend hell und transparent im Glas und auch sonst ganz anders, die seltene autochthone Rebsorte Alvarelhao sorgt für eine spannende Nase mit Beeren, floralen Noten, Waldboden, Leder, Pfeffer und mineralischen Eindrücken, im Mund sehr feinfruchtig, wieder mineralisch, bei guter Säure und runden Tanninen überzeugt auch der lange würzige Abgang, ein ganz toller und eleganter Wein, verblüfft und überzeugt!   

M.O.B. steht für das Gemeinschaftsprojekt der drei Douro-Starwinzer Moreira (Quinta do Poeira), Francisco Olazabal (Quinta do Vale Meao) und Jorge Borges (Wine and Soul). Ein spektakulärer Ausflug vom Douro in die älteste Appellation Portugals, Dao D.O.C., mit ganz speziellem Terroir und vielen autochthonen Rebsorten.

Der 2017er Wein aus der autochthonen Dao-Rebsorte Alfrocheiro sehr dunkel und schwarzrot im Glas, in der Nase Kirsche, dunkle Beeren, Pfeifentabak, ein Hauch Pfeffer und Vanille, im Mund sehr frisch, weich, vollmundig und elegant, dunkle Beerenfrucht, gut eingebundene Säure und geschliffene Tannine, dazu eine schöne Länge mit feinen Mineraltönen. Begeisternder Wein!

Der Önologe Jorge M. Nobre Moreira wirkte jahrelang erst spektakulär bei anderen Adressen, bevor er sich 2001 zum Schritt in die Selbstständigkeit entschloss und alte Rebanlagen in einem Seitental des Douros kaufte. Blog-Leser kennen diese Ecke schon von der Quinta Foz Torto. Beim ersten Besuch seines Weinberges war es sehr windig und eine Böe überraschte Moreira frontal mit Blättern, viel Staub und kleinen Steinchen. Nach dieser Begrüßung benannte er sein Weingut Poeira (Staub). Moreira ist sich in der Douro D.O.C. immer der Gefahr bewusst, dass sich die extrem aufheizenden Schieferhänge negativ auf die Feinheit der Weine auswirken können und hat mit verschiedenen Faktoren entgegen gesteuert, ich war sehr gespannt.   

Der 2013 „38 barricas“ schwarzrot im Glas, keine Alterungsnoten an den Rändern, in der Nase dunkle Beeren, Kirsche, Lorbeer, Pfeffer und ein Hauch Vanille, im Mund feine Beerenfrucht, etwas Würze, noch ausreichend vorhandene Säure, langer Abgang mit Mineralkick, sehr schöner Wein!

 

Stockholm

Im nordischen Museum.

Jetzt hatten wir eine gewisse Grundorientierung und am nächsten Tag fanden wir dann das Nordische Museum und auch das Vasamuseum auf der Insel Djurgarden. Wieder mal eine erschreckende Geschichte mehr von einem königlichen Gewaltherrscher. Er wollte mit dem Bau eines riesigen Schiffes Angst und Schrecken auf der Ostsee verbreiten. Dazu verlangte er von den verantwortlichen Schiffsbauern den Einbau unzähliger Kanonen und niemand wagte ihm zu widersprechen. Und so kam es nach Jahren Bauzeit kurz nach dem Stapellauf zur Katastrophe, das prächtige und schwer bewaffnete Schiff Vasa sank, unzählige Matrosen ertranken, eine eingesetzte Kommission konnte später keinen Schuldigen ermitteln. Immerhin ein ganz kleiner Trost, das Schiff konnte Jahrhunderte später mit modernster Technik aus dem schlammigen Untergrund geborgen und extrem aufwändig restauriert werden, man baute später eine Hülle drum herum und schon hatte Stockholm ein magisches Museum, einen Publikumsmagneten.

 

Stockholm

Im Vasa-Museum.

  Nach so viel Kultur fuhren wir zurück nach Bromma Richtung Ferienwohnung Äppelviken, allerdings fuhren wir mit der blauen Tram 12 dann einfach mal weiter, weil wir uns den Ort Alsten auf Bromma anschauen wollten. Neben einer tollen Eisdiele gibt es hier eine 1932 vom Architekten Paul Hedqvist erbaute Reihenhaussiedlung, die sogenannten „Per Albin“-Häuser. Für die modernen Häuser fanden sich erst keine Käufer, bis der damalige schwedische Ministerpräsident Per Albin Hansson selbst in ein Haus einzog und dort bis zu seinem Tode, 1946, wohnen blieb. Die Häuser mit den großzügigen Gärten an einer schönen Allee mit zentraler Lage zwischen Straßenbahn und Mälarensee haben für eine Preisexplosion gesorgt, heute zahlt man ca. 450000 Euro für ein Haus. 

 

Bromma

„Per Albin“-Siedlung, Alsten

  Am Anfang der Siedlung die „Il Bicchiere Vinbar“, ausschließlich Produkte aus der Toskana, schöne Idee, da kehrten wir ein und der Besuch inspirierte mich zu zwei Weinen vom Weingut Montenidoli.

 

Bromma

Weiß- und Rotwein vom Weingut Montenidoli.

Der Vernaccia di San Gimignano (100% Rebsorte Vernaccia) vom Weingut Montenidoli ist ein Klassiker für mich. Der namensgebende Ort der DOCG, San Gimignano, ist schön, sogar wunderschön, aber auch fast immer schön voll. Zwischen den Geschlechtertürmen schieben sich die Massen durch die Gassen, biegen die Lemminge links ab und man selber geht rechts, kann man aber überraschende Entdeckungen machen. Z.B. qualitätsorientierte Restaurants oder eine uralte Drogerie, in der ich 1999 bei meinem ersten Besuch in der Toskana den Weißwein von Montenidoli entdeckte. Den Vernaccia di San Gimignano von Montenidoli probiere ich unregelmäßig, bisher hat er mir immer gut gefallen, nun also Jahrgang 2022 im Glas. Ein Tipp noch: Panoramawanderung um San Gimignano auf der Via Francigena, Bilderbuch-Toskana mit tollen Blicken auf das Manhattan des Mittelalters.

Im Glas mittleres Goldgelb, in der Nase Birne, Mandel, florale Noten und eine gewisse erdige Komponente, im Mund saftige Frucht, schön ausbalanciert mit einer mineralischen Note, dazu dezente Säure, schöner Trinkfluss, dazu langer und eleganter Abgang. Feiner Wein!

Der rote Spitzenwein des Hauses, der Rosso „Sono Montenidoli“ 2017, 100% Sangiovese von einer kleinen Parzelle mit sehr alten Rebstöcken auf exponierter Kalksteinlage mit Muschelbank, läuft als abgestufter IGT-Wein, da er die Spielregeln der eigentlich hier ausgewiesenen DOCG Chianti Colli Senesi um ein vielfaches unter- bzw. überbietet, ein Überqualifizierter, der überhaupt nicht in seine Rubrik passt und einfach aus den gesetzlichen Regelungen ausbricht und freiwillig in der 3. Liga startet. Ein Supertoskaner, immer sehr gut über den exorbitanten Preis zu erkennen, eigentlich immer eher als Cuvee von frankophilen Rebsorten (Cabernet Sauvignon, Merlot oder ähnliches) bekannt, sehr selten auch als 100% Sangiovese, wir hatten hier aber echt genau schon mal so einen 2017er-Supertoskaner im blog, erinnert Ihr Euch? Richtig, den Pergole Torte! Der Preis des Montenidoli relativiert sich dadurch plötzlich sofort, immer alles relativ, der Pergole Torte 2017 wird mittlerweile ab 250 Euro die Flasche gehandelt.

Aus (Un)Sicherheitsgründen mit längerer wöchentlicher Unterbrechung zwei Flaschen des Montenidoli-Supertuscan verkostet, hört sich banal an, aber der Wein benötigt extrem viel Luft, sehr gerne Karaffe, er ist ein echter Leisetreter und Sauerstoff-Junkie, zeigt dann aber bei rubinroter Farbe mit leuchtenden transparenten Rändern seine ganze Klasse: in der Nase Kirschen, Beeren, Kräuter, Leder, erdige und mineralische Noten, im Mund zum Start sehr trocken, dann Sauerkirsche mit einem vergehenden Tick brandigem Alkohol, dazu ausgewogene Säure, geschliffene Tannine, nach etwas Zeit zur Harmonie findend, der Abgang lang und mit unaufdringlicher Würznote. Schöner und feiner Essensbegleiter zu Pasta mit oder ohne Fleisch, ein Wein für geduldige Genießer, die nicht den großen Fruchtknall suchen und ja, ich hätte blind wahrscheinlich auf Brunello di Montalcino getippt!          

Das Weingut Montenidoli von Signora Elisabetta Fagiuoli kann auf ca. 200 Hektar Landbesitz in der wunderschönen Landschaft rund um San Gimignano zugreifen, davon auf ca. 27 Hektar Weinbaufläche mit großem Muschelkalkvorkommen und sehr alten Rebstöcken. Nach fast 50 abgefüllten Jahrgängen unter Signora Fagiuoli hat man zur Zukunftssicherung 2019 den talentierten Nachwuchswinzer Alessio Cecchini ins Team geholt, der für weitere Qualitätssprünge sorgen soll.  

 

Stockholm

Schloss Gripsholm, Mariefred

Zurück nach Stockholm, am nächsten Tag ging es mit Bahn und Bus zum schönen Schloss Gripsholm in der Peripherie Stockholms, noch am Mälarensee, Idylle pur, viel Grün und Wasser, eine alte Eisenbahn und eine geplante Schachpartie gegen Kurt Tucholsky, der aber leider nicht erschien. 

 

Stockholm

Bahnhof Mariefred

 

Schweden

Warten auf Kurt Tucholsky!

Abends ging es nach Rückkehr wieder ins schöne Stadtviertel Kungsholmen, es zog uns magisch an und wir sollten dort sogar ein paar Tage später in einer Fußballkneipe voller trinkfester und lautstarker Dänen das Spiel Deutschland gegen Dänemark überleben. An diesem Ausflugstag ging es aber eher ruhig zu, wir saßen draußen vor dem tollen Restaurant Agnes und genossen interessante Küche und Weine.  

 

Stockholm

Restaurant Agnes, Norra Agnegatan 43, Kungsholmen, Stockholm

 

Stockholm

Restaurant Agnes

Ich hatte  als offenen Wein den weißen SP68 Jahrgang 2022 von Occhipinti im Glas und war so begeistert, dass ich zuhause noch mal SP68 weiß und rot nachprobiert habe. 

 

Italien

Occhipinti SP68 weiß und rot, Jahrgang 2022, Sizilien, Italien

Der weiße SP68 Jahrgang 2022 ist eine Cuvee aus 60% Zibibbo (Muscat d’Alessandria) und 40% Albanello und fließt strohgelb ins Glas. In der Nase intensive Kräuteraromen und schöne florale Töne, dazu etwas Mandarine und Birne, im Mund Zitrusnoten, sehr cremig und süffig, milde Säure, überraschend salzig-mineralischer Abgang, spannender Essensbegleiter bei 11% Alkohol, fantastico und bravo!

Hinter den Weinen steht die charismatische sizialianische  Winzerin Arianna Occhipinti mit ihrem 22 Hektar Weingut in der Nähe des Borgo „Fossa di Lupo“ (Höhle des Wolfes) an der uralten Weinstraße SP68 zwischen Vittoria und Pedalino. Hier gibt es besondere Böden aus rotem Sand, Kreide und Kalkgestein, autochthone Rebsorten (wie Zibbibo, Albanello, Grillo, Frappato und Nero d’Avola) und eine mutige Winzerin, die von Anfang an biologisch in den Weinbergen gearbeitet und auch im Keller möglichst wenig eingegriffen hat und klar Richtung Naturwein-Style arbeitet. 

Der  SP68 Rosso ist ein Verschnitt aus 70% Frappato und 30% Nero d’Avola, strahlend Kirschrot im Glas, in der Nase Kirsche, rote Beeren, etwas Orange, florale Töne, im Mund Sauerkirsche, Kräuter, frische Säure, sehr elegant, sanft und zart, filigran und kühl, langer Abgang mit salzig-würziger Note. Schöner Einstiegswein mit 11% Alkohol in die Welt der roten Naturweine.  

 

Stockholm

Schiffsausflug Stockholmer Schärengarten

Von Stockholm ging es mit dem Ausflugsschiff ein paar Tage später in den berühmten Schärengarten. Auf dem Weg zur Ostssee liegen ca. 30 000 bewohnte und unbewohnte Inseln, nah an Stockholm teilweise auch mit hässlichen Glasbetonkästen verbaut, etwas weiter draußen dann immer schöner und idyllischer werdend. Ein Paradies für viele Stockholmer mit hoher Lebensqualität und wohl ein Grund, warum mir die Großstadt Stockholm (fast eine Million Einwohner) trotz einiger  Touristen immer so herrlich leer und entspannt vorkam. Viele schwedische Städter zieht es im Sommer wohl zum Ferienhaus oder zur Ferienwohnung auf die Schären.

 

Schweden

Schäreninsel

 

Stockholm

Restaurant Bergamott, Hantverkergatan 35, Kungsholmen, Stockholm

Nach Ende der langen Fahrt schlenderten wir vom Hafen natürlich wieder Richtung Kungsholmen und meine Freundin entdeckte dort ein vielversprechendes französisches Restaurant, das Bergamott. Hier gab es auf Tafeln ein tolles Angebot an Speisen und dazu eine ausführliche Weinkarte mit vielen Klassikern aus der Champagne, dem Burgund und der Loire.

 

Stockholm

Speisekarte auf Tafel, Restaurant Bergamott.

Champagner probiere ich viel zu selten, deshalb das Bergamott ein Glücksfall, Inspiration zu dem Champagner Effloraison Extra Brut 2020 von Sebastien Guenin aus Essoyes, Cote des Bar. 17 Hektar Weingut mit stolzen 92% Anbauanteil von Pinot Noir.

Der Champagner aus 70% Pinot Noir und 30% Chardonnay von kalkigen Parzellen, nur 5253 Flaschen, ich war sehr gespannt, ob ich als überzeugter Champagner-Chardonnay-Jünger auch die Pinot-Noir lastige Cuvee mögen würde. 

 

Champagne

Champagner Effloraison Extra Brut 2020, Sebastien Guenin, Essoyes, Cote des Bar

Der Champagner fließt schäumend und blass zitronengelb ins Glas, feine Perlage, in der Nase Brioche, Apfel und Zitrus, am Gaumen viel Schmelz und Cremigkeit,  neben Frucht (Apfel, Limette), floralen Noten auch viel Mineralik (Kiesel), alles sehr harmonisch ohne störende Übertreibungen, dazu ein sehr langer Abgang mit einem Hauch Grapefruit-Bitterkeit und ausgeprägter Salzigkeit. Genau richtiger Champagner für mich, gleich das Vorurteil „ich mag nur 100% Chardonnay-Champagner“ (blanc de blancs) ganz edel weggespült, großes Lob an Erzeuger und weindealer Florian!  

 

Stockholm

Noch mehr Sprudel in Stockholm.

Inspiriert wurde ich auch zu einem Macon-Villages 2020 vom Winzer Pierre Boisson aus Meursault. Boisson?, aufmerksame blog-Leser erinnern sich, die Schwester von Pierre, Anne Boisson, wurde hier schon mit einem tollen Aligoté vorgestellt. Die beiden Geschwister haben nach vielversprechenden Anfängen 2018 das Weingut Boisson-Vadot ihres Vaters Bernard mit wertvollen Lagen und altem Rebbestand geerbt und produzieren jetzt jeweils unter eigenem Namen. 

Pierre Boisson bewirtschaftet 3,5 über die gesamte Cote de Beaune und das weiter südlich gelegene Maconnais verstreute Hektar und schafft es, von teilweise sehr alten Rebstöcken und guten und sehr guten Lagen besondere Weine mit eigener Handschrift zu erzeugen.

 

Maconnais

Macon-Villages 2020, Macon-Villages AOC, Pierre Boisson, Meursault, Cote d’Or, Burgund

Der Macon-Villages 2020 goldgelb im Glas, untrügerisches Zeichen für Holzeinsatz und bei mir nach den aktuellen Erfahrungen mit den Iberern am Anfang des Beitrages eher Sorge auslösend, komplexe Nase nach Apfel, Quitte, Honig, Tee und etwas Vanille, im Mund sehr voll und schmelzig, das Holz hat Frucht und Säure nicht erschlagen, äußerst gelungen und harmonisch, Zitrone und wieder Apfel, Vanille, wirkt bei alle Kraft trotzdem kühl und elegant, dazu endloser Abgang mit salziger Note und ganz feiner Würze. Großes Glück und die beiden Winzer Anne und Pierrre Boisson unbedingt im Auge behalten, beide können mit dem Holzeinsatz umgehen und machen spannende Weine.

 

Stockholm

Högalidskirche, Södermalm

 

Stockholm

Östermalm

 

Stockholm

Zermalm

Mit Bus, U-Bahn, Fähre und zu Fuß erforschten wir immer mehr Stadtviertel Stockholms, sehr schön Östermalm und Södermalm, auf der Freizeitinsel Djurgarden eher zermalm. Auch überraschend viel Weinangebot, nicht immer unser Fall, aber am vorletzten Tag (natürlich!) entdeckte meine Freundin unseren absoluten Favoriten, Weinbar und Restaurant Portal in der Nähe der U-Bahn-Station Sankt Eriksplan. Sehr viele seltene offene Weine, die Bar inspirierte mich zu zwei Weinen aus dem Jura.

 

Stockholm

Blick aus der Weinbar Portal auf das Restaurant Portal, Sankt Eriksplan.

Die Domaine Berthet-Bondet wurde 1984 durch Chantal und Jean Berthet-Bondet gegründet und gehört zur Vereinigung der unabhängigen französischen Winzer. Seit 2013 ist auch die älteste Tochter Helene in den Betrieb eingestiegen, man bewirtschaftet 15 Hektar, 4,5 Hektar in der Appellation Chateau-Chalon und 10,5 Hektar in der Appellation Cotes du Jura. Man besitzt schroffe und steile Lagen mit hohem Kies- und Mergelanteil. Angebaut werden die autochthonen Rebsorten Savagnin, Trousseau und Poulsard, aber auch Pinot Noir und Chardonnay. 

 

Cotes du Jura

Domaine Berthet-Bondet, Chateau-Chalon, Cotes du Jura

Der 2016er Tradition eine Cuvee aus den Rebsorten Savagnin und Chardonnay fließt goldgelb ins Glas, in der Nase viel Hefe, geröstete Nüsse, Dörrobst, Bohnenkraut und Bienenwachs, erinnert an Sherry und trockenen Sercial-Madeira, im Mund sehr herb, Quitte, Liebstöckel und Jod, langer würzig salziger Abgang. Puh, Überraschung gelungen!, der Wein ist sehr speziell, er reift wohl wirklich unter einer Florhefe-Schicht, ähnlich wie Sherry. Tradition im Jura, bricht aber völlig mit der Tradition unserer gewohnten Geschmackserlebnisse, deshalb vielleicht einen Versuch wert, Toleranztrinker ran!, aber bitte vorher anschnallen!

Der 2019er Savagnier (aus einer gleichnamigen kleinen besonderen Parzelle, auf französisch „lieu-dit“) aus der Appellation Cotes du Jura aus 100% der Rebsorte Savagnin hat mich richtig begeistert: strohgelb im Glas, bietet er ein sehr komplexes und verblüffendes Bouqet nach Kamille, Akazie, Nüssen, Quitte, Algen und Harz, im Mund sehr frisch und klar, feine Säure, Jod und Salzmandel, dazu ein langer, leicht herber und mineralischer Abgang. Richtig toll und spannend!  

 

Schweden

Landratte?, einfach einsteigen, nur ein Schritt!

 

Schweden

Kastellet Stockholm

Zum Abschluss ging es noch mal mit dem Boot durch die Stadt, Wasser beruhigt und man konnte noch mal in Ruhe ein Fazit ziehen. Wir kommen auf jeden Fall wieder, mögen Stockholm sehr und ich war sehr froh, dass wir einfach mal den Norden ausprobiert haben. Neuesten Gerüchten zufolge gibt es mittlerweile durch den Klimawandel über 100 schwedische Weingüter, ich hab keine Flaschen gesehen und probiert, aber sicher auch ein Grund zurück zu kommen. Fantastischer Urlaub und Weinschank in Hochstimmung, lest im nächsten Beitrag, was dann passiert ist, das Schicksal im verflixten 7. blog-Jahr hat dann doch gnadenlos zugeschlagen! 

 

Schweden

Die berühmte Saluhall, Östermalm

Frohe Weihnachten, guten Rutsch und bis bald!

Veröffentlicht unter Attika, Baskenland, Burgund, Champagne AOC, Cote Chalonnaise, Cotes des Bar, Cotes du Jura AOC, D.O. Bizkaiko Txakolina, D.O. Rias Baixas, Dao D.O.C., Douro D.O.C., Frankreich, Galicien, Griechenland, Italien, Jura, Katalonien, Loire, Macon-Villages AOC, Penedes, Portugal, Sancerre AOC, Santorini P.D.O., Sizilien, Spanien, Terre Siciliane IGT, Thessalien, Toskana, Trentino, Unterregion Moncao e Melgaco, Vernaccia di San Gimignano DOCG, Vinho Verde D.O.C. | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Rettet den Portugieser!

 

Bei einem Restaurantbesuch mit einem fränkischen Arbeitskollegen in der Peripherie Münsters, entdeckte ich einen Portugieser 2019 vom Weingut Bastian Hamdorf aus Klingenberg (Franken) auf der Weinkarte. Die Bestellung war nicht einfach, der Kellner verwies immer wieder auf portugiesische Rotweine, ich war da ja auch wirklich sehr interessiert, weil ich zu dem Zeitpunkt noch über portugiesische Weine im blog schrieb, wollte aber den fränkischen Portugieser und blieb hartnäckig. Ein anderer anwesender Arbeitskollege brachte mich dann erst mal auf die Idee, dass der Kellner den Portugieser wohl in Portugal verortet hatte. Der Portugieser hat mit Portugal aber gar nichts zu tun! Die genaue Herkunft wird in diesem Beitrag noch geklärt. Der 2019er schmeckte genau wie das Essen vorzüglich, aber beim Nachschenkversuch des netten Kellners war plötzlich die Flasche verschwunden. Es stellte sich heraus, dass eine Nachwuchskraft den Rest der Flasche in den Ausguss geschüttet hatte, ein Missverständnis!, wir trugen es mit Fassung und beschwichtigten, „kann ja mal passieren, aber so schlecht war der Wein ja gar nicht, im Gegenteil!“ Natürlich nahmen wir die Entschuldigung an und bekamen das schon getrunkene Glas Wein geschenkt, schöne Anekdote, großer Spaß mit Portugieser! Aber um den  tollen Rotwein tat es mir sehr leid und so beschloss ich, den Wein für eine Nachverkostung zu bestellen. 

 

Franken

Portugieser 2019, Weingut Bastian Hamdorf, Klingenberg, Franken. Steht vor der Elisabethkirche in Marburg.

Purpurrot im Glas, riecht nach dunklen Beeren, Kräutern und etwas Tabak, sehr schlank und super elegant im Mund, kühl wirkend, Kirsche, wieder dunkle Beeren, etwas Pfeffer, mineralisch, dazu feine Säure und ein langer Abgang mit Frucht- und Würznote. Ein ganz toller Wein bei 11,5% Alkohol, bravo!

Die Trauben für den Portugieser stammen aus einer alten Anlage (Pflanzjahr 1976), seit 2015 bei Bastian Hamdorf in Bewirtschaftung, 0,1 Hektar, für Portugieser ungewöhnlich kleine und lockerbeerige Trauben, Großheubacher Bischofsberg, steile Terrassen und Buntsandsteinböden. Sehr spannend!

1982 als Sohn eines Kochs auf der Insel Föhr geboren, zeigt Bastian Hamdorf eindrucksvoll, dass man es auch ohne elterlichen Weinhintergrund  zu einem eigenen Weingut schaffen kann. 2016 war es in Klingenberg soweit, vorher führte der Weg über das Weingut Gutzler in Rheinhessen, über das hier im schon im blog erwähnte Weingut Neumeister in der Südost-Steiermark (Österreich), über ein Studium für Weinbau und Önologie in Geisenheim (Rheingau) und Praktika in Neuseeland (Weingut Pegasus Bay) und Österreich (Weingut F.X. Pichler). Von 2012 bis Mitte 2016 war er dann Kellermeister bzw. später Betriebsleiter beim Weingut Fürst Löwenstein (Franken). Das Weingut Hamdorf habe ich ganz oben auf der Bestellliste!

 

Marburg

Keinen Portugieser beim portugiesischen Weinhandel „O Vinho“ in Marburg gefunden!

Der Portugieser, vollständig Blauer Portugieser, ist die in Deutschland dritt häufigst angebaute Rotwein-Rebsorte (nach Spätburgunder und Dornfelder), allerdings sinkt die Anbaufläche dramatisch, seit den 90er Jahren haben sich die Bestände halbiert, mittlerweile wird der Portugieser nur noch auf ca. 2200 Hektar angebaut, Schwerpunkte sind die Pfalz und Rheinhessen. Gleiche Entwicklung auch in Österreich, die Anbaufläche sinkt (auf ca. nur noch 450 Hektar), nennenswerte Bestände nur noch in Niederösterreich (Thermenregion und Weinviertel). Dabei kann die Rebsorte sehr viel Spaß machen, Voraussetzung natürlich Ertragsbeschränkung und sorgfältiger Ausbau, fern vom lieblichen Rachenputzer. Ich hatte ein neues Thema und sammelte im Netz erste Flaschen ein, Glückstreffer, drei Portugieser aus der Pfalz.

 

Deutschland

Die Weingüter Collective Z, Braun und Rings mit Portugieser aus der Pfalz in Marburg.

Im Jahr 2021 nur 900 Flaschen vom Bernvalley Portugieser der Collective Z, hinter der Marie Adler, Christoph Ziegler und viele fleißige Helfer stehen. Am Rande des Pfälzer Wald bei Leistadt (Bad Dürkheim) und dem NSG Felsenberg-Berntal wird auf nicht flurbereinigten kleinen Parzellen ökologischer Weinbau betrieben. Zur Zeit bewirtschaftet die Collective Z ca. 2,5 Hektar mit den Rebsorten Riesling, Sylvaner, Traminer und Portugieser. Die Portugieser-Reben sind 50 Jahre alt und stehen auf Buntsandsteinböden, vergoren werden sie in alter französischer Eiche.

Wie empfohlen leicht angekühlt verkostet, Kirsche, dunkle Beeren, Würze, Tabak und etwas Minze in der Nase, am Gaumen überraschend sprudelig (Macération carbonique Kohlensäuremaischung?), siehe im Glossar), dadurch extrem süffig und frisch, dunkle Frucht, feine Tannine, gute mineralische Länge. Der Portugieser im Naturwein-Stil macht sehr viel Spaß und Freude  und  wird auch in meine Siegerschankwein-Liste aufgenommen. Verabschieden muss man sich bei dieser Art von Wein allerdings von Rebsorten-Typizität und Lagenherkunft, eigentlich Faktoren, die wichtige Anhaltspunkte zur Erkennung eines Weines in einer Blindprobe sind. Wie schon geschrieben, fantastischer Wein, nur irgendein Hinweis auf den Naturwein-Stil auf dem Etikett wäre für den Konsumenten super hilfreich!

 

Deutschland

Bioweinanbau in der Pfalz.

Einen völlig anderen Stil präsentiert das Weingut Braun mit dem Portugieser 2018 „Anno 1951“ (1951 gepflanzte Portugieser-Rebstöcke) aus dem Meckenheimer Spielberg. Bordeaux-Rot im Glas, feine Nase nach Holz, Vanille, dunklen Beeren und Tabak, im Mund feurig, weich und voll, tickt für mich schon leicht an alkoholischer Brandigkeit an (14%), ist aber noch gerade im Rahmen, dunkle Beeren, Karamell, Mokka, feines Tannin, dezente Säure, schöne Länge.

Die Brüder Michael (Kellermeister) und Martin Braun (Marketing) stehen als 3. Generation hinter dem 40 Hektar Wein- und Sektgut Braun in Meckenheim. Entstanden ist es in den 70er Jahren durch die Heirat der Großeltern und Zusammenlegung von Besitz in Meckenheim und Ellerstadt, man befindet sich parallel eine Etage tiefer zum Rhein unterhalb der berühmten Weinstraße mit Wachenheim, Forst und Deidesheim. Ein Name für das neue Weingut war auch schnell gefunden, beide Großeltern hießen zufällig Braun (nicht verwandt!). In den letzten Jahren wurde viel investiert (Barrique-Keller, Vinothek) und auf den Leistungen der Eltern Brunhilde und Fritz konsequent aufgebaut, als Familienbetrieb verfolgt man den Ansatz eines nachhaltigen Weinanbaus. 

 

Deutschland

Alte Knorzen.

Und noch ein anderer Portugieser-Stil vom Weingut Rings aus Freinsheim, der Rotwein Sand und Kiesel 2021 sehr dunkel, violette Ränder, benötigt Luft, in der Nase dunkle Beeren, etwas Stall, auch Pfeffer und Würze, im Mund leicht sprudelig, wieder Beeren, erdig, Mineralnoten, schmelziger langer und würziger Abgang. Verlangt dem Weintrinker etwas Geduld ab, öffnet sich aber und wird komplexer. Sehr eigenwilliger, aber auch spannender Stil!

Das Weingut Rings aus Freinsheim verrät schon mit dem Leitspruch „Evolution statt Tradition“, in welche Richtung die Söhne Steffen und Andi den ehemaligen elterlichen landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb (früher mit Obstanbau und Fassweinverkauf) führen wollten und geführt haben. Im Jahr 2001 kelterte Steffen Rings seinen ersten Jahrgang und hatte visionär schon in den 90er Jahren Cabernet Sauvignon und Merlot für die spätere „Kreuz“-Edition angepflanzt. Als 2007 auch der zweite hochbegabte und gut ausgebildete Sohn Andi in das Weingut zurückkehrte, gaben die Eltern alle Bedenken und Widerstände gegen die jungen Wilden auf und es wurde kräftig in den Keller und in das Lagenportfolio investiert. Neben spontanvergorenen Rieslingen und den kräftigen Rotwein-Cuvees konzentrierte man sich auch auf kühle Lagen im NSG Berntal für Pinot Noir, die man mühselig aus dem Dornröschenschlaf befreien musste. Der VDP wurde schnell auf die Pläne der Beiden aufmerksam und integrierte Steffen und Andi in sein Förderprogramm „Spitzentalente der Pfalz“. 2015 wurde man dann tatsächlich VDP-Mitglied und zog 2018 in ein spektakuläres neues Weingut in der Freinsheimer Lage „Schwarzes Kreuz“ um. Hier  wurden Grundsätze der Nachhaltigkeit spektakulär umgesetzt. Großartige Erfolgsstory und sicher ein Vorbild für viele junge Winzer in der Region.

 

Deutchland

In der Pfalz.

Wuppertal

Portugieser 2019 von Andreas Durst, Garagenwinzer in der Pfalz mit Wuppertaler Wurzeln.

Ich wollte mich schon aus der Pfalz verabschieden, dann trudelte doch noch ein Paket mit zwei Flaschen Portugieser des gebürtigen Wuppertalers Andreas Durst ein, auf das ich schon sehr gewartet hatte. Von über 100 Jahre alten wurzelechten Portugieser-Reben vom Kalksteinplateau bei Kindenheim in der Pfalz zaubert der Quereinsteiger einen sensationellen und großen Wein, der die Nichtberücksichtung der Rebsorte beim VDP Lügen straft. Nach  vielen erfolgreichen Sessions in seinem eigentlichen Beruf Fotograf mit Winzern und Weinkritikern (z.B. auch Stuart Pigott, der mich kleidungstechnisch sehr an meinen Chef erinnert!), reifte bei Andreas Durst der Entschluss, auch eigene Weine zu machen. Als Garagenwinzer in Bockenheim in der Pfalz ohne eigene Rebflächen hat er schnell auf ein Netzwerk von ihm wohlgesonnenen Menschen zugreifen können und neben großen Talent beim Wein machen auch eine große Spürnase für das Auffinden spannender Lagen mit altem Rebbestand bewiesen. Ein befreundeter Biowinzer hält ihm den Rücken frei, das Multitalent Andreas Durst ist auch beim Marketing für seine Weine sehr aktiv und wurde schon des öfteren auf dem Wuppertaler Ölberg und in Shanghai gesehen. Unbedingt probieren, wenn Ihr was von den Minimengen (ca. 5000 Flaschen jährlich von ca. insgesamt einem (!) Hektar Rebfläche) aus dem Sortiment mit Riesling, Sylvaner, Weißburgunder/Grauburgunder-Cuvee, Spätburgunder oder Portugieser bekommt! 

 

Wuppertal

Referenz-Portugieser hinterm Rathaus in Wuppertal-Vohwinkel.

Nach so viel Vorschusslorbeeren und Lobhudelei nun der Versuch einer Weinbeschreibung des 2019er Portugieser:  überraschend dunkel im Burgunder-Glas, ausdrucksstarke Nase nach Kirsche, Johannisbeeren, Veilchen, Kräutern, Leder, etwas Holz und Würze, es kommen immer wieder neue spannende Eindrücke, im Mund sehr kühl und frisch wirkend, wieder Kirsche, dazu Würznoten, schöne Tiefe, pure Eleganz, feine Säure und Tannine, langer weicher und mineralischer Abgang, ein masterpiece, Portugieser auf der Überholspur! Respekt für diesen tollen Wein, der muss als Referenzwein für die gemobbte Portugieser-Rebsorte in jeden ambitionierten Weinkeller, richtig super, Glückwünsche für diese Leistung an Andreas Durst und Team! 

 

Saale-Unstrut

Rotweincuvee 19/20 trocken aus Dornfelder und Portugieser, Weinhaus Siegmund und Klingbeil, Bad Bibra, Saale-Unstrut, fotografiert in Marburg.

Bevor wir uns in Richtung Süden begeben, um endgültig die Herkunft der Portugieser-Rebe zu klären, machen wir vorher noch einen kleinen Abstecher in den wilden Wein-Osten, Weinregion Saale-Unstrut, wunderschön und bisher hier im blog fast überhaupt nicht erwähnt, hat mich riesig gefreut, dass ich zwei Flaschen (von 602!) von dieser raren Cuvee erwerben konnte. Zwei Schulfreunde, Sören Siegmund (Geisenheim-Absolvent) und Sebastian Klingbeil, gründeten ihr  1,5 Hektar-Miniweingut im Nebenerwerb, teilweise mit Zugriff auf alte Rebstöcke und nach kurzer Zeit auch mit gutem Netzwerk (befreundete Winzer), so dass man mittlerweile auf jährlich ca. 9000 Flaschen Jahresproduktion kommt. Aus einer spektakulären Weinlandschaft mit Steillagen und Bruchmauern werden  Rebsorten wie Silvaner, Gutedel und Spätburgunder geerntet, weiter nördlich kommen dann auch von Freunden die Trauben für die Cuvee aus Dornfelder und Portugieser. Im Keller in Bad Bibra wird mit verschiedenen Gärbehältern experimentiert, neben Gär-Ei, Tonamphoren auch konventionelle Stahltanks und Holzfässer im Einsatz. War mal wieder sehr gespannt, was jetzt ins Glas kommen würde!

 

Hessen

Spannung auch in Marburg!

Transparent purpurrot im Glas, benötigt etwas Luft, dann geht es komplex zur Sache: spannende Nase nach Pilzen und Waldboden, Moschus und Leder, im Hintergrund auch süße Kirsche, im Mund sehr kühl wirkend, Sauerkirsche und Johannisbeere, rauchig und würzig, geht voll in die Naturweinstilistik, lebendig und frisch, dazu eine sehr schöne Länge, hat mir sehr gut gefallen, ich wäre in einer Blindprobe allerdings nie auf Dornfelder oder Portugieser gekommen. Wer sich von dieser Problematik befreien kann (wie alle jungen oder junggebliebenen Naturwein-Fans), der findet hier einen besonderen Wein! Saale-Unstrut wiehert und rockt!

 

Rheinhessen

Portugieser 2019, Corvus, Weinhaus am Wißberg, Rheinhessen

Es wird Zeit, dass wir uns auf der Suche nach den Ursprüngen der Portugieser-Rebe endlich nach Süden bewegen, die große Weinregion Rheinhessen hält eine schöne Überraschung bereit, laut deutschem Weingesetz dürfen reinsortige Portugieser nur hier in Deutschland als Qualitätswein gekennzeichnet werden. In allen anderen 12 Weinregionen und auch in allen anderen deutschen Ecken muss reinsortiger Portugieser unter dem Begriff Landwein laufen. Engagierte und mit dem antiquierten deutschen Weingesetz unzufriedene Weinerzeuger (wie z.B. Ziereisen oder Makalie) haben aber auch schon mit Weinen der Klassifikation Landwein (Erklärung im Glossar) aufhorchen lassen. War gespannt, ob sich die weingesetzliche Ausnahmestellung auch in der Qualität der Portugieser in Rheinhessen widerspiegeln würde. Und da kommt eine Weinzeitschrift ins Spiel, die sich auch online mit ihren jährlichen Weinbestenlisten sehr um den Portugieser verdient gemacht hat, die Rebsorte wird beachtet und einige Vertreter gut und sehr gut bewertet, Shakespeare wäre stolz gewesen, einziger Wermutstropfen, bei Herkunft der Rebsorte leuchtet im Netz die portugiesische Flagge! Auwei, das stimmt einfach nicht, Klärung folgt! Widmen wir uns aber erst einem der Weinzeitschrift-Favoriten, dem Portugieser Corvus aus Gau-Weinheim in Rheinhessen, abgefüllt und vertrieben durch das Weinhaus am Wißberg. Namensgeber ist der markante Wißberg, der weiße Berg, eine außergewöhnliche Kalkstein-Lage in Rheinhessen, deren Potential durch den Önologen Torsten Klein schon als weinbaulicher Berater in seiner Zeit in Gau-Weinheim (2010 bis 2014) entdeckt wurde. Torsten Klein?, da war doch was, war das der Klein von Josten und Klein, die hier im blog auch schon mit ihren superfeinen Spätburgundern von der Ahr vorgestellt wurden? Ja, er ist es, nach dem Abschied aus der aufhorchenden Zusammenarbeit mit Marc Josten widmete er sich diversen anderen Projekten und begeisterte u.a. Weintrinker und später Mitgesellschafter aus Bayern für eine Neugründung, so entstand um Winzer Frank Stumm, Önologen Torsten Klein und Sommelier und Weinhändler Frank Bispinghoff (Werne an der Lippe?) und vielen Anderen das Weinhaus am Wißberg mit Firmenadresse in Straubing, Niederbayern. 

Der schwarze Portugieser-Rabe 2019 (Corvus = Rabe, Latein) eher rubinrot mit transparenten Rändern im Glas, benötigt viel Luft, dann in der Nase aber schöne Noten von Süßkirschen, Beeren, Pfeifentabak und Rauch, am Gaumen spürbare Säure, beerige Frucht, herb, dicht und langer würziger Abgang mit dezenter Bitternote, feiner Wein, schafft die Quali in die Siegerschankwein-Liste locker, bin sehr angetan!   

 

Oesterreich

Blauer Portugieser Granat, 2023, Weingut Weinfried, Christine und Harald Schachl, Bad Vöslau, Thermenregion, Oesterreich

Und nun kommen wir in „Felix Austria“ an, von wo wohl die Portugieser-Rebsorte durch Weinenthusiasten und Sammler wie Johann Philipp Bronner im 19. Jahrhundert  den Weg nach Deutschland gefunden hat. Damals galt der Blaue Portugieser als eine der anbauwürdigsten neuen Rebsorten in Mitteleuropa. 1828 tauchte der Name Portugieser das erste Mal in der Literatur auf, es wurde ein Vorkommen in den Weinbergen bei Baden (bei Wien, Thermenregion) festgestellt. Einer Legende nach wurde die Rebsorte von einem österreichischen Gesandten aus Porto (Portugal) nach Österreich mitgebracht und in einem eigenen Weingarten in Bad Vöslau (Thermenregion) angepflanzt, weswegen früher auch die Namen „Vöslauer“ oder „Badener“ für den Portugieser in Österreich gebräuchlich waren. Allerdings konnten bei gentechnischen Untersuchungen nie Spuren des Portugiesers in Portugal gefunden werden.

An dieser Stelle musste natürlich ein Portugieser aus der Kurstadt Bad Vöslau verkostet werden, die Familie Schachl mit ihrem Weingut Weinfried kann Weinanbau am Wienerwald bis 1787  zurückverfolgen. 1935 kauften die Großeltern von Harald Schachl, Matilde und Karl Haderer,  den „Schlosskeller“, um dort einen Heurigen einzurichten. Leider durchkreuzte der 2. Weltkrieg (Scheiß Krieg!) alle Pläne und es blieb nur beim eingerichteten Weinkeller. Hier leisteten die Eltern von Harald, Karoline und Robert mit Aus- und Umbauten und Integration eines ehemaligen Eiskellers wertvolle Aufbauarbeit, auf die Sohn Harald seit 1987 und nun auch Tochter Alexandra zurückgreifen können. Man ist mittlerweile bei 14 Hektar angelangt und seit 2020 „Nachhaltig zertifizierter Betrieb“.         

Extrem dunkler rubinroter Wein mit transparenten Granaträndern, benötigt viel Luft, zeigt dann Noten von diversen Beeren und Kräutern, im Mund voll, weich, feurig und samtig, sanfte Säure, dazu feiner Abgang mit Johannisbeeren- und Würznoten, ein PGV-Gigant, viel Wein für kleines Geld, endlich auch mal wieder ein -Wein in der Siegerschankweinliste und was für einer! Glückwünsche nach Bad Vöslau!

 

Oesterreich

Blauer Portugieser Privat 2019, Weingut Christoph Bauer, Jetzelsdorf, Weinviertel, Oesterreich

Vielleicht helfen ja auch Recherchen im Weinviertel, nordöstlich von Wien gelegen, schon an der slowakischen Grenze und auch noch mit einigen Hektar Portugieser gesegnet. Leider auch hier keine Ursprungsspuren der Rebe, aber dafür das Bio-Weingut Christoph Bauer aus Jetzelsdorf mit einem Blauen Portugieser Privat. Sehr privat auch der Familienbetrieb der Familie Bauer, nach Weinbauschule in Klosterneuburg und Praktika in Südtirol, Südafrika und Australien kehrte Christoph, Jahrgang 1973, zu den Eltern Hans und Christine zurück und begann, das Weinsortiment mit eigener Handschrift zu verfeinern. Zusätzlich motivierend Frau Heidi und die beiden Kinder.  Viele verschiedene Riede (Lagen) mit unterschiedlichen Bodentypen bieten beste Voraussetzungen für den großen Rebsortenspiegel. Ich war sehr gespannt auf den Portugieser.

Rubinrote Farbe mit lila Rändern, benötigt sehr viel Luft, immer noch verhaltener Duft nach Kirschen und floralen Noten, im Mund wird es dann aber immer feiner, schmelzige Kirsch- und Beerenfrucht läuft bei sanfter Säure in eine unwiderstehliche mineralische Richtung (Kiesel?), Geduld zahlt sich hier aus, viele Vergleiche mit anderen Weinregionen und Rebsorten schießen einem durch den Kopf, toller Wein, der auch beim langen Abgang mit beerig-würziger Note überzeugt. Besonders gut auch als Essensbegleiter vorstellbar, sehr gute Interpretation, da hängt das Winzerherz dran, merkt man sofort, richtig super!  

 

Ungarn

Portugieser 2017 Jammerthal, Weingut Hummel, Villany, Ungarn, fotografiert in Marburg.

Auch in Ungarn noch einige Bestände an Portugieser-Rebstöcken, fast die identische Hektarfläche wie in Österreich, wir kommen der Ursprungsheimat der Portugieser-Rebe vielleicht näher, irgendwo auf dem Gebiet der ehemaligen Habsburger KuK-Monarchie sollte man jetzt doch mal langsam  fündig werden. Der Berliner Anwalt Horst Hummel wurde auf Ahnensuche in der ungarischen Weinregion Villany fündig, statt familiärer Wurzeln fand er alte Rebstockwurzeln, verliebte sich in die Landschaft und glaubte an das Potential des Terroirs. 1998 gründete er sein eigenes Weingut und setzte voll auf die biodynamische Weinbereitung. Möglichst natürliche Weinerzeugung ohne Zugabe von Zaubermitteln im Keller. Herausgekommen sind superelegante Naturweine.

Der Portugieser 2017 Jammerthal rubinrot im Glas mit transparenten Rändern, komplexe Nase nach Kirsche, Veilchen, Pfeifentabak und etwas Vanille, im Mund Sauerkirsche, feine Säure und Herbe, frisch und kühl wirkend, langer eleganter Abgang mit einer erdig mineralischen Note, gefällt mir super! Was für ein toller Wein bei 12% Alkohol, bravo!

 

Südtirol

Portugieser 2021, IGT Weinberg Dolomiten, Weingut Daniel Sigmund, Bressanone (Brixen), Alto Adige (Südtirol), Italien, in Marburg fotografiert.

Es gibt sogar Verbreitung der Portugieser-Traube in Südtirol (Alto Adige), hat mich sehr gefreut, dass ich zwei Flaschen Portugieser 2021 vom Weingut Daniel Sigmund aus dem Eisacktal in der Nähe der Dolomiten erwerben konnte. Hier stehen 70 bis 100 Jahre alte Portugieser-Rebstöcke auf Granitböden. 2021 ist der Erstjahrgang von Daniel Siegmund, 2020 hat er den Betrieb von seiner Mutter Fiorina übernommen, die den Hof wiederum 2006 übernahm, da ihr Bruder kein Interesse hatte. Und auch der Großvater von Daniel, Albino, sprang 1978 als jüngerer Sohn ein, um den ca. 3 Hektar großen Familienbetrieb weiter zu führen. Konzentriert hat man sich schon immer auf die Rebsorten Silvaner, Riesling, Pinot Noir und Portugieser, die in kleinen Parzellen an steilen Hängen auf Quarz-, Phyllit- und Granitböden auf 800 Meter über Null wachsen. Mittlerweile ist man biozertifiziert.

 In der Verkostung der Portugieser 2021 mit der Nummer 303 von 724, ich war mal wieder sehr gespannt: transparentes Purpurrot, in der Nase Kirsche, Hagebutten, rote Johannisbeere, dazu etwas Leder, Nelke und Pfeffer, im Mund kühl, frisch, filigran und fein, weiche Frucht, zarte Tannine, mundbekleidender Säurezug, sehr süffig, Naturwein-Style mit einem langen und leicht würzig-herben Abgang, 10% Alkohol, großartig und fantastisch, ich liebe einfach solche superelegante Weine, Glückwunsch nach Tschötsch bei Brixen.

 

Hessen

Jetzt geht es endlich ans Eingemachte!, was sollen diese dauernden Marburg-Hinweise?

Habe mich auch einige Zeit gefragt, wie ich aus der Marburg-Nummer wieder rauskomme, war eine tolle Woche auf Verwandtschaftsbesuch dort und ich hatte zur Foto-Session meine Portugieser-Flaschen mitgebracht. 2016 wurde die Herkunftsbestimmung der Portugieser-Traube mit allerneuester Technik, praktisch einem genetischen Fingerabdruck und Bestimmung der Eltern und Großeltern,  wissenschaftlich (ampelographisch) geklärt. Als Eltern wurden Blaue Zimmettraube und Grüner Silvaner identifiziert, als Großeltern u.a. Blauer Gänsfüßer und Heunisch. Nachdem das scheinbar eindeutig geklärt war, musste man nach einem Gebiet forschen, indem alle aufgeführten Rebsorten in älteren Quellen erwähnt wurden und als aussichtsreichster Kandidat zeigte sich hier die östliche Weinsteiermark in Slowenien mit dem Weinzentrum Maribor. Maribor ist übrigens die Partnerstadt Marburgs, was ganz passend ist, denn Maribor heißt auf deutsch Marburg. Und ich habe hier meine Verbindung, wirkt konstruiert wie ein Münsteraner Tatort, ist vielleicht aber auch große blogger-Kunst! 

 

Hessen

Ich dachte im schönen hessischen Marburg an der Lahn öfter mal ans slowenische Maribor an der Drau!

Habe im Nachgang dann noch in einer Weinbau-Fachzeitschrift von den aktuellen Entwicklungen der Herkunftsanalyse der Portugieser-Rebe gelesen, in einem Fachaufsatz von 2023  zeigt Ing. Johannes Friedberger eine Unsicherheit in einer Quelle von 1841 auf, evtl. ist einem gewissen Herrn Trummer bei der Bestimmung sehr alter Portugieser-Rebstöcke in der Untersteiermark eine Verwechslung unterlaufen. Das würde den Annahmen von 2016 widersprechen und die Herkunft der Portugieser-Rebsorte eher Richtung Thermenregion verorten. Für den Beitrag hier hat mir die 2016er Variante zwar deutlich besser gefallen, aber warten wir mal ab, was es zukünftig noch für Erkenntnisse geben wird, ein wenig Geheimniskrämerei steht der Rebsorte ganz gut, nur Portugal ist sicher aus dem Rennen!!

 

Hessen

Das Marburger Schloss.

Ich bin wirklich überrascht, wie kann eine Rebsorte, die hier solche Qualitäten hervorbringt, so ins Abseits geraten sein? Schuld sind wohl die hellen lieblichen Rotweine und der Portugieser Weißherbst. Auf die Verkostung solcher Exemplare habe ich lieber verzichtet, ich würde mich aber freuen, wenn ich Tipps zu dieser Art von  Portugieser-Wein hier in den Kommentaren bekäme. Bin schon öfter nach lieblichen Rotweinen gefragt worden und habe dann immer versucht, mich mit dem Recioto della Valpolicella zu retten. Gemeint war aber wohl von der Art lieblicher Portugieser. Und auch der Portugieser Weißherbst , ein Rose aus Portugieser, hat nicht den allerbesten Ruf! Auch hier gerne probierenswerte Exemplare an mich melden!  

 

Hessen

Detail aus dem schönen Hotel-Restaurant Dammühle bei Marburg.

Fazit:

Die vorgestellten Portugieser sind durch die Bank begeisternd und absolut probierenswert, egal ob konventionell oder als Naturwein hergestellt, manchmal benötigen sie viel Luft, doch dann legen sie richtig los. Probiert mal guten Portugieser, fragt einfach danach und lasst Euch überraschen, vielleicht schafft die Rebsorte ja ein spektakuläres Comeback und wird zum neuen Trendwein. Potential ist auf jeden Fall da! 

 

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Absturz auf Madeira?

 

Madeira

Botanischer Garten, Funchal, Madeira

Im November sollte es für mich zum 9. Mal auf die berühmte portugiesische Blumen- und Wanderinsel gehen, Sabbatmonat auf Madeira in der Haupstadt Funchal, allerdings war ich noch nie im Monat November vor Ort , ich erwartete sehr wechselhaftes Wetter mit Regenschauern und sonst stille Tage in Klischee. Es kam dann doch wieder alles ganz anders, ich hatte die komplette Zeit tolles Wetter, immer über 20 Grad und keinen Regen und relativ spontan hatten sich mir zwei Arbeitskollegen aus den anderen Schichten für die erste Woche angeschlossen, ein echter Glücksfall!

 

Madeira

Alles Helden (von links), Edinho, Ronaldo und Kiri.

Ronaldo stammt gebürtig von Madeira, ist dort aber wohl in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und schon als Fußballjugendlicher nach Lissabon abgeworben worden. Die Madeirenser vergöttern ihn und setzen ihm Denkmäler wie die Deutschen nur Otto von Bismarck. Ronaldo hat aber ein sehr unterkühltes Verhältnis zur ehemaligen Inselheimat und investiert nach Jahren der totalen Ignoranz nun mit der Pestana-Gruppe lieber in neue Hotelbetonbunker, anstatt einmal in die immer mehr verfallende und schöne Bausubstanz in der historischen Oberstadt zu investieren. Er ist doch nicht mein Held! Ich habe übrigens ein sehr unterkühltes Verhältnis zu Flugzeugen, ein Wunder, dass ich trotz meiner Flugangst schon so oft auf Madeira war, irgendetwas zieht mich scheinbar magisch an und lässt mich Ängste überwinden, der betagte Taxifahrer mit seiner Klapperkiste am Flughafen, die Damen in der Rezeption und der Hotelbesitzer Senhor Dias in der Albergaria Dias  waren das richtige Begrüßungskomitee, einfach nette und herzliche Menschen! 

 

Madeira

Bei Kaiserwetter im November sofort ab in den Pool der Albergaria Dias!

Über einen versteckten und überwucherten Gartenweg ging es nach der Pool-Schwimmerei dann direkt in einen der drei Altstadt-Bereiche, die Restaurant-Altstadt, hier gibt es viele bemalte Türen und noch mehr Restaurantwerber, zu meiner großen Enttäuschung sprachen einige davon kein portugiesisch mehr und konnten auch keine Tierlaute imitieren, die Zeiten ändern sich doch leider sehr! Aber zu unserer Überraschung konnten hier einige Restaurants überzeugen (auch weintechnisch!). Auf den Weinkarten immer Festland-Portugal, Madeira und die Azoren. Sehr schön saß man z.B. direkt vor dem Fort Sao Tiago im Außenbereich des Restaurants Cidade Velha. Zum berühmten Inselbrot „Bolo do Caco“ (saftiges Fladenbrot aus Süßkartoffelmehl) genossen wir zwei tolle Weine.

 

Madeira

Forte de Sao Tiago, Funchal

 

Portugal

Alvarinho 2022, Vinho Verde DOC, Sociedade dos Vinhos Borges, Rio Tinto, Portugal

Der Alvarinho von Borges ist mir schon öfter in Funchal positiv aufgefallen (zum ersten Mal in der Quinta da Casa Branca, dazu weiter unten!) , nun also als ganz frischer Jahrgang 2022 im Glas: blasses Zitronengelb, florale Nase mit viel Zitrus und etwas Apfel, im Mund sehr voluminös und üppig, viel Frucht, dazu stramme Säure, Abgang mit Mineraltönen, eigentlich noch viel zu jung, aber schon gut antrinkbar, die Kollegen waren gar nicht abgeneigt, ein großes Geheimnis portugiesischer Weine, wie bekommen die das so hin?  

Vor der Recherche hoffe ich immer, dass es sich um einen winzigen und idyllisch gelegenen Kleinbetrieb handelt, das kann natürlich bei dem häufigen Auftauchen des Weines eigentlich nicht sein, durch die konstante Qualität war ich trotzdem zuversichtlich. Die 1884 von zwei Borges-Brüdern gegründete Handelsfirma fokussierte sich seit 1890 durch lebhaften Weinhandel mit Brasilien immer stärker auf das Weingeschäft, sehr früh setzte man auf kreierte Markenweine wie Gatao (1905), Fita Azul (1906) oder Lello (1913). Die Gewinne reinvestierte man in Expansion, ohne das Qualitätsstreben ganz aus den Augen zu verlieren. Man konnte nach und nach für den Qualitätsweinbau drei Quintas in berühmten portugiesischen Weinbauregionen erwerben, die Quinta da Soalheira (Douro, schon 1904!) machte den Anfang, es folgten noch die Quinta de Sao Simao da Aguieira (Dao) und die Quinta de Simaens (Vinho Verde). Mittlerweile ist man bei einem jährlichen Flaschenausstoß von ca. 6 Millionen Flaschen und gehört seit 1998 zur JMV-Gruppe (Jose Maria Vieira), die noch mal kräftig investiert hat, auch in die Erzeugung von Port- und Schaumweinen. Bitte die Sociedade dos Vinhos Borges nicht mit dem Madeirawein-Produzenten H.M.Borges verwechseln. Und eine berühmtere Quinta de Soalheiro (Vinho Verde) hat auch nichts mit der Quinta da Soalheira von Borges zu tun. Obwohl es hier verschiedene Linien und Qualität gibt, macht mich die Größe des Unternehmens mit den vielen Marken im kleinen Portugal doch etwas schwindelig. Aber auf den Vinho Verde Alvarinho von Borges lasse ich nichts kommen!

 

Portugal

Monte da Peceguina 2022, Herdade Malhadinha Nova, Albernoa, Alentejo, Portugal

Bei Alentejo Rot denke ich immer an 15% Wuchtbrummen, die einen schon nach einem Glas kapitulieren lassen. Deshalb war ich sehr überrascht und begeistert, was hier ins Glas kam (13% Alkohol, Rebsorten Alicante Bouchet, Aragonez, Touriga Nacional, Touriga Franca und Syrah): sehr dunkles Rubinrot mit violetter Randaufhellung, tolle Nase (benötigt viel Luft!) nach dunklen Beeren, etwas Vanille, Thymian und Lakritz, im Mund wunderbar kühl, harmonisch und elegant, Frucht und Säure sehr zurückgenommen, Cool Climate, dafür Schmelz, schöner Trinkfluss und sehr langer, pfeffriger Abgang, toller Essensbegleiter, starker Wein! Hat riesiges Harmonisierungspotential, ist aber schon sehr gut trinkbar, top!

Die 2003 völlig neu errichtete Kellerei Herdade de Malhadinha Nova mit ca. 80 Hektar Rebflächen ist die Spielwiese von zwei hochbegabten und hochdekorierten Weinmachern Portugals. Beratend ist der schon zwei Mal in Portugal als Önologe des Jahres ausgezeichnete Luis Duarte tätig (berühmt durch seine Arbeit auf der Herdade de Esperao,  ebenfalls Alentejo). Macher ist aber hier Nuno Gonzalez, 2017 Winzer des Jahres in Portugal und als moderner Weinmacher auf Wanderschaft im Ausland (Australien, Neuseeland, USA und Italien) und im Inland (Niepoort, Cortes de Cima und Jose Maria da Fonseca) unterwegs gewesen. Schwört auf die Verbindung von Wissenschaft, Erfahrung und Terroir, nutzt das Zusammenspiel von traditionellen und modernen Verfahren und greift auf französische Weinfässer von acht verschiedenen Küfern zurück. Tolles Projekt! 

 

Madeira

Mannigfaltige Gefahren auf der Levada do Norte, unsere erste Wanderung hatte es gleich in sich!

Dann die von allen Seiten mit Spannung erwartete erste Levada-Wanderung auf Madeira, Levada do Norte, Weinschank war mal wieder übervorsichtig und hatte seinen Kollegen absolute Aufmerksamkeit eingetrichtert, später sollte man noch hören, was bei nachlassender Konzentration an diesen Wasserkanälen so passieren kann. Der Bau des  Levadanetzes wurde übrigens kurz nach der Besiedelung durch die Portugiesen im 15. Jahrhundert gestartet, um Wasser aus dem regenreichen Norden mit den hohen Bergen in den trockenen Süden zu leiten. Heute kann man auf größenteils gesicherten Bewirtschaftungspfaden an den Kanälen entlangwandern und in manche Abgründe blicken.  Aber Edinho und Kiri hatten Respekt und meisterten alle abschüssigen Stellen ohne Probleme, Probleme hatte eher der schlaksige Wanderführer auf dem fast 600 Meter hohen Sky Walk am Cabo Girao, einem Steilkliff, das wir uns erwandert hatten, keine zehn Pferde hätten mich auf die durchsichtige Glasplatte bekommen, blankes Entsetzen in meinem Kopf, ein Wunder, dass ich mich an die abschüssigen Levada-Strecken gewöhnt habe, schon beim Zuschauen der beiden  coolen Experten über dem fiesen Abgrund wurde mir ganz mulmig! 

 

Madeira

Cabo Girao, Skywalk auf 580 Meter Höhe.

 

Madeira

Madeira setzt auch neue Modetrends, gesehen beim Abstieg nach Camara de Lobos!

Nach so viel Abenteuer und Anstrengung mussten wir uns abends natürlich entspannen. Die eigentliche Altstadt in Funchal rund um die Banco de Portugal, das 2. Fort (Sao Lourenco), die Se-Kathedrale, dem wunderschönen Stadtpark mit vielen riesigen exotischen Bäumen und dem schmucken Theater Baltazar Dias war unser Ziel, wir entschieden uns für das alteingesessene Restaurante dos Combatentes, unter neuer Leitung und mit viel Qualität, auch bei den Weinen!   

 

Portugal

Alvarinho 2022 Reserva, Vinho Verde DOC, Moncao e Melgaco, Quinta do Regueiro, Portugal

Ein eleganter Alvarinho 2022 aus der berühmten Vinho Verde Unterzone Moncao e Melgaco, hellgelb im Glas mit grünlichen Randreflexen, in der Nase Zitrone, Ananas und Apfel, im Mund sehr harmonisch und ausgewogen, Pfirsich, ausgewogene Säure, sehr süffig, schöner Abgang mit Mineralnote, tolles PGV, perfekt zu Fisch oder Meeresfrüchten, Vorzeige-Alvarinho!

Die ersten Anfänge des Weingutes lassen sich bis ins Jahr 1988 zurückverfolgen, man besaß 3 Hektar Alvarinho-Rebstöcke in der Nähe von Melgaco. 1999 dann der erste Jahrgang der Quinta do Regueiro, der Sohn des Besitzers, Paulo Cerdeiro Rodrigues, damals 23 Jahre alt, wollte unbedingt Winzer werden und setzte dies mit Vision und Tatkraft um. 2007 der nächste Entwicklungsschritt, Vergrößerung des Weingutes auf 12 Hektar, 6 Hektar davon wurden gepachtet. Die Produktion konnte so auf 170 000 Flaschen jährlich gesteigert werden und stärkste Märkte wurden neben Lissabon und Madeira auch die USA, England, Frankreich, Deutschland, die Benelux-Staaten, die Schweiz und Brasilien. 2019 wurde man zum Weißweinerzeuger des Jahres in Portugal ausgezeichnet.

 

Madeira

Ein künstlicher Strand auf Madeira, Calheta.

Madeira

Moderne Kunst in der Casa das Mudas, Calheta

Am nächsten Tag dann Inselrundfahrt mit dem eigentlich nur radfahrenden Weinschank am Mietwagen-Steuer, auweia!, Tunnel, Tunnel, Tunnel, ein Strand (!?) in Calheta, moderne Kunst auch, schon wieder schlimme Zerstörungen durch Waldbrände, dieses Mal im Nordwesten, die Nordküste mal ohne Nebel, Porto Moniz mit den berühmten Lava-Pools (leider wegen sehr rauer See gesperrt), Mittagessen in Seixal in der Marisqueira Pedra do Mar (ich durfte keinen Wein probieren, grausam!), spektakuläre Blicke auf die alte Küstenstraße (durch heftigen Steinschlag gesperrt!) und aussichtsreiche Fahrt an der Nordküste, wenn es nicht durch die beliebten Tunnel ging. Dann die kühne Idee, Funchal über die Straße über Ribeiro Frio zu erreichen und evtl. noch beim zweithöchsten Berg Madeiras, dem Pico do Arieiro, den Sonnenuntergang zu erleben. Heftiges Gekurbele auf den steilen Serpentinen und Stichstraßen, manch ein Kiri vertraute meinen Fahrkünsten dann doch sehr und machte trotz schlimmer Schaukelei  schnell mal ein Nickerchen. Auf dem völlig in Nebel eingetauchten Gipfelparkplatz dann der Temperatur-Schock, Strand Calheta 26 Grad, Pico do Arieiro 3 Grad!, nach ca. 50 Meter Aufstieg, fingen wir alle spontan zurück zum Auto zu laufen, Kiri und Edinho in kurzen Buchsen, die heftige Erkältung habe aber ich mir wohl dort in langen Hosen geholt. Bei der steilen Abfahrt runter nach Funchal dann fast noch ein crash, traute mich nicht, in einer Linkskurve mit Schwung in die rechts steil abfallende Straße zu fahren, ein Gefühl wie auf der Achterbahn am Scheitelpunkt, ich ging voll in die Eisen und wir hätten fast Besuch vom Hintermann bekommen, alles gut gegangen und wir verschwanden dann doch ganz schnell in der steilen Gasse. Abends entspannten wir uns in der Craft-Beer Bar „Fuga da Cidade“ bei anstrengenden Getränken, es gab mal keinen Wein!

 

Madeira

Lava-Pools in Porto Moniz.

Madeira

Lorbeerwald

Dann die ebenfalls mit Hochspannung erwartete Levada-Wanderung in Madeiras Lorbeerwald, einer Pflanzengemeinschaft aus verschiedenen Lorbeergewächsen, die die Feuchtigkeit der sich abregenden Regenwolken benötigt und mittlerweile einzigartig auf der Welt ist! Es sind noch große Flächen vorhanden, trotzdem benötigten wir mit Bus und dann zu Fuß einiges an Zeit, um die Kernzone zu erreichen. 

 

Madeira

Auf gehts!

 

Madeira

Ungesicherte Stelle am Anfang sorgte sofort für hohe Aufmerksamkeit!

 

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Levada dann mustergültig gesichert, war aber auch notwendig, es ging rechts gefühlt mehrere hundert Meter nach unten!

 

Madeira

Traumhafte Levada do Furado!

Bei einer Gesamtstrecke von ca. 15 km erhöhte Kiri das Tempo auf den letzten Kilometern deutlich, er hatte großen Hunger bekommen und von dem Restaurant am Ende der Strecke, Ribeiro Frio, erfahren. Dort gab es vorneweg zur Stärkung die berühmte Acorda, eine Knoblauch-Brotsuppe und danach zur Forelle einen bemerkenswerten Wein. 

 

Madeira

Acorda

 

Portugal

Foz Torto Vinhas Velhas 2020, Douro DOC, Foz Torto Vinhos e Enoturismo LDA, Pinhao

Zitronengelb im Glas, besticht der Foz Torto mit einem tollen und feinen Bukett nach Birne, Mandel, Feuerstein und etwas Vanille, im Mund viel kalkige Mineralnoten, feine Frucht und Teenoten, schon antrinkbar, schmelzig, voller Körper, dabei auch sehr komplex, langer würziger Abgang. Toller gemischter Satz von alten Rebstöcken.

Das Projekt wurde 2005 durch den ehemaligen Computeringenieur Abilio Tavares aus Lissabon an der Mündung des Rio Torto in den Pinhao gestartet. Von den 14 Hektar wurden 11 Hektar mit autochthonen Rebstöcken neu bepflanzt, als Schatz blieben 3 Hektar gemischter Satz unangetastet im Portfolio. Für die Weinbereitung wurde die bekannte Weinmacherin Sandra Tavares da Silva gewonnen, 2019 konnte der erste Jahrgang präsentiert werden. Unbedingt probieren!

 

Madeira

Im Kellergewölbe des Universal Stores in Funchal.

Den Universal-Store in Funchal habe ich hier im blog schon mal als Bezugsquelle für die großartigen Weine von  ABSL (Artur Barros e Sousa Limited)-Weine genannt. Der Laden sieht ein wenig aus wie das Innere einer Kirche und ist im EG vollgestopft mit Souvenir-Trödel, der Keller ist dagegen voll mit alten Madeira-Weinen und eine echte Attraktion, hier kann man fantastisch nach alten Jahrgängen suchen und dabei auch etwas probieren. ABSL gab es nur noch aus den 40er Jahren für 450 Euro die Flasche, das war dann selbst mir zu heftig, aber Kiri fand und erstand eine Flasche Madeira seines Geburtsjahrgangs, einen 1992er Monte Seco von Carmo Vinhos LDA. Carmo  Vinhos war ein 1928 gegründetes Unternehmen, was 16 Jahre auf Exporte nach Schweden spezialisiert war. 1944 begann man, auch in andere Märkte zu expandieren. Man belieferte nun auch andere skandinavische Länder, später auch England, Australien und Neuseeland. Das Unternehmen exisistiert heute nicht mehr, nach der Übernahme durch Henriques + Henriques wird die Marke Carmo Vinho wohl noch für das USA-Geschäft genutzt.

 

Madeira

Flasche Monte Seco von Carmo Vinhos nach der abendlichen Balkon-Session am nächsten Tag.

Kiri wollte die Flasche mit uns teilen, da waren wir natürlich nicht abgeneigt und sehr neugierig, wie so ein älterer trockener Madeira wohl schmeckt. Rebsorte Sercial, hellbraune Farbe, in der Nase Aromen von Datteln, Haselnüssen, Mandeln, Kaffee und etwas Klebstoff, im Mund sehr trocken wirkend, mit spürbarer Säure, etwas Orange und Honig, getrocknete Früchte, Abgang mit leichter Bitterkeit und Schärfe. Ideal zu Trockenfrüchten und Nüssen, Käse oder süßen Nachspeisen. Schöne Erfahrung und vielen Dank an den edlen Spender!

 

Madeira

Bekannte Gesichter in Funchal!

Madeira

Furchtlose Gesellen auf den Levadastrecken…

Madeira

und immer mit Spaß dabei…

Nach einer Woche dann die Abreise meiner Helden, ich war richtig traurig, hatte mich doch zu sehr an die gute und lustige Stimmung meiner Arbeitskollegen gewöhnt! Zum Glück hatte sich mein Funchal-Spezi Francisco Zeit frei geschaufelt, um mich ein wenig abzulenken und aufzuheitern. Wir sammelten hoch oben in Monte seine Frau Lucinda ein und fuhren mit seinem Benz irgendwo bei Aguas Mansas in die kühle Nebelzone, um das Nationalgetränk Madeiras, Poncha, in sehr guter Qualität zu genießen. Auch hier große Temperatur-Unterschiede zu Funchal (neben Qualitätsunterschieden, der mit den Arbeitskollegen probierte Poncha in Funchal war leider gar nichts!), die Menschen, die hier oben leben und arbeiten, können einen kleinen Stimmungsaufheller sicher öfter mal gut gebrauchen. Francisco kenne ich schon lange als den weinverrückten Schnibbelfürsten aus Funchal, was für schöne Stunden mit vielen Kleinigkeiten und tollen Weinen in seinem ehemaligen Bistro „A Carreirinha“ hatte ich schon,  leider hat er sich nun doch eine längere Auszeit von der Gastronomie genommen, um sich um die Familie zu kümmern. Wie kann man Francisco beschreiben? Charismatischer Mensch, immer zurückhaltend und höflich, dann aber  auch plötzlich voller Humor und Lebensfreude, immer auch für eine Gesangseinlage (Fado) aufgelegt und ein großer Liebhaber und Kenner des portugiesischen Weins.

 

Madeira

Pedro Weinschank ohne Gorilla im Nebel, fantastischer Poncha hinter den blauen Bergen!

Madeira

Wir feierten Sao Martinho.

Abends dann eine kleine Feier bei Francisco zu Ehren des heiligen Sankt Martin (Sao Martinho) mit vielen Kleinigkeiten (Petiscos), Bacalhau (Stockfisch) und einem weiteren gereiften Madeira-Wein, einem 1997er Jahrgang der Firma Justino’s, Erinnerungen an meinen ersten Besuch auf Madeira kamen auf, noch mal tausend Dank an Lucinda und Francisco vom Weinschank!

 

Madeira

Allererster Besuch auf Madeira: wohnen im Turmzimmer der Pensao Santa Clara (ganz oben rechts) in der historischen Oberstadt Funchals.

Justino’s zwar mit Wurzeln bis 1870 und damit einer der ältesten Madeirahersteller und -exporteure, aber mittlerweile auch der größte Madeiraproduzent nach einem Umzug 1994 von Funchal nach Cancela (Canico) mit Neubau einer großen Kellerei, Lagerhalle und Verwaltungsgebäuden und Übernahme durch den französischen Spirituosenhersteller „La Martinique“.

 

Madeira

Colheita 1997, Justino’s, Cancela, Madeira

Verschnitt aus mehreren Tinta-Negra-Partien aus der Ernte 1997, bei verschiedenen Weinbauern und Anbauflächen der Insel ausgewählt und bei Justino’s verarbeitet, schöne Bernstein-Farbe, duftet nach Pflaume, Trockenfrüchten und Kaffee, im Mund Karamell mit Noten von Tee und Kaffee, spürbare Säure, die eine schöne Balance schafft und den Wein nicht zu süß und klebrig erscheinen lässt. 

 

Madeira

Ausblick vom Balkon, Albergaria Dias, Funchal

Am nächsten Tag dann heftiger Stimmungsabsturz und erster Einsamkeitsanfall, deswegen schnell der Entschluss, runter vom Balkon und den Kreuzfahrern entgegen! Am Hafen vorbei ging es ins bei mir nicht gerade beliebte Hotelviertel, um noch mal auf den Spuren von ABSL zu wandeln. Eine weitere ehemalige Bezugsquelle war das Restaurant PVP (Pao, Vinho e Petiscos), auch hier keine Flaschen der Opis mehr zu finden, dafür eine sehr nette Kellnerin ohne jegliche Portugiesischkenntnisse und ein interessanter Wein zum Mittagessen. Die Rebsorte Encruzado aus Dao ist für mich einer der portugiesischen Rebsorten, die sich als Stars von den gemischten Sätzen und Cuvees reinsortig abgrenzen können. 

 

Portugal

Encruzado Evidencia 2022 Reserva, Dao DOC, Parras Wines, Maiorga, Alcobaca

Zitronengelb im Glas, in der Nase grüner Apfel, Zitrus, etwas Honig, florale Noten, im Mund wunderbar kalkig mineralisch, Grapefruit, ein Hauch Vanille, gute Säure, langer würziger Abgang, etwas Bittermandel. Wunderbarer Begleiter zu Fisch.  

Luis Vieira ist der Kopf hinter Parras Wine, erst 2016 gegründet, um bei der Fokussierung auf internationale Märkte ein modernes und junges Erscheinungsbild zu präsentieren. Die Firma profitiert von einer hochmodernen Abfüllanlage in der Nähe vom großartigen Unesco-Weltkulturerbe Alcobaca in Mittelportugal, die die Abfüllung von Weinen aus verschiedenen Regionen und Qualitätsstufen ermöglicht, den Wurzeln aus der Vergangenheit (die Quinta do Gradil und einige eingebrachte Rebflächen um Obidos und Lissabon) und den Expansionsgedanken (nun auch zwei Weingüter im Alentejo, Herdade da Candeeira und Herdade da Vigia). Das alles wäre wahrscheinlich niemals möglich geworden, wenn Luis Vieira als Fünfjähriger beim Sturz in einen Weintank ertrunken wäre, aber ein aufmerksamer Mitarbeiter seines Vaters konnte ihn damals retten. Die Taufe in die Welt des Weines war vollzogen! Luis revanchiert sich spektakulär!

 

Madeira

Berüchtigte Horror-Stadtlevada Bom Sucesso! Es gibt verschiedene Möglichkeiten, aus der Welt zu scheiden!

Am nächsten Tag war ich wieder unterwegs, einfach mit der Seilbahn hoch nach Monte, um dann über einen steilen Wanderweg das Dorf Curral dos Romeiros und die Levada dos Tornos zu erreichen. Unterwegs kam ich an der Abzweigung Levada Bom Sucesso vorbei (s. Bild), diese Stadtlevada ist zwar sehr gut zu erreichen, entpuppte sich aber nach steilen Abstieg schon für einige Touristen zur Todesfalle. Unter dem Motto „Zurück schaffe ich nicht!“ ist man trotz schwindelerregender und ungesicherter Stellen vorwärts gegangen und dann in die Tiefe gestürzt. Meine trüben Gedanken wurden durch zwei junge Männer in Flip Flops verscheucht, auch eine Art das Leben spannend zu gestalten, meine warnenden Worte wurden nur müde belächelt und die beiden danger-seeker verschwanden aus meinem Blickfeld nach unten. Bei mir ging es heftig nach oben und ich erreichte mein Etappenziel Curral dos Romeiros. Hier machte ich kurz Pause und erinnerte mich an die Wanderung mit dem großartigen Jorginho Krowartz vor einigen Jahren, als uns an genau dieser Stelle die Taxi-Mafia auflauerte und uns mit Falschinformationen fütterte („Levada is broken!“), um uns fahren und ausnehmen zu können. Wir sind nicht auf die Raubritter reingefallen, die Levada war damals gut zu gehen, aber wo war sie eigentlich? Das wollten dann auch plötzlich zwei deutsche Frauen in Wanderkluft von mir wissen und zeigten fragend die Dorfstr. hinauf. Da konnte ich endlich mal wieder meinen oberlehrerhaften Lieblingsspruch anbringen, den ich schon öfter auf Madeira gehört habe: „Wasser fließt nicht den Berg hinauf!“ Nachdem man die etwas versteckte Levada dos Tornos dann gefunden hatte, wanderte man zusammen bis kurz hinter das durch einen Waldbrand 2016 völlig zerstörte ehemalige Luxusressort Choupana Hills. Entspannte und einfache Wanderung, ich war sehr froh über ein wenig Gesellschaft und Ablenkung.

 

Portugal

Encruzado 2022, Casa de Mouraz, Antonio Lopes Ribeiro Wines, Mouraz, Tondela, Dao

Abends verwandelte sich der brave Levada-Wandersmann immer mehr in den finsteren Weinjäger Pedro, fündig wurde er im Weinbistro „Wine Prosa“ in der Rua dos Netos in Funchal, sehr nette und kompetente Beratung und noch ein toller Encruzado (Rebsorte), dieses Mal als Biowein. Wieder zitronengelb im Glas, in der Nase (benötigt viel Luft!) Birne, Zitrus, Blüten und nasser Stein, im Mund vollmundig fruchtig mit frischer Säure, dazu eine schöne salzige Mineralität, perfekte Balance, sehr schmelzig und süffig, schöner Nachhall! Toller Treffer, hat mir super gefallen! 

Antonio Lopes Ribeiro und seine Frau Sara Dionisio sind nach der Übersiedlung von Lissabon ins Dao-Gebiet, um den kränkelnden Vater Antonios zu unterstützen, eine der wenigen zertifizierten Biowinzer Portugals geworden. Die Weine im Dao profitieren von der Höhe der Granit-Weinberge und den kühlen Temperaturen, die viel Finesse und Frische in die Weine bringen. Einige Granitfelsen sehen aus, als hätte sie Obelix auf der Wildschweinjagd liegen gelassen. Der Erfolg hat das Paar umtriebig gemacht, zur Zeit werden einige Bio-Projekte in verschiedenen Regionen Portugals ins Rollen gebracht.   

 

Madeira

Plaudereien beim Frühstück, Albergaria Dias!

Beim Frühstück am nächsten Morgen habe ich dann ein Paar aus Deutschland am Nachbartisch angesprochen, die Frau trug den Arm in der Schlinge, habe ich auch schon öfter auf Madeira gesehen, das bedeutet nichts Gutes! Zum Glück hatte sie keine Schmerzen, aber dafür haderte sie mit dem Schicksal. Auf der leichtesten Wanderung des Urlaubes (Levada dos Tornos, auweia, da war ich ja gestern auch unterwegs!) ist sie über eine Wurzel gestolpert und in die Levada gestürzt, komplizierter Armbruch, der wohl aber von Spezialisten in Funchals Krankenhaus gut behandelt wurde. Der Rückflug musste verschoben werden, wahrscheinlich noch Glück im Unglück, da sie wohl mit Hilfe ihres Mannes noch von der Levada zu einer Straße kam, von der sie mit dem Krankenwagen abtransportiert werden konnte. In unwegsameren Gelände wird man bei Pech über Kilometer von den Levadeiros (Levada-Arbeitern) auf einer Trage an der Levada entlang balanciert, was wahrscheinlich noch mal besondere Schmerzen nach sich ziehen dürfte. Ein gewisses Restrisiko bleibt leider beim beschaulichen Levada-Wandern (O-Ton eines leicht orientierungslosen deutschen Touris in Porto Moniz („Rentner-Wandern“)), immer volle Konzentration und Respekt, ich war froh, dass bei uns alles gut gegangen ist, meine Kollegen waren immer hochkonzentriert und aufmerksam! Dank auch an Senhor Dias Jr. und das großartige Hotelpersonal der Albergaria Dias, die sich rührend um die frisch operierte Frau gekümmert haben. 

 

Madeira

Langer Taxistand an Stadtpark, Funchal (steile Stadt)

Apropos Hotelpersonal, ich habe an der Rezeption der Albergaria Dias einen Restaurant-Tipp bekommen und dann das Restaurant „O Velho Pescador“ in der touristischen Restaurant-Altstadt zwei Mal besucht. Für mich die höchste Qualität aller Restaurantbesuche, superfreundlicher Service, schönes Ambiente, frische Austern, fantastisch zubereiteter Fisch und ein ganz besonderer Weißwein, Cuvee aus den Rebsorten Caracol und Verdelho, Caracol von der Strand-Nachbarinsel Porto Santo und Verdelho von der nebligen Nordküste Madeiras um Sao Vicente. Dort liegt etwas versteckt und spektakulär über eine zum Meer abfallende Schlucht das Weingut Quinta do Barbusano, konnten wir auf unserer kleinen Inselrundfahrt nicht sehen, hätte sich aber auf jeden Fall gelohnt, ist einfach traumhaft dort! Hier hat Senhor Antonio Oliveira seit 2006 erfolgreich versucht, seine Vision von der Produktion von bemerkenswerten Stillweinen auf Madeira umzusetzen, ein Kampf im Schatten und Nebel der berühmten Madeira-Likörweine und 56 teilweise extrem sturen Mini-Erzeugern, die lieber die Trauben nach Funchal an Madeirawein-Erzeuger verkauften, als an das eigene Potential um Sao Vicente zu glauben. Aber Antonio Oliveira war der richtige energische Mann zur richtigen Zeit vor Ort und seine Überzeugungsarbeit gipfelte nicht nur in seinem 12 Hektar Weingut mit Zugriff auf fantastische alte Rebanlagen an steilen Hängen, sondern auch mit der Gründung der Appellation Madeirense DOP. Endlich tauchen auf den Weinkarten in Funchal auch weiße und rote Stillweine aus Madeira auf, dass ich das noch erleben darf, großartig!

 

Madeira

Fonte d’Areia 2022, Madeirense DOP, Quinta do Barbusano, Sao Vicente, Madeira

Goldgelbe Farbe, benötigt etwas Luft, dann öffnet sich der Wein mit tollen Eindrücken nach floralen Noten, dazu etwas Honig, Zitrone und  nassem Stein in der Nase, im Mund viel Spannung, wenig Frucht trifft auf feine Säure und viel Mineralik, dazu wieder feine Honignoten , harmonisch und in einem süffigen und würzigen Abgang mit feiner Grapefruitnote endend, toller Wein zu Fisch, Austern oder Petiscos (Tapas), hat mir auch bei der Nachprobe zuhause zu indischem Geflügelsalat super gefallen, aber den Fisch beim „O Velho Pescador“ werde ich nicht so schnell vergessen! Großes Lob und mein Tipp für Funchal! 

 

Madeira

Nach Unterkunftswechsel: ein neuer Blick auf Funchal!

Nach zwei Wochen in der großartigen Albergaria Dias war aus alter Verbundenheit ein Umzug in meine geliebte historische Oberstadt in die Vila Teresinha angesagt, in der ich auch schon einige Wochen meiner vergangenen Madeira-Urlaube verbracht hatte. Senhor Agostinho Nunes de Freitas und Frau sind super nette Gastgeber, ich bekam ein Zimmer mit Balkon und Ausblick und konnte über einen tollen Aussichtspunktplatz mit uralten Bäumen schnell die historische Quinta das Cruzes mit wunderschönem Park, das Santa Clara Kloster, Museen und die Kirche Sao Pedro in der Oberstadt erreichen. Der Museumspark der Quinta das Cruzes wurde noch mein Lieblingsort, hier konnte ich mich vom reichhaltigen Frühstück der Vila Teresinha erholen und das Meer sehen. Mittags kehrte ich auch gerne im Bistro ein, ebenfalls sehr freundliche und fröhliche Menschen dort.

 

Madeira

Zwei Lieblingsorte: Parkbank und Cafetaria do Museu Quinta das Cruzes

 

Madeira

Im Park der Quinta das Cruzes

 

Madeira

Atlantik-Blick…

Über eine extrem steile Straße, die „Straße des gebrochenen Genicks“, konnte ich abwärts schnell die belebte Rua da Carreira erreichen. Francisco ist mit seinem Weinbistro „A Carreirinha“ leider nicht mehr dort, dafür hat der großartige Koch Luis Oliveira mit seinem Bruder hier sein tolles Restaurant Olives im 1. Stock eines schönen alten Hauses eröffnet. Gefühlt war das Olives bei jedem Madeira-Besuch an einem anderen Ort in Funchal, aber ich bin Luis immer treu gefolgt und habe Ortskenntnisse gewonnen, nun habe ich aber die große Hoffnung, dass die Beiden sesshaft werden, das Restaurant ist stilvoll eingerichtet, das Essen super und es gibt drei Tische auf gusseisernen Balkonen zur Gasse hin.

 

Madeira

Restaurante Olives, Rua da Carreira 116, 1. Stock, Funchal

Und mal wieder eine PGV (Preis-Genuss-Verhältnis)-Weinentdeckung aus Portugal, hellgelber Wein, florale Noten, aber auch Pfirsich, Orange und Mandeln, im Mund überraschend trocken, kreidig-kalkig mineralisch, mit etwas Frucht (Grapefruit) und auch zurückhaltender Säure, mit feinwürzigem Abgang, toller Speisenbegleiter zu Fisch, Meeresfrüchten oder Salaten. Mutige Abenteurer kombinieren ihn auch gerne mal mit Lamm. Gemischter Satz aus den Rebsorten Rabigato, Codega do Larinho, Viosinho und Verdelho, unbedingt probieren!

 

Portugal

Quinta de Porrais 2022, Douro DOC, Sociedade Agricola Quinta de Porrais,  Carlao, Douro

5 Hektar Weingut im spektakulären Weinanbaugebiet am „Portwein“-Fluss Douro, teilweise 65 bis 100 Jahre alte Rebstöcke auf steilen Felsterrassen, 600 Meter über Null, früher im Besitz der fantastischen Casa Ferreirinha, die immer noch die berühmtesten Weine Portugals erzeugt, aber warum gibt man solch einen Schatz ab? Wahrscheinlich war ein wenig Kleingeld im Spiel, die immer noch als Familienunternehmen geltende Casa Santos Lima-Gruppe kauft gezielt Weingüter auf, stärkt dann aber den Markennamen des Weinguts im Portfolio und lässt eine gewisse Unabhängigkeit zu, hier ist es der Winzer Diogo Sepulveda mit Team, der die Casa Santos Lima-Gruppe als PGV-Meister (viele best-buy-Käufe in Portugals Weinzeitschriften) unterstützt. Der Gruppe gehören mittlerweile 290 Hektar Rebflächen und einige klangvolle Weingüter, wie Quinta da Boavista, Quinta de Bons Ventos oder Quinta das Amoras. Das Familienunternehmen exportiert mittlerweile 90% der jährlich hergestellten Weine in 40 Länder auf 5 Kontinenten.   

 

 

Portugal

Herdade do Cebolal Vinha da Casa Branca 2019, Herdade do Cebolal, Vale das Eguas Caixa, District Setubal

Eigentlich war ich am nächsten Abend auf dem Weg auf das Dach des modernen Einkaufszentrum, das ich von meinem Balkon aus sehen konnte, es sah so aus, als wäre da eine rooftop-Bar. Auf dem Weg bemerkte ich, dass die Weinbar „Ameu.gosto“ tatsächlich mal geöffnet hatte. Natürlich musste ich da einkehren, ich hatte schon zwei oder drei Mal vor verschlossener Tür gestanden, etwas unregelmäßige und vom Schild an der Tür abweichende Öffnungszeiten. Und ich sollte es nicht bereuen, ich bekam einen tollen und speziellen Weißwein serviert.

Läuft fast zähflüssig ins Glas, zitronengelbe Farbe, irre Nase nach Kiefernzapfen, Honig, Basilikum und Minze, im Mund sehr schöne Mineralnoten, Frucht nur angedeutet im Hintergrund, feine Säure, dazu super süffig und mit langem schmelzig würzigen Abgang, ein echter Champion!

Die 1890 gegründete Herdade do Cebolal besitzt ca. 20 Hektar Rebflächen und liegt ca. 10 km vom Meer entfernt noch knapp im Distrikt Setubal im Dorf  Vale das Eguas Caixa. Ein paar Kilometer südlich beginnt schon der Alentejo. Winzer Luis Mota Capitao ist mittlerweile als 5. Generation am Steuer, unterstützt von Eltern und Frau. Man kann auf teilweise sehr alte Reben zurückgreifen und profitiert von besonderen Böden und einem Mikroklima durch die Meeresnähe. 

 

Madeira

Rooftop-Bar, Hotel „The Vine“

Unten am Fahrstuhl des Hotels „The Vine“ war niemand, ich drückte einfach mal auf den Knopf mit dem höchsten Stockwerk und fuhr hinauf. Portugiesen und Madeirenser lieben moderne Einkaufszentren, normalerweise gibt das spannende Kontraste zwischen alt und neu, leider verfällt das angrenzende Altbauviertel immer mehr, was ich sehr schade finde. Die Fahrstuhltür öffnete sich und ich hatte einen atemberaubenden Panormablick über große Teile Funchals. Dazu eine Bar, in der es Austern und portugiesischen Espumante aus Baga-Trauben gab. Herrlich, allerdings verlor der Espumante schnell an Form und erinnerte sehr an einen kraftlosen Prosecco, der Eindruck verstärkte sich immer mehr und ich beschloss, über einen portugiesischen Weinhändler aus Porto das eigentlich spannende  Thema noch mal zuhause anzugehen. Ich bestellte 3×2 hochwertige Espumante, leider hatte ich die Rechnung ohne den Paketlieferer DPD gemacht. 

 

Madeira

Rooftop-Bar, Hotel „The Vine“

Trotz korrekter tracking-Infos, „bitte holen sie ihr Paket im Shop ab“ , blieb das Paket verschwunden, wahrscheinlich gestohlen oder so stark beschädigt, dass es einfach entsorgt wurde, kann alles passieren, aber die Begleitumstände dann doch sehr befremdlich und Gift für meine Motivation hier. Der Vorgang läuft immer noch, ich habe mittlerweile noch ein anders Paket beim portugiesischem Weinhändler bestellt (Risiko!, Paket kam aber zügig mit DHL), um den Beitrag hier abschließen zu können. Das Thema Espumante aus Portugal muss ich leider verschieben. Immerhin habe ich in der Bar noch Inspiration gefunden, seht ihr auf dem Bild die schnurgerade Straße rechts, die steil den Berg hochführt? Das ist die alte Bahnstrecke, eine dampfbetriebende Lok quälte sich bis zu einem katastrophalen Unfall (Kesselexplosion) den Berg bis Monte hoch. Am nächsten Tag marschierte ich auf der ehemaligen Bahnstrecke bis Monte und auch wieder runter, war ganz stolz, dass ich das geschafft habe. 

 

Madeira

Ehemalige steile Bahnstrecke in Funchal!

Am nächsten Tag dann noch ein Treffer beim Mittagessen in der Quinta da Casa Branca. Einige schöne Quintas (Landgüter) in Funchal mit schönen Gärten und altem Baumbestand wurden in noble Ressorts mit viel Flair umgebaut. Auch Gäste von außerhalb dürfen bei Nachfrage die gastronomischen Angebote nutzen und ich war  nach dem letzten Gewaltmarsch sehr froh über ein wenig Entspannung mit einem interessanten Wein.

 

Madeira

Mittagessen in der Quinta da Casa Branca, Funchal mit Verdelho Terras do Avo.

Madeira

Verdelho 2018, Terras do Avo, Madeirense DOP, Duarte Caldeira e filhos, Seixal Wines LDA, Seixal, Madeira

Zitronengelb im Glas, in der Nase florale Töne, Zitrone, etwas Honig und Mineraltöne, am Gaumen sehr trocken, frische Säure, Zitrusfrüchte, langer salziger Abgang, idealer Essensbegleiter zu Fisch oder Meeresfrüchten.

 

Madeira

Garten der Quinta da Casa Branca.

Im Jahr 2008 gegründetes 3,5 Hektar Familienweingut in Seixal an der Nordküste Madeiras, der Ingenieur für Agrartechnik Duarte Caldeira und seine Tochter Sofia beschlossen, die Trauben vom Großvater geerbten verstreuten und terrassierten Parzellen selbst zu ernten und zu verarbeiten. Schwer zu erreichende und steile Rebzeilen erlauben nur aufwändige Handarbeit. Mit etwas Zukauf von anderen Kleinwinzern kommt man zur Zeit auf einen jährlichen Flaschenausstoss von ca. 35000 Flaschen, seit 2016 auch Produktion von Espumante (ca. 1200 Flachen). Genau wie im benachbarten Sao Vicente (Weingut Barbusano) wunderschöne Landschaft, viel Wind, dabei mild und feucht, sehr steinige Böden vulkanischen Ursprungs.   

 

Madeira

Essencia do Vinho.

Und dann auch mal großes Glück, die Weinmesse „Essencia do Vinho“ im 5 Sterne Hotel Savoy Palace tatsächlich kurz vor meiner Abreise, mein Spezi Francisco hatte auch noch mal Zeit, da war die Vorfreude groß! Treffen mit Francisco in der Rua da Carreira an alter Wirkungsstätte und schöner Spaziergang zum Luxushotel. Francisco kennt unglaublich viele Leute in Funchal und auf der Weinmesse kannte er auch alle Winzer Madeiras und viele Mitarbeiter, sehr beeindruckend! Zusätzlich zu den heimischen Produzenten waren noch einige Winzer von den Azoren und Festland-Portugal zur Messe gekommen. Der Beitrag ufert schon wieder aus, deshalb hier nur meine absoluten highlights.

 

Madeira

Espumante 2022 Terras do Avo Pai 80, Adega de Sao Vicente, Seixal Wines LDA, Seixal Madeira

Zu Ehren des 80. Geburtstages des Vaters Duarte Caldeira ein Luxus-Espumante (100% Verdelho) von Tochter Sofia (auf der Messe anwesend) kreiert. 

Goldgelb im Glas, schöne straffe Perlage, in der Nase Zitrone, Toast, Kekse, Orangenzeste und Mineraltöne, im Mund elegant und frisch, schöne Pfirsichnoten, feiner salziger Abgang. Hat mir extrem gut gefallen! 

 

Madeira

Weine der Companhia de Vinhos dos Profetas e Villoes (habe einen Rechtschreibfehler auf der Messe gefunden!).

Mein Favorit auf der „Essencia do Vinho“ wieder ein Projekt von Portugals Weinmacher des Jahres 2018 und Tausendsassa Antonio Macanita. Mit seinem madeirensischen Freund Nuno Faria hat er die alten (ca. 80 Jahre) Weinreben Caracol und Listrao auf Porto Santo (benachbarte Strandinsel Madeiras) gefunden und gleich ein neues Projekt daraus gemacht. Die Companhia de Vinhos dos Profetas e Villoes verarbeitet die handgelesenen und  raren Trauben auf Madeira und füllt sehr kleine Mengen ab. In dem zweiten gelieferten Paket aus Porto ein kleiner Schatz für die Nachprobe. 

 

Madeira

Companhia de Vinhos dos Profetas e Villoes, Caracol, Listrao und Tinta Negra  (alles Jahrgang 2022), Antonio Macanita e Nuno Faria, Porto Santo und Madeira

Die an der Kapsel zugewachsten Flaschen im schönen Style des berühmten Madeira-Likörweines, aber es sind zwei Weißweine und ein Rotwein, der Rose-Wein war leider schon ausverkauft, Anspielungen auf die Bewohner Porto Santos (Profetas) und Madeiras (Villoes). 

Flasche 1103 von 4733, 100 % autochthone Rebsorte Caracol von der Insel Porto Santo, goldgelb im Glas, blumige Noten, Jod, Bienenwachs und ein Hauch Pfeffer in der Nase, im Mund sehr frisch mit guter Säure und salzigen Noten, etwas Limette, sehr süffig und schon in guter Frühform, schmelziger und sehr langer intensiver mineralischer Abgang, ein kleines Meisterwerk, super! Stell ich mir traumhaft zu Austern vor! 

Flasche 1369 von 2270, 100% autochthone Rebsorte Listrao von der Insel Porto Santo, zitronengelb im Glas, Bouquet nach floralen Noten, Bienenwachs und Mineraltönen, sehr dicht und cremig am Gaumen, perfekt eingebundene Säure, trotz der Jugend schon herrlich ausgewogen und harmonisch, kein Trinkwiderstand, verblüffende Salzigkeit, die die feine Zitrusfrucht und etwas Quitte im Hintergrund hält, null Bitternoten, dafür ein ultralanger feinwürzig-schmelziger Abgang, hier das große Meisterwerk, ein masterpiece!, ein Ausnahmewein, gerne pur, zu Fisch, zu Austern, zu raffinierten Salaten, großes Lob vom Weinschank!    

Der Rotwein von alten, nah am Meer stehenden Tinta Negra-Rebstöcken auf Madeira, die eigentlich bei der Madeirawein-Erzeugung immer im Schatten der big five (Sercial, Verdelho, Terrantez, Boal und Malvasia) standen, nun aber sowohl beim Madeira als auch beim Rotwein mit viel Potential in mutigen Experimenten überraschen.  Flasche 5236 von 6600, transparentes Rubinrot, komplexe Nase nach Erdbeere, Kirsche, Rosenblättern, nassem Stein und etwas Pfeffer, im Mund frische Säure, kühler Eindruck, etwas Frucht und weiche Tannine, dazu Räucherspecknoten und ein ganz langer Abgang mit salziger Mineralität. Faszinierender Rotwein, so ein feiner und mineralischer Stil hat mir auf Madeira gefehlt, Glückwunsch an die beiden Freunde Antonio Macanita und Nuno Faria und unbedingt die Weine probieren!

 

Madeira

Terrantez 20 anos, Vinho da Madeira, Henriques + Henriques, Camara de Lobos, Madeira

Ein Meisterwerk aus der raren Rebsorte Terrantez von Henriques + Henriques aus Camara de Lobos, unser Francisco, eigentlich eingefleischter Justino’s-Fan, war völlig aus dem Häuschen!, was ich gut verstehen konnte. Transparenter bräunlicher Einschlag, sehr expressive Nase nach Pflaume, Nüssen, Trockenfrüchten, Leder, Gewürzen und einem Hauch Vanille, im Mund sehr ölige Konsistenz, halbtrocken, die feine Süße wird durch Säure gepuffert, Kirsche, dunkle Beeren, Karamell, Rosinen und sogar Lakritz. Feiner und schmelzig langer Abgang mit Mandelaroma, ein großartiger Madeira! Wie ich später erfahren habe, ist Francisco gleich beim Weingut vorstellig geworden und hat den Wein Weihnachten seiner Familie präsentiert, ich mag das sehr, wenn ein Wein so einen Eindruck hinterlässt! 

Schöne kleine Weinmesse, tausend Dank auch noch mal an Francisco, der mich wie immer beim Thema Wein sehr inspiriert hat. Ich hoffe, dass man sich möglichst bald wiedersieht.

 

Madeira

Meine schöne Madeira-Zeit, rasend schnell wie eine Schlittenfahrt vorbei!

Dann ging es leider nach Hause, drei wunderbare Wochen so schnell vorbei, beim Verlassen des Flughafens in Düsseldorf dann grimmiger Temperatursturz  und sofort mein Entschluss, möglichst schnell nach Madeira zurück zu kommen. Wegen der lausigen Kälte in der Heimat, wird der nächste Beitrag nur von Rotweinen handeln. Lasst Euch überraschen und bleibt dabei!

Veröffentlicht unter Alentejo DOC, Dao D.O.C., Douro D.O.C., Madeira, Madeirense D.O.P., Peninsula de Setubal, Portugal, Unterregion Moncao e Melgaco, Vinho Verde D.O.C. | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

Kalk und Kreide, reif für die Insel!

 

Rügen

Villa Fernsicht, Sassnitz, Rügen

Es ging für zwei Wochen nach Sassnitz auf Rügen. Sassnitz hat noch viele Villen im Bäderarchitekturstil und nach viel Recherche meiner Freundin, konnten wir tatsächlich eine traumhafte und aussichtsreiche Ferienwohnung hoch über der Altstadt beziehen. 

 

Rügen

Ferienwohnung Nr. 3, Villa Fernsicht, Sassnitz

Die Altstadt ist sehr klein und ein Kopfsteinpflasterweg schlängelt sich steil abfallend runter zur Ostsee. Bei meinen Gastronomie-Recherchen war mir vor der Reise ein kleiner Laden in der Altstadt aufgefallen, der Weine von diversen Inseln anbot. Gar keine schlechte Idee und vielleicht der rote Faden für diesen Beitrag hier? Neben ein paar Inselweinen packte ich aber auch Weine der Genussbar aus der Kalkstadt Wülfrath ein, die ich endlich mal in Ruhe verkosten und beschreiben wollte. Es war also mal wieder alles weintechnisch angerichtet, ich war unabhängig von der Gastronomie und konnte entspannt nach vorne blicken.

 

Rügen

In der Altstadt von Sassnitz.

Ganz stolz war ich auf den korsischen Inselwein aus der Genussbar Wülfrath, mit diesem Wein wollte ich spektakulär eröffnen und eine Brücke zwischen den beiden Themen bauen. Ich hatte mich schon gewundert, Albarino aus Korsika?, beim zweiten Blick aufs Etikett stellte ich dann fest, manchmal liest man das, was man lesen will. Das 5 Hektar Bio-Weingut der Familie Fernandez heißt Corisca (von wegen Corsica) und kommt aus Galicien, D.O. Rias Baixas. Es liegt in Tui, Pontevedra, am Grenzfluss Rio Minho, der Portugal von Spanien trennt. Auf der spanischen Seite werden Albarino-Reben angebaut, die auf mineralischen Böden aus Sand, Kies oder Granit wachsen. Corisca ist galicisch und bedeutet „Orkan mit Regen und Hagel.“ Auf der anderen Seite des Rio Minho liegt ein paar Kilometer flussaufwärts das portugiesische Örtchen Moncao mit dem Weingut Solar de Serrade. Hier im blog wurde von mir schon ein toller Alvarinho 2018 vorgestellt. Nun also von der spanischen Seite ein Albarino.

 

Galicien

Albarino 2021, Bodegas Corisca, D.O. Rias Baixas, Tui, Pontevedra, Galicien

Zitronengelb im Glas, überzeugt der Albarino mit einer schönen Nase nach grünem Apfel, Melone, Blüten und etwas Honig, im Mund Zitrusaromen, bei feiner Säure, aber auch salzig und erdige Töne, die in einem langen mineralisch würzigen Abgang enden. Schöner Speisebegleiter zu Salaten mit Meeresfrüchten, Fisch oder auch Austern. 

 

Portugal

Zwei Weine von den Azoren, Tinto Vulcanico 2021 und Isabellla a proibida 2018,  Antonio Macanita, Azores Wine Company

Ich hatte zwei Weine von den Azoren besorgt, Weine vom Multitalent Antonio Macanita, der durch seine Projekte im Alentejo, Dao , Douro und eben auch auf den Azoren immer mehr Aufmerksamkeit findet und schon als Vierzigjähriger als ganz großer winemaker Portugals gilt. Er versucht, mit Trauben aus alten autochthonen Rebstöcken echte Terroirweine zu machen. Ich war sehr gespannt, wie er das raue atlantische Klima, die Vulkanböden und die Besonderheit der Rebsorten von den Azoren in seinen Weinen abbilden würde.

Der Tinto Vulcanico 2021 ist ein gemischter Satz aus den Rebsorten Aragonez, Castelao, Merlot, Touriga Nacional und Syrah, hellrote Farbe, dabei transparent, spannende Nase nach roten Früchten, Hagebutte, nassem Stein, Pfeffer, Jod und Tee, im Mund etwas Frucht, die von hoher Säure und viel Würze und Salzigkeit dominiert wird, sehr kühl, frisch und elegant wirkend, das Finale bildet ein sehr langer und mineralischer Abgang, ein besonderer Wein von vulkanischen Böden, den man auch blind dem Meer zuordnen würde. Vielleicht nicht gerade für den klebrigen Primitivo-Fruchttrinker geeignet, aber für mich absolut spannend und empfehlenswert.  

Sehr interessant auch der Rotwein „Isabella a proibida“ 2018, Isabella ist eine alte Hybridsorte, die von der EU offiziell für die Erzeugung von Qualitätsweinen nicht zugelassen ist. Deshalb das „a proibida“ (verboten) auf dem Etikett. Auf den Azoren (drei Inselgruppen, wusstet Ihr, dass die westliche und die östliche Gruppe 600 km auseinander liegen?) hängen an der Rebsorte aber viel Kultur, Folklore und Bräuche. Im Glas überraschend hellrot und transparent, in der Nase das volle Programm, Hagebutte, Pfeffer, Granatapfel, Rauch und Speck. (Habe lange gegrübelt, bei welcher Rebsorte oder bei welchem Wein ich schon mal einen ähnlichen Geruch wahrgenommen habe. Irgendwann bin ich dann auf die Piemont-Rebsorten Ruchè, Grignolino und Freisa gekommen). Auch im Mund bleibt es besonders, etwas Sauerkirsche, dann hohe Säure, sehr kühler Eindruck, viel Würze, sogar Schinken, der Wein erinnert mich ein wenig an das berühmte Schlenkerla-Rauchbier aus Bamberg, langer mineralischer Abgang, Freakwein!, Vorsicht!, aber absolut probierenswert. Wirklich ein besonderer Wein, ich mag ihn sehr! 

 

Rügen

Kreideküste Stubbenkammer, spektakuläre Wanderwege, oben wie unten!

Mittlerweile hatte ich den Laden mit den Inselweinen in der Sassnitzer Altstadt besucht und mich durch die offenen Weine aus Sardinien, Sizilien, Samos und anderen Inseln probiert, die Idee ist ja eigentlich super, die offenen Weine waren es weniger, es gab aber auch noch eine richtig große Flaschenauswahl zum Thema Inselwein für die Verkostung in der Ferienwohnung zu kaufen. Aber nach der ersten Wanderung an der Kreideküste wollte ich nur noch eines: Champagner von Kreideböden aus der Genussbar Wülfrath! Die nette Idee mit den Inselweinen auf der Insel verwarf ich, ich wollte endlich die mitgebrachten Weine probieren!

 

Champagne

Champagner Blanc de Blancs,2017, Robert Barbichon und Champagner Rosé Extra Brut 2019, Leclerc Briant

Das 9 Hektar Champagner-Gut Robert Barbichon liegt im südlichsten Teil der Appellation Champagne, der Cote des Bar, ca. 100 km von Epernay entfernt und stößt schon an die nördliche Grenze des Burgunds. Hier fließen die Flüsse Aube und Seine und die wunderschöne Landschaft hat mit der Departement-Aube-Hauptstadt Troyes eine lange Champagner-Vergangenheit, auch wenn Werbestrategen der nördlicher gelegenen großen Champagnerhäuser die Cote des Bar gerne als zweitklassig abtaten. Das war ungerecht und Erzeuger wie Robert Barbichon (mittlerweile ist die 3. Generation mit Thomas und Maxime am Steuer) treten immer mehr ins Rampenlicht. In Gujé-sur-Seine werden ca. jährlich 60 000 Flaschen produziert, seit 2005 ist man biologisch zertifiziert, teilweise arbeitet man mit Pferden in den Weinbergen, ein kleiner und feiner Musterbetrieb.

Blasses Strohgelb, der Champagner (85% Chardonnay und 15 % Pinot Blanc) mit feiner Perlage und schöner Nase nach Hefe, Brot, Apfel, Mandel und Mineralien, sehr klar und schlank, schöne Zitrusfrucht, die von viel Würze und Salzigkeit umgeben ist, langer würziger Abgang, alles sehr harmonisch und schmeichelnd, ein toller Champagner! 

 

Rügen

Königsstuhl, Rügen

1872 von einem Lucien Leclerc in Ay in der Champagne gegründet, etablierte sich Leclerc als angesehenes Winzerchampagnerhaus bis 1950. Dann erfolgte in 4. Generation durch Bertrand Leclerc und seiner Frau Jacqueline Briant eine spektakuläre Neuausrichtung. Man zog nach Epernay in ein stilvolles Haus mit noch stilvolleren und vor allen Dingen riesigen Kellern um (Platz für ca. 800 000 Flaschen) und firmierte nun als Champagnerhaus und Négociant (Handelshaus) Leclerc-Briant. Den gewonnenen Spielraum nutzte Bertrand Leclerc nicht für Gewinnmaximierung durch Massenproduktion, sondern startete schon in den 60er Jahren erste Versuche des biologischen Weinanbaus. Sein Sohn Pascal schaffte es in den 90ern dann, eigene Weinberge und Weinberge von verbundenen Winzern auf biodynamischen Weinbau umzustellen und die Biozertifizierung zu erreichen. Nach seinem plötzlichen Tod 2010 verkauften die Erben die Hälfte der eigenen Weinberge (fast ausschließlich Cru-Lagen), so dass die neuen amerikanischen Besitzer Mark Nunnelly und Denise Dupré mit ihrem französischen Generaldirektor Frédéric Zeimett nun noch auf ca. 13 eigene Hektar Weinberge zurückgreifen können. Zusätzlich liefern verbundene Winzer gemäß der Philosophie des Hauses Trauben oder werden exklusiv über Leclerc-Briant vertrieben.

Der Rosé-Champagner aus 93% Chardonnay und 7% Pinot Noir dunkelrosa im Glas, in der Nase schöner Hefeton, aber auch Erd- und Himbeere und florale Töne, im Mund feine Perlage, gute Struktur und Mineralität, angriffslustige Säure im Hintergrund, schöne Apfel- und Zitrusaromen, langer Abgang, schöner Champagner als Apertif oder auch als Essensbegleiter (z.B. Jakobsmuscheln, Austern, asiatische Gerichte aus dem Wok, Lachs).

 

Burgund

Bourgogne Aligoté Pariot 2021, Clément Lavallée und Bourgogne Aligotè 2020, Anne Boisson

Auf Ton-, Lehm- und Kalkböden im Burgund wächst die Rebsorte Aligoté, lange Zeit stand sie im Schatten von Chardonnay und Pinot Noir und wurde immer mehr verdrängt, bis Großmeister Aubert de Villaine (Romanée-Conti) und einige talentierte Jungwinzer sich ihrer annahmen und wieder großartige Qualitäten herstellten. Mittlerweile sind wieder ca. 2000 Hektar mit Aligoté bestockt und ich freute mich sehr, mal zwei vielversprechende Exemplare verkosten zu dürfen.

Nach Lehr- und Wanderjahren ist der junge Clement Lavallee in seine Heimat zwischen den Städten Chablis und Auxerre zurückgekehrt und bewirtschaftet nun rund um den Ort Saint-Bris le Vineux ca. 5 Hektar Rebflächen. 2019 war wohl sein Erstjahrgang, Verzicht auf Chemie und Insektizide, biodynamische Weinerzeugung, seine Aligoté-Rebstöcke sind um die 35 Jahre alt, 60% der Trauben kommen in den Stahltank, 40% in gebrauchte Holzfässer.

Der 2021er Bourgogne Aligoté Pariot von Clément Lavalée blassgelb im Glas, schöne Nase nach Apfel, Zitrusfrüchten, auch florale Töne, im Mund wieder Zitrusfrucht, umgeben von feiner Säure und mineralischen Nuancen, fruchtig-würziger Abgang. Sehr schöner Wein!

 

Rügen

Altstadt Sassnitz vom Wasser aus gesehen.

Vater sein ist auch im Burgund nicht leicht, die beiden hochtalentierten Kinder von Bernard Boisson, Anne und Pierre, wollten schon sehr früh eigene Wein-Wege gehen, die elterliche Weinlinie des Weingutes Boisson-Vadot in Mersault spielte bei den Beiden immer mehr nur noch eine untergeordnete Rolle. Anne Boisson überzeugte schnell mit großartigen eigenen Rot-und Weißweinen in kleinen Auflagen, dabei glänzte sie auch mit Aligoté-Weinen.  2018 ging Vater Bernard endgültig in Rente und vererbte seine restlichen Anteile an Toplagen an seine Kinder. Die weitere Entwicklung bei den Boissons bleibt dynamisch und spannend, auch wenn die erzeugten Mengen sehr gering (und dadurch hochpreisig) bleiben werden.   

Der Bourgogne Aligoté 2020 von Anne Boisson strohgelb im Glas, verhaltende Nase, benötigt sehr viel Luft, um dann schöne Nuancen von  Apfel, Zitrone, Honig und Vanille zu zeigen, im Mund voller Körper mit mächtiger mineralischer Konzentration gepaart mit viel Säure,  viel zu früh geöffnet, viel zu jung und ungestüm, sehr trocken, zitrisch, langer Abgang mit etwas Bitterkeit, da benötigt man einfach noch Geduld, fantastische Anlagen, es fehlt einfach nur Zeit zur weiteren Harmonisierung. Kein Aligotè zum schnellen Verbrauch, gehört aber als Musterwein in jeden Keller und wird als mineralischer Essensbegleiter immer besser. 

 

Rügen

Geologische Besonderheit auf Rügen: die Feuersteinfelder. Ewiger Kampf gegen die Verbuschung.

Nach diesem geologischen Ausflug in die Feuersteinfelder wollte ich natürlich weitere Weine im aussichtsreichen Wintergarten der Villa Fernsicht verkosten, meine Freundin wollte aber endlich mal an die berühmten Strände Rügens. Und da bietet die Ostküste südlich von Sassnitz um Prora, Binz, Sellin und Göhren einiges.

 

Rügen

Strand bei Sellin

 

Rügen

Strand bei Prora

Weiter nördlich von Sassnitz und Königsstuhl ebenfalls kilometerweit Strand und eine ganz besondere Geschichte. Die kommt sofort, aber vorher noch ein schöner Rotwein aus der Genussbar Wülfrath, den ich im Garten der Villa Fernsicht fotografiert und im Wintergarten dann nach Strandbesuch verkostet habe. 

 

Frankreich

Pinot Noir 2018, Bourgogne AOC, Pascal Bouchard, Chablis, Burgund

Pascal Bouchard ist ein 33 Hektar Bioweingut mit Sitz in Chablis und dadurch natürlich auch Weißwein-Spezialist. Allerdings besitzt man auch Pinot-Noir bestockte Flächen Richtung Auxerre auf Kalkböden. Die Brüder Damien und Romain Bouchard profitieren als 5. Familiengeneration von der Einbringung von zusätzlichen Rebflächen durch Joelle Tremblay, der Ehefrau von Vater Paul Bouchard. 

Der Pinot Noir 2018 leuchtet rubinrot im Glas, transparent, feine Nase nach Erdbeeren, Kirschen und schwarzen Johannisbeeren, etwas Vanille und Rauch, dazu Pfeffer, im Mund wirkt er erst leicht, um dann tiefe Kirschfrucht und tolle Mineralspuren zu zeigen, feine Tannine und gut eingebundene Säure, schöne Länge mit fruchtig-würzigem Abgang, toller Basiswein, Erzeuger unbedingt merken und weitere Weine aus dem Sortiment probieren!

 

Rügen

Das Schlimmste blieb mir  zum Glück erspart!

Nach so viel Strand hatte ich mir noch einen zweiten Probewein verdient, ich entschied mich aus den schmelzenden mitgebrachten Beständen der Genussbar Wülfrath für einen Pinot Noir 2019 vom 11 Hektar Weingut Francois Confuron-Gindre aus dem berühmten Wein-Örtchen Vosne-Romanée. Das Weingut (gehört zu den unabhängigen Winzern) besitzt viele ältere Rebstöcke zwischen 40 und 80 Jahren, in teilweise berühmten und sündhaft teuren Lagen um die Orte Vosne-Romanée, Gevrey-Chambertin und Nuits-Sant-Georges.

 

Burgund

Pinot Noir 2019, Bourgogne AOC, Francois Confuron-Gindre, Vosne-Romanée, Cote-d’Or, Burgund

Der Pinot Noir 2019 Basiswein des Weingutes kirschrot im Glas, transparent, in der Nase viel Kirsche, etwas Himbeere, dazu Pfeffer, erdige Töne und ein Hauch Vanille, im Mund fruchtig mit guter Säurestruktur, feinen Tanninen, elegant und warm, langer Abgang mit Mineraltönen. Ebenfalls ein sehr gelungener Einstieg in die Welt der Burgunder, Erzeuger auch unbedingt merken!

 

Rügen

Hotel Ostseeperle, Glowe

Besuch bei meinem ehemaligen Dortmunder Klassenkameraden und heutigen Hotelbesitzer Arne in Glowe und seine spannende Erfolgsstory: nach der Wende als junger und neugieriger Architekt auf den Spuren des Vaters (gebürtig aus Vorpommern) viel auf Rügen unterwegs, stieß er irgendwann auf das abrissgefährdete Objekt im Vordergrund des Bildes, das ehemalige Restaurant Ostseeperle des berühmten DDR-Bauingenieurs und Schalenbeton-Baumeisters Ulrich Müther. Mit seiner kühnen, materialsparenden und modernen Bauweise schuf Müther über 70 Objekte in der ehemaligen DDR und befreundeter Staaten, von denen leider 30 Objekte nicht mehr erhalten sind. Nach Bekundung seiner Kaufabsichten bei der Gemeinde Glowe hörte Arne monatelang erst mal nichts mehr und hatte das Objekt eigentlich schon gedanklich abgehakt, um dann von einem Angebot mit extrem kurzer Entscheidungsfrist überrascht zu werden. Trotz hoher finanzieller Risiken unterschrieb er den Kaufvertrag und schaffte es mit viel Eigeninitiative die „selbsttragende Hyparschale“ Ulrich Müthers für einen Besuch von Kreditgebern her zu richten. Der von mir selbst erlebte fantastische Sonnenuntergangsblick  aus der Fensterfront heraus und die Beharrlichkeit des neuen Besitzers überzeugte die zuerst skeptischen Geldgeber schließlich und der Weg für Arnes Pläne waren frei: ein sich behutsam anfügender Hotelneubau im Hintergrund und die Renovierung und Neueröffnung des „Sonnensegels“ als Restaurant. Eine neue Ostseeperle! Auch privat hat Arne sein Glück auf Rügen gefunden und wohnt mit Familie in Putbus. Dank vom Weinschank für die schöne Geschichte und ich merkte  dann erst einmal, wie viele Spuren Ulrich Müther an der Ostküste Rügens hinterlassen hat und wie viele Objekte des „Hyperbolischen Paraboloidschalen“-Pioniers wahrscheinlich durch den  Mut und Pioniergeist meines ehemaligen Klassenkamerades indirekt gerettet wurden.  

 

Rügen

Muschel von Ulrich Müther an der Kurpromenade, Sassnitz.

Aber nach Identifizierung der „Muschel“ in Sassnitz als echten Müther, Rückkehr  von der Architektur zum Weinthema und auf zur großen Fotosession am Eingang des spektakulären Uferweges Richtung Kreideküste. Immer wieder schön und spannend, wenn sich wandernde Passanten anstatt an Totholz an aufgestellten Weinflaschen festhalten wollen!

 

Rügen

Drei Beaujolais-Weine aus der Rebsorte Gamay am Kreideküsten-Ufer in Sassnitz.

Jean-Guillaume und Jean-Philippe Bret sind die „Bret Brothers“, nach der Übernahme des elterlichen Weingutes „La Soufrandière“ in Vinzelles (Burgund) starteten sie ab 2013 ein zweites Projekt, bei dem es um die möglichst natürliche Weinbereitung geht. Bei der Weinlinie mit dem  Zusatz „Zen“ wird auf Schwefel verzichtet, es werden nur handgelesene Trauben aus biozertifizierten Anbau verarbeitet, es wird das Verfahren Macération semi-carbonique genutzt und die Trauben werden 9 Monate in gebrauchten Eichenholzfässern ausgebaut. Die Brüder sind mittlerweile mit 20 Cuveés aus den Appellationen Macon, Viré-Clissé, Saint-Véran, Pouilly-Loché und seit 2013 auch dem Beaujolais unterwegs.

Der „Men in Bret“ 2021, Cuvee Zen, Auflage 3002 Flaschen, enthält Gamay aus den Rebflächen von vier verschiedenen Beaujolais-Dörfern. Im Glas hellrot und transparent, in der Nase Erdbeere, Kirsche, Kräuter, Zimt, Pfeffer und flüchtige Säure, am Gaumen viel Frucht, animierende Säure, weich und seidig, spannungsgeladen, aber auch viel Trinkfluß, Freakwein, den ich sehr mag! Leicht angekühlt macht der Wein  gleich noch mehr Spaß! 

 

Rügen

DLRG-Häuschen, Ulrich Müther, Binz auf Rügen

Und nun zu einem anderen „alten Bekannten“, ein Beaujolais Morgon vom Weingut Jean Foillard, hier vor Jahren schon mal als 2016er vorgestellt. Die Infos zum Weingut über die Verlinkung auffindbar. Auch der 2020er wieder ein toller Wein (siehe unten), aber eine viel wichtigere Erkenntnis, der junge Weinbarbesitzer Herr Florian der Genussbar Wülfrath hat meine verknöcherte und negative Meinung über das Spitzenprodukt des Hauses Cote de Py mit einem neuen Jahrgang korrigiert, ebenfalls fantastischer und supereleganter Wein, Irrungen und Wirrungen des Weinschanks lasse ich hier natürlich gerne weg, aber der Wein wird hier in einem nachfolgenden Beitrag beschrieben, versprochen!

Der Morgon 2020 von Jean Foillard blass purpurot und transparent im Glas, schnell verfliegende Spontinase, dann viel Erdbeere und Kirsche, Kräuter und florale Noten, leichte Erdigkeit, Leder, im Mund wieder Sauerkirsche, Brombeere, feine Säure und geschmeidige Tannine, seidig und elegant, dabei Tiefe, schöner fruchtig-samtiger Abgang, bin wieder sehr begeistert! 

 

Rügen

Inselparadies von Ulrich Müther, Baabe, Rügen

Und da war da noch ein Beaujolais-Cru Chiroubles von der erst 2019 gestarteten Domaine de Vernus, 12 Hektar-Gemeinschaftsprojekt von Frédéric Jametton (Besitzer und Manager) und Guillaume Rouget (Weinmacher) aus Régnié-Durette, Die Trauben kommen von 55 bis 60 Jahre alten Rebstöcken größtenteils aus Cru-Bereichen, man hat verschiedenen Besitz an Régnié, Morgon, Chiroubles, Fleurie und Moulin-à-Vent.  

Von diesem 100% Gamay 7030 Flaschen, im Glas dunkles Purpurrot, in der Nase Erdbeere, Kirsche, etwas Pfeffer, dazu pflanzliche und erdige Noten, im Mund dunkle und tiefe Fruchtfülle. sehr weich, ausbalanciert und elegant, gut eingebundene Säure und begleitende Mineraltöne im Hintergrund, langer fruchtiger Abgang, großartiger Wein, wiederhole mich, aber auch diesen Erzeuger unbedingt im Auge behalten bzw. probieren!

 

Rügen

Überfahrt Hafen Baabe.

Am Hafen Baabe ging es mit Steuermann Charon und Fahrrädern über den Styx, um das Restaurant „Zum Anleger“ in Seedorf zu erreichen, die netten Empfehlungen im Netz und die Worte „Champagner“ und „Austern“ zogen mich magisch an. 

 

Rügen

Nette Gastgeber, Zum Anleger, Seedorf

 

Rügen

Zum Anleger: Champagner und Austern, wie versprochen!

Wohlfühlatmosphäre, superfreundliche Gastgeber, kleine Essenskarte, sehr viel Wein, so muss es sein! Was mich aber besonders beeindruckte, war die Möglichkeit, den Wein eines der beiden Pionierweingüter Rügens glasweise zu verkosten. Eine Piwi-Rebsorte, Souvignier Gris 2021, vom Weingut Hohmann aus Lancken-Granitz kam ins Glas. Rügen wurde auf der Weinkarte nicht vergessen! Der Wein gefiel mir sehr gut (Beschreibung weiter unten) und wir machten uns nach dem Essen gleich mit den Rädern auf die Suche, Weinreben auf Rügen?, das wollten wir sehen.

 

Rügen

4100 Stöcke Piwi-Rebsorte Souvignier Gris im Rügener Hügelland. Weingut Hohmann!

2018 wurden mit Hilfe das Weingutes Apel aus Nittel (Obermosel) und vielen Freunden 4100 Stöcke der Piwi-Rebsorte Souvignier Gris, die für das feuchtwarme Klima im Biosphärenreservat Südost-Rügen sehr geeignet scheint, vom Weingut Hohmann  gepflanzt. Die gebürtige Brandenburgerin Simone Hantke und der Sachse Mario Hohmann, die sich in der Schweiz kennen lernten, erfüllten sich einen spektakulären Lebenstraum auf der Insel Rügen, die sie seit Ihrer Jugendzeit kennen. 2020 war der Erstjahrgang, zur Zeit werden die Trauben noch an der Obermosel bei Apel verarbeitet (Weingut kenne ich übrigens auch, manchmal erscheint die Weinwelt sehr klein, ist sie aber nicht!), Daumen drücken, dass das Weingut Hohmann weiter Erfolg hat und die Aufbauarbeit in ein komplettes Weingut mit eigenem Keller mündet.

 

Rügen

Souvignier Gris trocken, 2021, Weingut Hohmann, Lancken-Granitz, Rügen

Blassgelb im Glas, schöner Duft nach Birne, Honig und Lavendel, im Mund harmonisches Zusammenspiel von süßer Frucht, Nussigkeit und Säure, dazu schöner langer  Abgang mit Salznoten, toller Essensbegleiter (Fisch), eine echte Überraschung! Großes Lob auch an „Zum Anleger“, ohne deren Mut den Wein auf die Karte zu nehmen, hätte ich die Entdeckung nicht machen können. 

 

Rügen

Die Hiddensee-Rückfahrt-Untergangssonne.

Ein traumhafter Urlaub!, Rügen bietet so viel, ich konnte auch endlich trotz meines dominanten weinblogs zeitweise mal abschalten, dafür ein ganz großer Dank an diesen jungen Herrn Florian von der Genussbar aus der Kalkstadt Wülfrath. Das war eine großartige Auswahl an Weinen, leider wird die Weinbar zum Jahresende geschlossen und der junge Weinexperte jagt lieber Zertifikaten (WSET 3) hinterher und will in die gehobene Gastronomie wechseln. Er macht das alles super, wünsche ihm Erfolg und Glück! Der olle Weinschrank hingegen geht hier bald ins verflixte 7. weinblog-Jahr, warum sollte man Klischees erfüllen und im Alter nachlassen? Da greife ich doch auch lieber 2024 wie die Jungspunde voll an, lasst Euch überraschen und guckt hier mal ab und zu rein!

 

Rügen

Der Mond bei Sassnitz!

Habe es wirklich noch geschafft, vor dem 24.12. zu veröffentlichen, ein zäher Kampf neben meiner Schichtarbeit und jetzt genieße ich einfach nur die Worte: frohe Weihnachten und einen guten Rutsch für Euch!

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Hamburg Hafencity!

 

Hamburg

Nix Hafencity!, Tach Post!, wohnen im ehemaligen Fernmeldeamt der Stadt Hamburg, Uhlenhorst

Wieder mal ein einwöchiger Besuch in Hamburg und immer wieder zieht es mich statt Elbe an die Alster, mir haben es die fünf wunderschönen Altbauviertel (Rothenbaum, Harvestehude, Eppendorf, Winterhude und Uhlenhorst) rund um die Aussenalster angetan, ehrwürdige Fassaden, unzählige Kanäle und Brücken, viel Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten, viel Grün und Idylle in der Großstadt, dieses Mal wohnten wir im ehemaligen Hamburger Fernmeldeamt in Uhlenhorst, ruhige Straße, kann ich sehr empfehlen!

 

Hamburg

Schleichwerbung im Apartment 040, Schrötteringksweg 16, Hamburg-Uhlenhorst

Durch einen Tipp von Flori aus der Genussbar Wülfrath ging es am Montag (Ankunftstag) dann doch sofort Richtung Hafencity, um das Weinrestaurant Kinfelts zu besuchen. Ganz in der Nähe der majestätischen Elbphilharmonie wuchern nicht nur die sterilen Glasbeton- und Hochhausgebäude und die dazugehörige Langweil-Systemgastronomie, es gibt auch vereinzelte Ausnahmen und das Kinfelts lässt Gourmet- und Weintrinker-Herzen höher schlagen. Ein genussreicher Abend mit Weinbegleitung.

 

Hamburg

Blick auf die Elbphilharmonie aus Hamburgs Weinberg an den Landungsbrücken!

 

Hamburg

Hamburg-Hafencity!

„Kinfelts Kitchen und Wine“ eigentlich als zweites Standbein zum Restaurant Trüffelschwein in Winterhude von Kirill und Jana Kinfelt eröffnet. Kirill erkochte sich im Trüffelsschwein 2016 einen Michelin-Stern und konnte ihn in den Folgejahren 2017, 2018 und 2019 verteidigen. Leider zwang dann Corona zur Schließung des Restaurants. Sehr traurig!, aber die Konzentration auf das „Kinfelts“ führte noch mal zu einem großartigen Qualitätsschub mit viel Perspektive. Kirill Kinfelt soll zwar manchmal auf der Arbeit Jogginganzug tragen und hätte damit ja die Kontrolle über sein Leben verloren (O-Ton Karl Lagerfeld), aber die Kontrolle über seine Küche beherrscht er weiterhin meisterhaft. Ab 2018 konnte man den Sommelier Maximilian („Max“) Wilm von dem Konzept überzeugen, mittlerweile ist er hochdekoriert und als „bester Sommelier Deutschlands“ ausgezeichnet. Zusammen mit Kirill bildet er ein dream-team, wie man in ihrem Podcast „Saufgesabbel“ hören und sehen kann.

 

Hamburg

Spektakuläre Schaumwein-Begrüßung auf der Terrasse!

Toller 2014er Rosé-Sekt Réserve Brut Nature vom Sekthaus Raumland aus Flörsheim-Dalsheim (Rheinhessen), 100% Spätburgunder, sensationelle 72 Monate Hefelager, transparentes helles Kupferrot, ausdrucksstarke Nase nach Apfel, Rhabarber, floralen Tönen und Hefe, wunderbar feine, aber auch straffe und angriffslustige Perlage, im Mund erst Frucht, auch etwas Herbe, dann aufkommende Mineraltöne, sehr schlank und trotzdem harmonisch, trocken und schmelzig, langer Abgang, großartiger Aperitif, aber auch gerne als Essensbegleiter, ich habe ihn bei der Nachverkostung zuhause mit Couscous genossen, himmlisch!

 

Rgeinhessen

Sekt Rosé Reserve 2014 Brut Nature, Sekthaus Raumland, Flörsheim-Dalsheim, Rheinhessen

Der gebürtige Nordpfälzer (Bockenheim an der Weinstr.) Volker Raumland wuchs  zwar auf einem landwirtschaftlichen Betrieb mit Weinbau auf, wurde aber von den Eltern wegen unsicherer Zukunftsaussichten zu einer soliden kaufmännischen Ausbildung gedrängt. Erst danach entschied er sich dann doch für ein Weinbaustudium in Geisenheim (Rheingau) und erlebte nach einer abschließenden Blindverkostung eines Sekt-Projektes an der Weinuni seinen ganz persönlichen Schlüsselmoment: trotz Konkurrenz aus der Champagne wurde sein erster eigener hergestellter Sekt als Sieger gekürt!, das war der Startschuss für eine große berufliche Erfolgstory, die auch dem Thema „deutscher Sekt“ große positive Impulse bringen sollte. Der Weg bis zu den großen Erfolgen in den letzten zwanzig Jahren war allerdings in den 80er/90er Jahren beschwerlich und voller harter Arbeit, neben Anstellungen auf Weingütern (wo er beim Weingut Wöhrwag in Stuttgart seine Frau Heide-Rose kennenlernte), verdingte er sich auch als Auftragsversekter (mit einem umgebauten LKW) und verfeinerte nebenbei im elterlichen Betrieb seine Herstellungsmethoden. 1990 kam dann die große Chance, im benachbarten nördlichen Weinanbaugebiet Rheinhessen, die Villa Merkel in Flörsheim-Dalsheim mit 4 Hektar Weinbaufläche zu kaufen. Nach einem dreimonatigen Praktikum blieb die Französin Carole Lefèvre sieben Jahre bei den Raumlands und es wurde gemeinsam erfolgreich an der Spitzenlinie des Hauses (mit dem Triumvirat aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier) gefeilt. Ab 2005 dann der Durchbruch mit der ersten Auszeichnung im Gault Millau als bester deutscher Sekt. Danach unzählige weitere Auszeichnungen, behutsame Vergrößerung der Weinbaufläche auf 10 Hektar, ab 2020 erstes deutsches reines VDP-Sektweingut. Nach Lehr- und Wanderjahren und auch Ausflügen in weinferne Bereiche haben sich die Töchter Katharina und Marie-Luise 2019 entschieden, fest in den elterlichen Betrieb einzusteigen. Ohne die Familie Raumland und Team (u.a. japanischer Kellermeister Kazuyuki Kaise) wäre die deutsche Sekt-Renaissance wahrscheinlich viel später gestartet oder vielleicht sogar ausgefallen.    

 

Sussex

Sparkling Wine Brut, Blanc de Blancs 2014, Nyetimber, West Chitington, Sussex: manchmal auch Ausschank im königlichen Schloß!

Blasses Zitronengelb, in der Nase zuerst viel Himbeere, benötigt Luft und etwas Wärme, dann auch faszinierende Noten von Kräutern, Meeresbrise und Zitrone, keine Brioche-Noten, superfeine Perlage, überraschend fruchtig und zugänglich, schmelzig und frisch, dazu leichte süffige Fruchtsüße, auch Säure, dadurch gute Balance, sehr schöne Länge. Jahrgang 2009 Blanc de Blancs spielte hier im blog schon mal die Hauptrolle als strahlender Sieger in einer Blindverkostung Champagner vs. English sparkling wine, ich prophezeie, dass er es nach den stark angestiegenen Preisen und mit seiner Fruchtsüße in seiner neuen Preisklasse als 2014er gegen Champagner sehr schwer hätte. Trotzdem ein toller und eleganter english sparkling wine, everybodys darling!

 

Hamburg

Das wäre es: Konzert in der Elbphilharmonie und dann zu Kinfelts (oder andersherum)!

Trotz uralter Aufzeichnungen mit dem Namen Nyetimber ist die Geschichte des gleichnamigen Weingutes sehr kurz: Pionierarbeit im Westen von Sussex bei Pittborough, Südengland, 1988 pflanzten Stuart und Sandy Moss die ersten Chardonnay- und Pinot Noir-Rebstöcke, um Schaumweine produzieren zu können, die hervorragenden Böden und das besondere Klima in  der Region waren entdeckt worden. Schon zehn Jahre später gewann die Classic Cuvee von Nyetimber 1998 bei einem renomierten Blindverkostungswettbewerb die erste Goldmedaille. Das rief den Unternehmer Eric Heerema auf den Plan, der das Potential von Nyetimber voll ausreizen wollte und neben Sussex auch die weiteren Grafschaften Kent und Hampshire für hochqualitative Schaumweinherstellung nutzen wollte. 2006 konnte er Nyetimber erwerben und 2007 die genialen kanadischen Kellermeister Cherie Spriggs und ihren Mann Brad Greatrix nach England locken. Weitere 15 Jahre später stellten sich immer mehr Auszeichnungen und Erfolge ein, die Marke ist mittlerweile in der Spitzengastronomie etabliert und wird auch gerne für Empfänge und Hochzeiten im britischen Königshaus präsentiert, trotz aktuell 350 Hektar hält man am strengen Qualitätskurs fest. Schöner Nebeneffekt, endlich haben die weinverrückten Briten ihren eigenen „english sparkling wine“, der es sehr oft mit Champagnern und anderen Hochkarätern aufnehmen kann. Darauf sind und dürfen die Briten stolz sein. 

 

Lombardei

Zwischengang mit Rosso IGT Alpi Retiche von Barbacàn, San Giacomo di Teglio, Valtellina

Der Wein aus der Valtellina (Lombardei) lenkte mich vom tollen Zwischengang ab (was war es noch gerade?) und machte mich sehr neugierig. Ich bestellte deshalb für die Nachprobe zuhause eine Dreierprobe des Erzeugers Barbacàn nach.  Das 6 Hektar Weingut Barbacàn besteht aus Vater Angelo Sega und den beiden Söhnen Luca und Matteo, die sich auf terrassierten Steilstlagen tummeln, die ein wenig an die Terrassenmosel erinnern. Über steile Treppen transportieren sie Trauben von autochthonen Rebsorten (wie Chiavennasca (Nebbiolo), Rossola, Brugnola u.a.) nach unten, die sehr von der Höhe (bis zu 800 Meter über Null) und den extremen Klimaunterschieden zwischen Tag und Nacht profitieren. Gearbeitet wird unter biologischen Gesichtspunkten, die die Natur aber auch schon teilweise vorgibt, Handlese, Spontanvergärung und so wenig Eingriffe im Keller wie möglich. Die außergewöhnlichen Etiketten sind uralten Felsgravuren nachgebildet, die man in der Valtellina gefunden hat.

 

Italien

Drei Barbacàn-Weine aus der Valtellina, Lombardei

Ein sehr schöner Einstiegswein aus dem Sortiment der Agricola Barbacàn der Rosso 2021 IGT Alpi Retiche (85% Chiavennasca und 15% weitere autochthone Rebsorten): hellrot und transparent im Glas, in der Nase Kirsche, rote Beeren und Kräuter, etwas Waldboden und Pfeffer, im Mund sehr elegant und kühl, sehr leicht, fast schwebend, hinter der zurückgenommenen Frucht dezente Säure, sehr süffig und im Abgang dann auch noch angedeutete Mineraltöne.

Kräftiger und dunkler der Sol 2020 (90% Chiavennasca und 10% andere autochthone Rebsorten), der trotz intensiver Nase nach Kirchen, dunkeln Beeren, floralen Noten (Veilchen, Rosen), Minze, Tabak und Erdtönen herrlich ausgewogen im Mund bleibt. Mehr Körper und Feuer bedeuten keine Übertreibung, superelegant und süffig, neben Frucht, feiner Säure auch tiefgründige Mineralität, lang und druckvoller Abgang.  

Der Rosato 2021 IGT Alpi Retiche (70% Chiavennasca und 30% andere autochthone Rebsorten) leuchtet wunderschön rosa, in der Nase Erdbeere, Himbeere und erdige Töne, im Mund rassige Säure, sehr trocken, ein Hauch rote Frucht, wenig Trinkfluß, mineralischer Abgang, ein Wein für absolute Freaks!

Die Valtellina in der Lombardei (gut merken!) bleibt mit ihren eleganten und früh zugänglichen Nebbiolos (Chiavennasche) einer meiner absoluten Lieblingsregionen für Rotwein. 

 

Hamburg

Kinfelts Kitchen and Wine, Hafencity

Zum Hauptgang (Fleisch) gab es aus der Magnum (1,5 Liter Flasche) Rotwein vom Weingut Gernot Heinrich aus Gols, Ried (Lage) Gabarinza, vom Neusiedler See in Österreich. Regelmäßige blog-Leser wissen natürlich Bescheid und denken gleich an meinen Pannobile-Beitrag. Hier konnte das Weingut Gernot Heinrich bei der  Pannobile Rot-Jahrgangsprobe 2015 von 9 Weingütern bei mir einen guten Platz 4 erobern. Die Wiedersehensfreude, die Gedanken an „meinen“ geliebten See und die Begeisterung über solche Zufälle, lässt den Weinschank manchmal seltsame Sachen sagen, nicht bös gemeint!, aber für einen souveränen und hochkonzentrierten Sommelier im stressigen Tagesgeschäft sicher nicht ganz angenehm und oberlehrerhaft, sorry!, natürlich kannte Max die Pannobile-Geschichte. 

 

Österreich

Weingut Heinrich, Gols, Neusiedlersee

Der Gabarinza gefiel mir sehr gut zum Essen, da musste ich natürlich zuhause nachverkosten. Und was für ein Glück (oder Pech?), Weine vom Weingut Gernot Heinrich habe ich echt im Supermarkt in der Nähe meiner Arbeitsstelle gefunden (s. Bild), Fluch und Segen zugleich, zugegeben, die Weinabteilung des Supermarktes ist sehr ambitioniert, aber trotzdem droht das Auftauchen von Weingütern im Supermarkt in Deutschland immer noch den Ruf zu ruinieren, Überproduktion?, falsche Lagerung?, keine Beratung, hohe Preise? In Frankreich dagegen ist das Besuchen der Weinabteilung in Einkaufszentren eine absolute Attraktion.  Habe den Gabarinza 2018 einfach mal gekauft.

Der Wein aus der Flasche mit Glasstopfen tadellos, Cuvee aus Zweigelt, Blaufränkisch und Merlot, dunkles Rubinrot mit violetten Reflexen, benötigt Luft, dann begeisternde Nase nach Johannisbeere, Brombeere und etwas Pflaume, Kräutern und erdigen Noten, im Mund kühle Eleganz, aber auch noch unreife Tannine und ein Tick zu viel Säure, trotz des warmen Jahres 2018 noch viel zu jung, ab in den Keller!, dabei tolle Konzentration feststellbar, Riesenpotential und ein extrem langer fruchtig würziger Abgang, das wird was! 

 

Neusiedlersee

Gabarinza 2018, Weingut Heinrich, Gols, Neusiedlersee, Oesterreich

Die Erfolgsgeschichte des Weinguts von Gernot und Heike Heinrich hängt neben viel Können, Abenteuer- und Investitionslust, auch an Risikobereitschaft und einer geschickten Marketingstrategie, man schafft es in Rekordzeit, die Trends und Modeströmungen in der Weinwelt aufzuspüren und zu bedienen, in Gols ging es nach Biozertifizierung 2006 auf mittlerweile 90 Hektar pausenlos zur Sache, Herausarbeitung der Toplagen (Gabarinza und Salzberg), das Pannobile-Projekt, Leithaberg DAC, Natur- und Orangeweine, Amphorenweine usw., usw.. Mit seinen einprägsamen Etiketten ist man überall dabei, mittlerweile auch an Orten, an denen man vielleicht eigentlich nicht unbedingt sein möchte, dafür illustre Nachbarschaft unter der Supermarkt-Höhensonne, Tement, Markus Molitor, von Winning, Bassermann-Jordan, van Volxem,  Niepoort und viele andere Weingüter, die eigentlich viel zu groß geworden sind und trotzdem noch tolle Weine produzieren.

 

Oesterreich

Neusiedlersee, Burgenland, Oesterreich

Die 23 Hektar Riede Gabarinza beim Weinort Gols ist eine in zwei Wellen (Langer und Kurzer Gabarinza) von der Parndorfer Platte abfallende recht steile Südwesthanglage. Der Oberboden besteht aus Schwarzerde, darunter findet man sandig-lehmige Sedimentböden und 600 000 Jahre alten Donauschotter, der sich durch Verwitterung rotbraun verfärbt hat. Durch die optimalen Bedingungen fühlen sich hier neben den lokalen Sorten wie Blaufränkisch, Zweigelt und St. Laurent auch der Merlot wohl. Hier wollte ich den Beitrag jetzt eigentlich beenden, aber zwischenzeitlich hatte ich herausgefunden, dass auch mein persönlicher Sieger der Pannobile Rot Blindprobe 2015 Besitz an der Riede hat, Weingut Andreas Gsellmann, und sogar auch ein 2018er Gabarinza im Verkauf ist. Für den direkten Vergleich musste ich einfach noch mal bestellen, verkosten und beschreiben, verzeiht mir das wiederholte Ausufern, ich bin unverbesserlich!

 

Neusiedlersee

Gabarinza 2018, Weingut Gsellmann, Gols, Neusiedlersee, Oesterreich

Rubinrote Cuvee (BF, ZW, Merlot) mit violetter Randaufhellung, benötigt viel Luft, dann feine Nase nach dunklen Beeren, etwas Pflaume und einem Schokoladen- und Tabakhauch. Im Mund fällt sofort wieder die kühle Eleganz und auch wieder die spürbare Säure auf, das gibt es doch nicht!, 2018 war doch ein warmes Jahr! Genau wie beim Gabarinza von Heinrich muss weiter im Keller gelagert werden, der Wein hat viel Potential, ist aber im Moment kein Kindergeburtstag, viel Sauerkirsche und erdig würzige Töne, langer Nachhall. In anderen Ecken war das Jahr 2018 zu warm und hat durch fehlende Säure das Lagerpotential der Weine ausgeschlossen, am Neusiedler See verblüfft mich die Säure, die beiden Gabarinza-Weine sind große Optionen auf die Zukunft!

Auf 20 Hektar führt Andreas Gsellmann in Gols am Neusiedler See die Familientradition weiter und hat sich ganz dem naturnahen Anbau verschrieben, natürlich Spontangärung und Handlese, Mitgliedschaft bei respekt-biodyn, er ist einer der neun Pannobile-Winzer, in Deutschland zu Unrecht total unbekannt. 

 

Hamburg

Hausboot am Wandse-Kanal, Uhlenhorst

Von meinem geliebten Neusiedler See zurück ins ebenfalls sehr gemochte Hamburg, neben dem Kinfelts haben wir noch viele Restaurants, Weinbars und Weinläden besucht, ein besonderes Lob an das tolle Restaurant Oechsle und an die Weinbars in St. Georg, Uhlenhorst und Eimsbüttel. Keine Angst, ich stelle keine Weine mehr vor! Irgendwie war auch der totale Reinfall in einem Restaurant in Uhlenhorst unvergesslich, wir haben die große Pleite anschließend noch lebhaft bei Caipirinha beim Brasilianer um die Ecke begossen und Tränen gelacht. Auch die Fahrradtour an der Wandse entlang in den Osten Hamburgs bis nach Volksdorf (Museumsdorf) sehr erstaunlich, so eine grüne Stadt mit faszinierend vielen Wasserwegen. Wir kommen (auch aus familiären Gründen) immer wieder, durch meine unglaubliche Selbstdisziplin hier (einfach mal was weggelassen!), ist auch das Weinthema Hamburg noch lange nicht ausgereizt. 

 

Hamburg

Im Museumsdorf Volksdorf, Walddorf Volksdorf, Hamburg

 

 

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Sonntäglicher Kirchgang!

Einfach ein schönes Gefühl, wenn man seiner Mutter auf einem Samstag mal sagen kann, dass man am nächsten Tag in die Kirche geht, der letzte Kirchgang ist ja bei mir wohl schon einige Jahrzehnte her, aber ich meinte es völlig ernst und habe Wort gehalten, die zweite Auflage der Messwine in Bochum in der Christ-König-Kirche hatte mich angelockt, ein wunderbarer Ort für eine ganz besondere Naturwein-Messe.

 

Bochum

Am Anfang fehlte natürlich die Routine!

Tolle Beschreibung in der Messe-Broschüre, dass das Ruhrgebiet mit ca. fünf Millionen Einwohnern immer Durst hätte! Und auch die Lust auf besondere, handwerklich und nachhaltig hergestellte sogenannte Naturweine steigt ähnlich wie in Berlin immer weiter an. Und als gebürtiger vinophiler Dortmunder aus der ehemaligen Bierstadt fühlte ich mich schon vor 25 Jahren eher in Bochum zuhause, „Concordio“, „Coniglio“, „Una mas“ und auch der „Living Room“. Aus letzterem coolen Lounge-Bar-Restaurant-Konzept entstanden dann noch während meiner langen Abwesenheit  weitere kulinarische Weinadressen, der mittlerweile richtig angesagte „Grüne Gaul“ und das feine Menürestaurant „Five“ mit nur fünf Tischen. Und auch das damals mir schon bekannte Franz Ferdinand gehört als Wiener Kaffee- und Wirtshaus mit zum Verbund. Und alle benötigen besonderen Wein, da bündelte man das know-how und lud seine Winzer-Lieblinge einfach in eine Kirche ein, da hat fast niemand nein gesagt, die location ist der absolute Glücksfall! 

 

Bochum

Einfach ohne den berühmten Weinschank angefangen, eine bodenlose Frechheit!

Ich kam leider durch die seit Jahrzehnten „geliebte“ DB etwas sehr zu spät, aber der Anfangsplan stand fest, erst mal die wenigen mir bekannten Weingüter abklappern und Fokus auf Schaumweine legen. Durch die neu entdeckte und erst im November 2022 eröffnete geniale Genussbar in Wülfrath kannte ich schon mal den tollen Pet Nat vom Weingut Wagner von Wohlgemuthheim aus Zell-Merl (Mosel), super sympathisches Winzerehepaar, bei den tollen Weinen fragt man sich echt, wo man selber als Moselfan die ganzen Jahrzehnte gewesen ist bzw. aus welchen Orten wohl die neue Generation Ihre Stars hervorbringen wird. Das altehrwürdige Merl an der Terrassenmosel also die Heimat des Familienweingutes  Wagner von Wohlgemuthheim von 1719, die 8. Generation um Michael („Michel“) geht seit 2015 neue Wege, der Naturweingedanke wird konsequent umgesetzt, keine Weinbehandlungsmittel, Schönungen, keine Korrekturen und Hilfsmittel. Dafür strenger Schutz der geerbten Steillagen mit bis zu 100 Jahre alten Rebstöcken, der Betrieb ist mittlerweile biozertifiziert und hat viel vor!

 

Mosel

Pet Nat, Weingut Wagner von Wohlgemuthheim, Zell-Merl, Mosel

Der aus Muskateller-Trauben aus der Lage Merler Adler bereitete Pet Nat kommt mit strahlend strohgelber Farbe und kräftiger Perlage ins Glas, toller Duft nach Zitrusfrüchten, Kräutern und Muskatnuss, im Mund super frisch und süffig, Frucht und auch schmeckbare Mineralität, unkompliziert, aber nicht einfach, macht richtig Spaß und ich bin neugierig, wie er sich zu Austern machen wird. Ein Traumeinstieg in das Thema Pet Nat, danke an die Genussbar und das tolle Weingut, da sollte noch viel mehr zu entdecken sein! Insiderinfo: durch den Genuss des Pet Nat sorgt man auch gleich zum Erhalt der alten Muskateller-Parzelle im Merler Adler, also probieren und dadurch Gutes tun!

 

Mosel

Historisches Weingut Immich-Batterieberg auf der Naturwein-Überholspur?

Das Weingut Immich-Batterieberg in Enkirch an der Mosel kenne ich schon sehr lange und habe es sogar noch unter den alten Besitzern besucht. Nach Besitzerwechsel wirkt nun seit 2009 bei Immich-Batterieberg der Önologe Gernot Kollmann, der einen ganz eigenen naturreinen Stil in das Produktportfolio (aus historisch hochbewerteten Schiefersteillagen) einbringt. Die Weine sind nun eher trocken, kraftvoll, etwas wild (auf Reinzuchthefen wird ausnahmslos verzichtet) und benötigen sehr viel Reifezeit. Auch davon konnte ich mich schon vor Ort überzeugen, einige Schätze schlummern noch bei mir im Keller, auf der Weingutsprobe war ich allerdings etwas ratlos. Eine sichere Bank aber normal immer der Riesling Sekt Brut Nature, „Jour Fixe“, Jahrgang 2011 wollte ich 2017 auf meiner allerletzten beruflichen Pendelfahrt (nach 8 Jahren!) von Düsseldorf nach Münster im IC-Bordbistro köpfen, hier der Link zum zweiten blog-Beitrag vom 9. Juli 2017, probiert habe ich aktuell aber den Jahrgang 2020. 

 

Mosel

Riesling Sekt Brut Nature 2020, „Jour Fixe“, Weingut Immich-Batterieberg, Enkirch, Mosel

Auch 2020 wieder toll in Form, strohgelb (Foto täuscht!), in der Nase Zitrusfrüchte, Kräuter, Honig und mineralische Töne, sehr feine und elegante Perlage, am Gaumen puristisch trocken, wieder mineralisch und elegant, langer würziger Abgang, sehr gelungener Riesling-Sekt, kann in seiner Preisklasse und auch drüber mit vielen Champagner mithalten! Klare Empfehlung!

 

Pfalz

Weingut Mehling, Deidesheim, Pfalz

Und noch ein vom Namen her bekanntes Weingut, Weingut Mehling aus Deidesheim, serviert zu einem Menügang vom großartigen Sommelier Stefan Echle im genialen Restaurant Lilly in Neupotz (s. letzten Pfalz-Beitrag). Die nette Winzerin Kathrin Otte erzählte ebenfalls begeistert von einer Mehling-Weinprobe im Restaurant Lilly, wünsche den Überzeugungstätern in Neupotz weiterhin viel Glück und komme bald zurück! 

Die nächste Generation im Weingut Mehling mit Kathrin Otte und Christoph Knäbel ist seit 2014 an Bord, Bioweingut, etwas im Schatten der großen und berühmten Deidesheimer Weingutsnamen, aber mit ganz viel Energie und Elan, dazu Besitz in Spitzenlagen und den gelebten Nachhaltigkeitsgedanken, fokussiert auf Riesling, da sollte doch ein Treffer dabei sein!

 

Pfalz

Nachprobe in Münster: Treffer bleiben Treffer!

Schon der 2022er Riesling Einstiegswein „Herr Mehling“ hat mir super gefallen, strohgelb, Duft nach Pfirsich, Limette und nassem Stein, im Mund für Riesling dezente Säure, sehr süffige Frucht und unkompliziert, jung und frisch, tolles Preis-Genuss-Verhältnis, ein schöner Sommerwein. 

Und auch der Riesling-Ortswein „Deidesheimer“ überzeugt als 2021er Jahrgang, ebenfalls strohgelb, in der Nase mineralische Töne, Zitrusfrucht und Kräuter, im Mund verspielt und fruchtig, salzige Elemente, schmelzig, bei wieder dezenter Säure, würziger Abgang, mag ich sehr!

Der Eindruck auf der Weinmesse täuschte nicht, habe alle Weine, die mir positiv aufgefallen sind, noch mal von den Weingütern für die Nachverkostung zuhause nachbestellt, eine Kartonschlacht, aber lohnenswert, auch der 2021er Riesling-Lagenwein Musenhang aus Forst sehr gelungen, Zitrusmineralik in der Nase, auch im Mund sehr mineralisch, dazu Grapefruit, schmelzig und sehr schlank, cool climate, sehr gut eingebundene Säure, harmonisch mineralischer Abgang mit ganz feiner Bitternote, der Mehling-Stil hat mir super gefallen und auch die unterschiedliche Qualität der Weine durch die Klassifizierung passte!  

 

Württemberg

Sprudeldicke Dirn brut nature 2019, Weingut Lanz, Nonnenhorn, Württemberg

Eine schöne Entdeckung auch das Weingut Lanz aus Nonnenhorn, spannender kleiner und feiner Bio-Mischbetrieb (Obst- und Weinanbau) vom bayrischen Teil des  Bodensees, fälschlicherweise von den Organisatoren der Weinregion Baden zugeschlagen, aber nach Nachfrage bei Benjamin Lanz wurde mein Verdacht bestätigt, weintechnisch gehört man zur Weinregion Württemberg, toller verwirrender theoretischer Einstieg, aber es sollte praktisch noch besser werden. Ich wollte ja immer noch Schaumweine probieren, hier bekam ich auch ganz großartigen Stoff ins Glas, „Sprudel Dicke Dirn“ brut nature , 100 % aus der Piwi-Rebsorte Johanniter (Kreuzung aus Riesling und Ruländer/Gutedel von 1968), mind. 32 Monate Hefelager, handgerüttelt und degorgiert, Zero Dosage, goldgelb, feine Perlage, Hefe und feine Fruchtnoten, auch mineralische Töne, sehr lang, großartig, was man aus Piwi-Rebsorten machen kann.

 

Württemberg

Piwi-Sorten vom Weingut Lanz, Nonnenhorn, Bodensee

Ist man woanders noch im Testmodus oder pflanzt die Piwis neu nur auf Alibi-Lagen, weil die Nachfrage eigentlich immer noch nur nach den klassischen Rebsorten verlangt, zieht das Weingut Lanz die Piwi-Story voll durch, ausschließlicher 100 % Anbau, dadurch auch auf Toplagen, mit deutlich weniger Einsatz von Spritzmitteln und richtig starken Ergebnissen. 

Der Kalimbula 2022 ist einen Weißweincuvee aus Johanniter, Solaris und Souvignier Gris (Kreuzung von Cabernet Sauvignon und Bronner aus dem Jahre 1983), interessante Nase nach Johannisbeere, Ingwer und Pfeffer, im Mund gelbe Früchte, Mandel, salzige Aromen, frisch und leicht, kaum Säure, schmelziger Abgang, Wein mit sehr gutem PGV, sehr gelungen!

Bei der Rebsorte Solaris (Kreuzung aus Merzling und Geisenheim 6493 aus dem Jahre 1975)  habe ich mir selbst die Daumen gedrückt, dass mir der 2022er Wein schmeckt, habe natürlich sofort an den coolen SF-Klassiker „Solaris“ des polnischen Autors Stanislav Lem denken müssen. Strohgelbe Farbe, in der Nase feine exotische Aromen (Mango, Maracuja), auch Mandeln, im Mund schmelzige exotische Frucht, eingebundene Säure, viel Trinkfluß, macht richtig Spaß, schöner nussiger Abgang, tolle Entdeckung. 

Stark auch der Nonnenhorner Rot 2021 aus der Piwi-Rebsorte Cabertin (Kreuzung aus Cabernet Sauvignon und Regent aus dem Jahre 1991), purpurrot im Glas, in der Nase grüne Paprika, pflanzliche Noten, Beeren, im Mund wieder Beeren, kühler Trinkfluß, spürbare aber gut eingebunden Säure, sehr elegant, langer und würziger Abgang, richtig klasse.

 

Pfalz

Concubine-Weine 2021 in den 1 Liter Flaschen von Georg Lingenfelder, Großkarlbach, Pfalz

In der tollen Weinbar Konträr am Prenzlauer Berg in Berlin entdeckt, beim zweiten Besuch der Weinbar stand ich dann allerdings mit Kaufabsicht im Dunklen und zweifelte schon an meinem Orientierungssinn, alles verrammelt und zu, als wäre da nie eine Weinbar gewesen. Aber das Konträr existiert weiterhin und bei meinem Besuch des Weingutes Lingenfelder in der Pfalz war dann auch der Sohn Georg von Besitzer Karl Rainer greifbar. Ebenfalls super nett und für mich ein kleiner Naturwein-Star, nur sein voller Körpereinsatz mit Händen und Füßen führt zu diesen Weinqualitäten, ich konnte wirklich noch zwei Flaschen erwerben und mich für die Naturwein-Messe in Bochum ankündigen. Da wurde ich dann sogar erkannt (!!!) und konnte noch mal ganz in Ruhe die beiden Concubine-Weine verkosten und auch an der Diskussion um die Eignung der Literflasche für die Gastronomie mit einem Sommelier aus Düsseldorf teilnehmen.

Hätte geschworen, dass die Concubine weiß im Konträr in die Orange-Wein Richtung ging, in der Kirche aber eher zitronengelb, benötigte etwas Luft, schöne Nase nach grünem Apfel, Birne und Kräutern, im Mund dann sehr süffig, aber auch speziell, pflanzliche, erdige und herbe Noten treffen auf Frucht, auch mineralische Noten dabei, der Wein fordert heraus und verblüfft, macht aber ganz viel Spaß! Beteiligte Rebsorten sind Riesling, Sylvaner und Gewürtztraminer.

Aus 95% Spätburgunder und 5% Dornfelder der Concubine Rosé, transparentes Himbeerrot, schöne Nase nach Erdbeere, Kirsche und Kräutern, im Mund sehr saftig und süffig, elegant, fruchtige, pflanzliche und mineralische Töne, schöner Trinkfluß, hochinteressanter Wein!

 

Bochum

Messwine, mit dem  Schluck von oben…

Ich schimpfe ja immer gerne über Instagram, aber ich bekam während der Messe einen großartigen Tipp vom weinliebenden Goldschmied „Trimetallschmuck“ aus Köln mit fränkischen Wurzeln aufs Handy, drei fränkische Weingüter sollten vor Ort sein, unbedingt besuchen!, da wurde ich als Frankenfan natürlich sofort neugierig und hellhörig, im Nachgang ein unglaublich toller Tipp, tausend Dank an den Metaller, ich hoffe, man trifft sich mal bald in Köln oder Münster! 

 

Franken

Pet Nat, Silvaner und Domina von Franziska Schömig aus Rimpar

Da war z.B. die noch junge Winzerin Franziska Schömig aus Rimpar, Weinbau nördlich von Würzburg auf ca. 3 Hektar (ca. 15000 Flaschen jährlich) , was der Vater noch eher als ambitioniertes Hobby betrieb, wird nach Lehr- und Wanderjahren der Tochter im In- un Ausland nun professionell und mutig weiter geführt, Franziska hat sich dabei voll dem Naturweingedanken verschrieben, Ökologie first!, richtig gesunde Trauben reinholen und dann möglichst wenig im Keller eingreifen.

 

Franken

Pet Nat, Gemeinschaftsprojekt von Franziska Schömig und Laura Seufert

Zur Begrüßung gab es einen Pet Nat aus einem Gemeinschaftsprojekt mit der Winzerin Laura Seufert aus Iphofen. Eine Cuvee aus Kerner, Bacchus und Müller-Thurgau, Trauben aus letztgenannter Rebsorte steuerte Franziska zu. Im Glas trüb, für einen Perlwein überraschend straffe Perlage, in der Nase Apfel, Birne und Kräuter, sehr süffig und frisch, schmelzig, gelbfruchtig, spaßmachender Sommerwein, „Schaumweinlimo“ steht (unter anderem) auf dem Etikett. Eigentlich „Perlweinlimo“, der große Unterschied zwischen Schaumwein und Perlwein im Glossar.

Trüb auch der 2022er Silvaner“Herbstblut“, tolle Nase nach Apfel, Quitte, Kamille und auch etwas Vanille, im Mund elegante köstliche Frucht, sehr frisch und harmonisch, sehr viel Trinkfluss, trotzdem komplex, schöner Abgang. Der Silvaner hat mir super gefallen! 

Die Domina 2020 Herbstblut tiefdunkel bis fast schwarz im Glas, opulente Nase nach roten Johannisbeeren, Sauerkirsche, Eisen und Paprika, im Mund kraftvoll, aber auch sehr weich und rund, fleischig, schokoladig, langer Nachhall, tolle Domina, reiner Essenswein, sehr gut denkbar zur Ente.

Tolle Naturweine aus Rimpar!

 

Franken

3 Zeilen Wein aus Rödelsee

Und dann wurde es dunkel, der Hüne Christian Ehrlich (er ist wirklich größer als ich, sogar sehr viel größer, der Weinschank hat dann trotz großer Klappe immer sehr viel Respekt!) empfing mich mit seiner Frau Alexandra zur Verkostung der 3 Zeilen Weine. Richtig nette Leute, 2008 sind die Beiden als Quereinsteiger mit drei gepachteten Zeilen Rebstöcken in ihr ganz spezielles Weinabenteuer in Rödelsee (der Ort hier im blog bekannt durch das Weingut Weltner) eingestiegen, nachhaltig, respektvoll und natürlich sollte es sein.  2023 ist man nach viel Pionier- und Aufbauarbeit nun bei ca. 5 Hektar angekommen und steht vor dem letzten großartigen Schritt, die Berufung kann nun endlich Beruf werden. Auf der Messe fand ich die Weine super, war sehr auf die Nachprobe gespannt!

 

Franken

Weinmanufaktur 3 Zeilen Wein

Der 2019er Silvaner aus der Paradelage Rödelseer Küchenmeister strohgelb, in der Nase Birne und exotische Früchte, im Mund sehr trocken, statt Frucht viel Würze, gut eingebundene Säure, schöner langer Abgang, kein easy drinking, eher für Abenteurer, die berühmten Ecken und Kanten, aber es wurde auch Wort gehalten, ehrlich anders!

Zugänglicher der Fränkische Satz 2021 trocken, zusammen geerntet und verarbeitet wurden Blauer Silvaner, Adelfränkisch, Gutedel, Weißburgunder, Grauburgunder, Riesling, grüner Silvaner, Muskat-Silvaner und Gelber Muskateller, strohgelb im Glas, spannende Nase mit viel Frucht (Apfel, Birne und Ananas), floralen Noten, Kräutern und mineralischen Eindrücken, im Mund schmelzig-süffig, aufregend und schwer fassbar, feine Frucht, komplex, dazu ein schöner mineralischer Abgang mit ganz feiner Bitternote, hat mir sehr gut gefallen!    

Und „Onkel Heiner Seiner“ ist auch meiner: ein 2019er Silvaner als Orangewein vinifiziert, trübes strohgelb, in der Nase Pfirsich, tropische Früchte, Kamille, Hefe und feine Würze, im Mund vollmundig, fruchtig, erfrischende Säure, beschwingter Abgang mit feiner Bitternote, sehr süffiger und harmonischer Orangewein, spannender Essensbegleiter, richtig toll! Glückwunsch und Respekt!

 

Franken

Ökologischer Land- und Weinbau Krämer, Auernhofen

Der ökologische Land- und Weinanbau Krämer ist ein landwirtschaftlicher Gemischtbetrieb mit ca. 70 Hektar Ackerbau und ca. 5 Hektar Steillagenweinanbau im fränkischen Taubertal. Der Familienbetriebssitz, auf dem drei Generationen leben, liegt im kleinen Dorf Auernhofen, ca. 15 Minuten vom Taubertal entfernt und hier im blog schon durch den Winzerhof Stahl aufgefallen. Stephan Krämer ist seit seiner Ausbildung zum Winzer treibende Kraft und damit recht allein in der Gegend beim Thema Naturweinanbau, unter ökologischen Grundsätzen werden Rebsorten wie Silvaner, Müller-Thurgau, Riesling, Bacchus, Johanniter, Schwarzriesling und Regent angebaut. Prunkstück soll eine erworbene Rebfläche mit einem neuangelegten Fränkischen Satz (aus 12 verschiedenen Rebsorten, u.a. mit Adelfränkisch und Vogelfränkisch) werden. Tolle Weinprobe in Bochum mit der sehr netten Simone Krämer.

 

Franken

Ökologischer Weinbau Kraemer

Bei der Nachprobe zuhause ein umwerfend guter und ganz speziell interpretierter Naturwein Müller-Thurgau 2019 „Silex“ aus der Steillage, trübes Bernstein, in der Nase Kräuter, ganz fein auch tropische Früchte, Würze und Hefe, im Mund viel Schmelz, exotische Früchte, superfrisch und süffig, bei allem Feuerwerk herrlich harmonisch mit langem und salzigen Abgang, ein Lieblingsnaturwein!, schnell probieren, bevor alle Flaschen in den Restaurants und Weinbars in Berlin und Köln verschwinden. Da ich einige Liebhaber des klassischen und unterschätzten Müller-Thurgaus kenne, noch mal eine kleine Warnung, dieser MT riecht und schmeckt völlig anders als gewohnt, hat auch eine andere Farbe, ist aber eine tolle Naturwein-Erfahrung! 

Auch die Piwi-Sorte Johanniter 2018 Muschelkalk Steillage ganz eigen als Naturwein interpretiert, goldgelbe Farbe, benötigt viel Luft, in der Nase dann Hefe, Holz, Rauch und Apfel, im Mund mostiger Apfel, etwas Holz, karg und schlank, hefig, leicht und frisch, mineralischer Abgang.

Der Silvaner Alte Reben  2018 leuchtend orange im Glas, benötigt viel Luft, süße gelbfruchtige Aromen in der Nase, dazu erdige Töne und Kräuter, im Mund für einen Silvaner überraschend viel Säure, dazu karg und sehr trocken, hefig, schöne Würze und langer Abgang, ein polarisierender Naturwein mit Ecken und Kanten. Mit Liebe und Mut hergestellt, aber ob diese Weine in Münster ankämen?, warten wir mal lieber 20 Jahre ab und sprechen trotzdem den Krämers ein großes Lob aus!

 

Baden

Karoline Linka und Max Frölich sind Makalié.

Nach 10 Jahren Erfahrung durch Arbeit in biodynamischen Weingütern und in der Gastronomie haben sich Karoline Linka und Max Frölich nun mit dem Weingut Makalié ihren persönlichen Traum erfüllt, Wein und Cidre aus dem Markgräfler Land am Schwarzwaldrand. Im Namen Makalié stecken nicht nur Teile der Vornamen der Beiden, sondern auch die Worte „Maka“ für indianisch Erde und lié für französisch verbunden. Hier werden Weine von höchster Qualität im Einklang mit der Natur erzeugt. Schöne Geschichte am Rande, Karoline hat wohl ein paar Jahre in Münster gelebt und erinnert sich gern an die Stadt zurück, ich hoffe, die Beiden machen mal einen Wochenendausflug nach Münster und stellen ihre Weine in einem heimischen Restaurant vor (z.B. Feldmann, Ackermann, Brust oder Keule oder Landhaus Eggert), das wäre genial!

 

Baden

Drei Favoriten von Makalié

Ganz besonders der Gutedel 2021 von Makalié, leicht trübes Zitronengelb, benötigt Luft, duftet dann nach Steinobst, etwas Zitrone und Nüssen, im Geschmack sehr karg und zurückgenommen, frische und feine Säurestruktur, wieder Zitrusnoten, viel Schmelz, langer Abgang mit hauchfeiner Bitternote, extrem spannender Wein! Um diesen Wein zu erzeugen, werden neben einem Drittel alter Gutedel-Reben aus eigenem Anbau von Mergelböden noch zwei Drittel zugekaufte Trauben von einem Demeter-Betrieb aus der Region verarbeitet. Es wird mit Sandstein-Amphoren und alten Holzfässern gearbeitet, der ganze Aufwand lohnt sich sehr, ein Wein mit nur 10% Alkohol, aber voller Spannung und puristischer Eleganz!   

Richtig toll auch der Spätburgunder 2020 Chapelle, benannt nach der Kapelle oberhalb der nicht flurbereinigten Ölberg-Lage im Naturschutzgebiet in Ehrenstetten. Überraschend dunkles Rubinrot, in der Nase herrliche süße Noten von schwarzen Kirschen, Pflaumen und Pfeifentabak, im Mund dann kühl und trocken, schöner Schmelz, noch zu jung, spürbare frische Säure, viel Potential Richtung seidiger und ultrafeiner Entwicklung, karger Abgang mit hauchfeiner Würze, spitze!, ich habe Nummer 225 von 450 Flaschen probiert.

Sensationell der Spätburgunder Bleuwen 2021, habe Flasche 87 von 624 (!!!) probiert, transparentes Rubinrot, intensive Spätburgunder Frucht in der Nase, Kirsche Johannisbeere, Kräuter und eine feine Würze, sehr elegant im Mund, weich, frisch und würzig, Mineraltöne, cool climate, druckvoller und unendlich langer Abgang, noch sehr jung, aber schon antrinkbar , viel Potential, ein Hochgenuss! Wow! Die Trauben stammen von der Toplage Römerberg in Badenweiler, hier stehen die Spätburgunder-Reben auf Kalkstein und Kalkmergel mit dünner Lehmauflage und sind am Abend auf der Höhenlage kühlen Fallwinden aus dem Schwarzwald ausgesetzt. Top!  

Von diesem Weingut wird man noch viel hören, so elegante Weine und voll mein Geschmack! Alles klassifizierte Badische Landweine, Erklärung im Glossar!

 

Baden

Weingut Brenneisen, Egringen, Markgräfler Land, Baden

Auch aus dem Markgräfler Land, weiter südlich als Müllheim, das Weingut der sehr netten Besitzer Dirk Brenneisen und seiner Frau Ronja Herr aus Egringen. In der wunderschönen Landschaft mit Fernblick nach Basel und noch viel intakter Natur, gründete Dirk Brenneisen als Quereinsteiger das Weingut im Jahre 2000 und gab seinen damaligen Beruf Werkzeugmacher auf. Auch Ronja Herr macht beruflich eigentlich etwas  anderes (Kinderchirurgin), liebt aber ebenfalls das Thema Wein und stellt mittlerweile sogar einen eigenen Rotwein des Sortimentes her. Die Weine auf der Probe waren puristisch, elegant und tiefgründig, hatten manchmal aber etwas zu viel Holz für mich, ich war auf die Nachprobe und meine Auswahl gespannt.  

 

Baden

Weingut Brenneisen, Egringen

Supereleganter Sekt der Chardonnay 2016, Zero Dosage, 24 Monate auf der Hefe gereift, helles Goldgelb im Glas, straffe Perlage, ganz feine Nase mit Andeutungen nach Brioche, Hefe, tropischen Früchten, Mineralik und Würze, im Mund sehr elegant und harmonisch, viel Schmelz und Trinkfluß, betörende Frucht, Hefezopf, aber auch gegenhaltende rassige Säure und salzige Elemente, dazu ein sehr langer und schöner fruchtig-salziger Abgang, das macht richtig Spaß und schreit praktisch nach Vergleichen mit Champagnern in der Preisklasse in Blindproben.  

Als „Brot und Butter-Wein“ fand ich den Gutedel 2020 „Lädde“ (alemannisch für Letten (Tonkalkboden))  richtig schön, goldgelbe Farbe, aber kein spürbares Holz in der Nase, dafür Apfel, Birne, pflanzliche Töne, im Mund ausgewogen, fruchtig und süffig, milde Säure, hat auch Nachhall, ein tolles Preis-Genuss-Verhältnis, die Rebsorte Gutedel auch hier in sehr guten Händen!

 Der Spätburgunder Herrreos 2017 mit strahlend hellem Rot und transparent im Glas, intensives Bukett, das mich an Holunder, schwarze Johannisbeere, Kirsche und etwas Pfeffer erinnert, im Mund sehr schlanke Frucht mit noch spürbarer Säure unterlegt, dadurch kühler und eleganter Eindruck, viel Schmelz und Zug, sehr feiner mineralisch-salziger Abgang mit einem Hauch Würze, ein masterpiece und wieder genau mein Geschmack, Glückwunsch nach Egringen! 

Top-Weine, unbedingt probieren, schaut aber auch wegen des tollen Brenneisen-Gutedels (bemerkenswerte Weine unter 11 Euro mit dem Zeichen gekennzeichnet) mal auf die Seite Siegerschankweine! Nach sechs Jahren blog ist da einiges mit markiert, ich hoffe, die Preise stimmen noch und die Weine sind auch noch erhältlich…  

 

Pfalz

Das volle bzw. leere Dr. Bürklin-Wolf Programm auf der Kirchenbank: leider verpasst! Zum Niederknien!

Ein besonderer Clou der Veranstalter, auch das weltberühmte und traditionsreiche Weingut  Dr. Bürklin-Wolf (seit 1597 ununterbrochen in Familienbesitz) aus Wachenheim (Pfalz) einzuladen. Seit 2005 wird der 87 Hektar Betrieb von Bettina Bürklin-von Guradze biodynamisch bewirtschaftet, es gehören berühmte Lagen aus Forst (Kirchenstück, Pechstein, Ungeheuer und Jesuitengarten), Deidesheim (Hohenmorgen, Langenmorgen und Kalkofen) und Ruppertsberg (Gaisbohl Monopol und Reiterpfad) zum Portfolio. Eine ab 1990 vorgestellte und an das Burgund-Prinzip angelehnte Terroir-Klassifikation (Grand Cru, Premier Cru, Village und Gutswein) war der Anstoß für die 2012 vom VDP entwickelte Qualitätspyramide. Bei so viel richtigen und visionären Entscheidungen wundert es nicht, dass seit 2012 ein junger italienischer Kellermeister, Nicola Libelli, an Bord ist und es wohl tatsächlich geschafft hat, spektakulär seinem berühmten Vorgänger, Fritz Knorr, nachzufolgen. 

 

Pfalz

Riesling 2008 GC Pechstein, Weingut Dr. Bürklin-Wolf, Wachenheim, Pfalz

Wie schon geschrieben, ich kam zu spät, auf mich warteten nur noch die leeren Flaschen, aber es kam kein Frust auf!, ich habe so viel neue Weine entdeckt und unglaublich lange und intensiv verkostet, dazu viele Gespräche mit vielen Infos und da war doch noch was? Richtig, in meinem Keller lag noch die letzte Flasche Riesling 2008 Pechstein vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf, ein Überraschungsfund im Lieblingsweinladen in Solingen. Eine Stammkundin hatte wohl 12 Flaschen Pechstein 2008 bestellt und ist dann verstorben. So konnte ich mir noch einige Flaschen aus dem Weinladen sichern, zwei Flaschen waren schon Teilnehmer in meinen berüchtigten Blindproben. Dort kam der Wein auch immer ganz gut an und das Weingut wurde erraten, der feine Wein hatte aber auch Mühe gegen kräftige, alkoholreichere Konkurrenz, das typische Probierschlückchen-Dilemma. Nun also die letzte Flasche, 15 Jahre alt: mittleres Gelb mit grünen Reflexen, in der Nase keine Petrolnoten, dafür viel Kräuter und erdige Töne, dahinter noch etwas Pfirsich und Zitrusfrüchte, Feuerstein, im Mund kräftig und schmelzig, Karamelltöne, Honig und feine Orange, trotzdem trockener Eindruck, immer stärker aufkommende Mineralik, dazu sehr lang und anhaltend, mit feiner Würze. Toller Wein, damals für 35 Euro gekauft, der aktuelle Pechstein 2021 schon ab Weingut für 150 Euro die Flasche ausverkauft. Ich musste das hier erwähnen, möchte aber den Preissprung eigentlich nicht weiter kommentieren!

Lieber noch ein abschließender Kommentar zu der Messwine in Bochum, unglaubliche location, tolle Winzer und Naturweine, hat sehr viel Spaß gemacht, die Veranstaltung nicht überlaufen, richtig großartig, schaut nächstes Jahr mal selber vorbei, es lohnt sich sehr!   

 

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Julius in der Pfalz!

 

Südliche Pfalz

Der Kräutergarten und das Tor in eine besondere Welt!

Hier im blog Premiere und wahrscheinlich bleibt das auch einmalig , ein Fortsetzungsbeitrag, aber auch einmalig, wofür sich der Weinhändler aus Herne, Hartmut Julius Meimberg, und seine Frau Ulrike ab dem Jahre 2012 entschieden haben. Sie haben ein aufgegebenes Weingut in Hainfeld (südliche Pfalz) gekauft und in mehreren Schritten mit viel Stil, Liebe zum Detail und Kreativität zu einem paradiesischen Appart-Hotel umgebaut. Nun war es endlich soweit, nach dem Besuch der Weinprobe in Herne 12 Tage Urlaub bei Julius in der Pfalz!

 

Pfalz

Blick aus unserem Studio in den wunderschönen Innenhof!

 

Pfalz

Stu, Stu, Studio…

 

Liebe auf den ersten Blick und nach einer Führung durch das ehemalige Weingut durch eine Freundin der Besitzer („vielen Dank und viele Grüße liebe Marion!“), großes Staunen, was für eine Detailversessenheit, die Sauna in den Weinkeller mit den ehemaligen Betontanks integriert, überall tolle Deko und Kunst, gemütliche Aufenthaltsbereiche und viel Platz, Gourmetfrühstück von der Etagere durch Herrn Meimberg mit immer wechselnden Köstlichkeiten und Überraschungen arrangiert. Und wenn es am Wochenende voller wurde, durfte ich sogar in der hauseigenen Vinothek mit Blick auf die Weinregale frühstücken, das war für mich echter Luxus! Der Besitzer brennt immer noch für die Themen Essen und Wein, veranstaltet Kochmenüs und Weinabende, verkostet regelmäßig, reist, sucht und bringt auch jährlich eine eigene Wein-Spezialedition heraus.

 

Pfalz

Spezialedition Julius aus der Pfalz! Grauburgunder und Rotwein Cuvee.

 

Ich bin ja eigentlich wegen fehlender Transparenz und einigen Enttäuschungen kein Freund von diesen Spezialeditionen, aber hier war ich sehr neugierig, wie das Thema wohl vom Perfektionisten gelöst wurde, außerdem hatte ich schon auf der Weinprobe in Herne eine schöne Scheurebe aus der Edition verkosten dürfen. Im Innenhof dann nette Weingespräche und der Grauburgunder „Julius in der Pfalz“ 2022 vom Kalk im Vergleich mit Grauburgunder Klumpp aus Baden und Grauburgunder Rebholz aus der Pfalz. Alle drei Grauburgunder stark, der Rebholz benötigte viel Luft (die Flasche war schon zum Glück einen Tag geöffnet, bei Rebholz entstehen immer tolle Essensweine mit viel Zukunft), der Klumpp (ein Bekannter hier im blog) sehr süffig und gut solo vorstellbar. Der 2022er Julius vom Kalk dann mit einem tollen Spagat zwischen Frucht und mineralischen Tönen, in der Nase Birne, Kräuter und nussige Aromen, im Mund Frucht und kreidig-kalkige Mineralität, viel Schmelz und Trinkfluß, sehr süffig, milde Säure, im Abgang feine Würze, unglaubliches PGV! Toller Wein für Balkon oder Terrasse, habe nachprobiert, mich fasziniert einfach an diesem Grauburgunder der deutliche Terroir-Einschlag, hier wurde die Rebsorte an richtiger Stelle gepflanzt, mit Respekt und Sorgfalt vom Winzer behandelt und dann wurde die Partie im Fass von einer absoluten Spürnase mit feiner Zunge entdeckt.

Auch die rubinrote Rotwein-Cuvee „Julius in der Pfalz“ 2020 trocken „Muschelkalk“ (aus Spätburgunder und Merlot) richtig überzeugend, in der Nase Kirsche, Himbeere, Leder und etwas Pfeffer, im Mund sehr weiche und runde Fruchtfülle, Fassnoten, wieder pfeffrig, würziger Abgang, ebenfalls ein toller Wein und wieder ein großartiges PGV! Ich stelle es mir extrem schwierig vor, solche Qualitäten in Zusammenarbeit mit Winzern hinzubekommen, aber da kommt die langjährige Erfahrung des Weinhändlers ins Spiel, der mittlerweile über 10 Jahre vor Ort ist und mit seinen Ansprüchen und dem Terroirgedanken in Hainfeld und Nachbarschaft nicht auf taube Ohren trifft. Experten können wohl anhand der A.P.Nr. den diesjährig auserwählten Erzeugerbetrieb für die beiden Weine herausbekommen, es ist der Betrieb 108, wahrscheinlich aus dem wunderschönen Nachbarort Rhodt unter Rietburg. 

 

Pfalz

Theresienstr. in Rhodt unter Rietburg, schöne Pfalz!

 

Rhodt unter Rietburg erwanderten wir noch am Ankunftstag von Hainfeld aus durch die Weinberge mit fantastischem Panoramablick, um dann mit Stechschritt die wunderschöne Theresienstr. in Kastanienblüte  runter zu hetzen, um pünktlich im  Restaurant Rhodter Adler zu sein. Richtige Bilderbuch-Pfalz, diese hübschen Sandstein-Torbögen mit den bunten Holztoren, richtige Idylle und der Blick nach oben auf Villa Ludwigshöhe brachte dann die Gewissheit, die Pfalz war mal bayrisch. Ludwig I. von Bayern und seine kluge Frau Therese aus Sachsen erholten sich hier am Sommersitz im italienischen Baustil vom Lola Montez Skandal, dem Ludwig 1848 die Abdankung von der Krone bescherte.   

 

Pfalz

Spätburgunder 2019 Buntsandstein, Weingut Klaus Meyer, Rhodt unter Rietburg

 

Das Weingut Klaus Meyer von Klaus und Dorit 1987 als Quereinsteiger gegründet, liegt direkt in der Theresienstr. und ist nach bescheidenen Anfängen aktuell auf 18 Hektar angewachsen. Sohn Marius (1987 geboren) ist nach spannenden Wanderjahren in den elterlichen Betrieb zurückgekehrt und sorgt für zusätzliche Impulse. Ein echter Familienbetrieb mit Ambitionen!

Der dunkle rubinrote Spätburgunder mit ausdrucksstarker Nase nach Kirsche, dunklen Beeren, Gewürzen und Leder, im Mund voll, dicht, feurig, pfeffrig, Fassnoten, dezente Säure, bei wunderbar weichem Abgang, sehr gelungen! Gefunden in der Vinothek bei Julius in der Pfalz!

 

Pfalz

Beginn der Kastanienallee in Rhodt unter Rietburg.

 

Im oberen Teil der Theresienstr. beginnt eine schöne Kastanienallee und irgendwann besuchten wir auf Wunsch meiner Freundin dann auch den idyllisch gelegenen Kastanienhof, bei mir schrillten beim Besuch schnell die Weinschrank-Alarmglocken, sehr anstrengende Gäste an den Nachbartischen, erinnerte mich kurzzeitig an die Drosselgasse oder Kröv, wie würde wohl das Niveau der Speisen und Weine sein? Supernette Bedienung und viele offene Weine des Weingutes Kastanienhof Fader aus Rhodt auf der Weinkarte, wir bestellten Silvaner, ich wollte unbedingt den Kalkmergel 2022 probieren. Der Wirt kam selber an den Tisch und brachte zwei mal den Guts-Silvaner! Auf meinen Hinweis, dass ich so gerne den Kalkmergel probieren würde, erdreistete er sich mit den Hinweis, dass ich den dann auch hätte bestellen müssen. Plötzlich war ich König Weinschank I., wollte dieser Flegel etwa meine Wein- und Bestellkompetenz in Frage stellen? Majestätsbeleidigung, was sollten meine Lola Montez und der Pöbel an den Nachbartischen vom König denken? Zum Glück bemerkte der Kastanienweinschank noch selbst seinen Fehler und kroch demütig zu Kreuze, Wein und Essen konnten den verwöhnten Gaumen des Monarchen dann aber tatsächlich milde stimmen,  auch Wein Nummer 2, eine Albalonga Beerenauslese, eine königliche Versuchung zum Dessert.   

 

Pfalz

Zwei Silvaner von Fader.

 

Das Familien-Weingut Kastanienhof Fader (ca. 16 Hektar) gleich um die Ecke auf der Theresienstr. mit schöner Vinothek und sehr freundlicher Beratung,  sehr praktisch, konnte man gleich die Weine noch mal probieren und für die ultimative Verkostung zu Hause kaufen.

 

Pfalz

Silvaner 2022 trocken Kalkmergel und Albalonga 2018 Beerenauslese, Weingut Fader, Rhodt unter Rietburg

 

Der Silvaner hellgelb mit grünlichen Reflexen, in der Nase Birne, Kräuter und nussige Töne, im Mund Zitrusfrucht, Birne und eine deutliche und faszinierende kreidig-kalkige Mineralität, gut eingebundene Säure, schön voller Abgang mit dem Hauch einer Bitternote, wieder richtig toller Wein, wieder fantastisches Preis-Genus-Verhältnis! Großes Lob!

Ein Superwein auch die goldgelbe Albalonga 2108 Beerenauslese, intensiver Duft nach Papaya, Mango und Backpulver, im Mund feine Säure, die die exotische Fruchtfülle nicht zu süß oder klebrig werden lässt, viel Schmelz und Trinkfluss, schön langer und voller Abgang mit einem Hauch Mineralität. Wir fanden den Wein richtig klasse! 

 

Pfalz

Auf dem Weg zur Burrweiler Mühle.

 

Die Landschaft um Hainfeld ist wunderschön, die bewaldeten Pfälzer Hügel stürzen als Rebenmeer kilometerweit mal steil oder weniger steil runter in die Rheinebene. Auf mehreren Ebenen schöne Dörfer wie Weyher, Burrweiler, Hainfeld oder Rhodt unter Rietburg. Dazwischen tief ausgewaschene Bachtäler mit Mühlen und in der idyllischen Burrweiler Mühle im Modenbachtal waren wir zwei mal essen (werft mal einen Blick auf die Restaurantseite, Reisen zum Wein/Pfalz). Beeindruckende Weinkarte mit offenen Weinen und nanu, schon wieder ein Julius?  Der Riesling gefiel mir genau wie der Merlot beim zweiten Besuch der Mühle sehr gut und so stand fest, wir mussten unbedingt noch das Weingut Scherr in der direkten Nachbarschaft von Julius in der Pfalz besuchen. Der Riesling Julius ist einem der Kinder von Andreas und Karin Scherr gewidmet und hat nichts mit Julius in der Pfalz zu tun. Aber schöner Glückstreffer!

 

Riesling trocken 2021 „Julius“, Weingut Scherr, Hainfeld

 

Strohgelber Riesling mit schönem Aprikosenduft und floralen Noten, im Mund Zitrusaromen und eine noch sehr präsente und frische Säure, schöner Abgang mit mineralischen Tönen und einer leichten Bitternote, ein schöner Sommerwein, mit sehr gutem PGV!

Die Scherrs betreiben schon über Generationen (seit 1782) Weinbau in Hainfeld und haben sich auf ca. 20 Hektar ganz dem Nachhaltigkeitsgedanken nach Fair’n Green verschrieben, jeder Faktor bei der Weinerzeugung wurde bei allen finanziellen Zwängen auf Grundsätze der Nachhaltigkeit geprüft, um die Weine möglichst umweltgerecht und naturnah zu erzeugen, zufriedene Mitarbeiter zu haben und die in dieser Gegend außergewöhnlichen Terroirs vielleicht einmal vital an die nächste Generation weitergeben zu können.  Im Raum Hainfeld finden sich auf kleinstem Raum Terroirs wie Buntsandstein, Granit, Devonschiefer, Rotliegendes, Kalkmergel (auch Letten genannt), Lehm, Löss, Lösslehm, Lösssand und Muschelkalk. Wo das Fair’n Green Logo oder generell Weinguts-Logos an den Rebzeilen prangen, grünt und blüht es, Insekten summen, nur ganz selten leuchtet der Innenbereich einer Rebzeile mal weißverbrannt, Pestizide, kein Besitzerschild, Genossenschaftsmitglieder der alten Schule?, eine Schande! So etwas habe ich nicht für möglich gehalten. Das Gegenmodell in der Gestalt von Frau Scherr, Feuer und Flamme für das nachhaltige Konzept, das merkt man sofort, großes Lob für die tolle Moderation und die Infos, man fühlte sich sehr willkommen. 

 

Pfalz

Merlot trocken 2019, „im Barrique gereift“, Weingut Scherr, Hainfeld

 

Den tiefdunklen Merlot von der Lage Hainfelder Kappelle  im Restaurant zum Essen bestellt (Wildgericht), in der Nase Backpflaume, Kirsche und etwas Vanille, im Mund sehr voll, warm, aber auch weich und rund, langer Abgang mit einer würzigen Note. Hielt auch den heimatlichen Nachverkostungen stand, noch ein schöner Treffer und das Weingut ein echter Geheimtipp mit überzeugendem Konzept und tollen Weinen. 

 

Elsass

Elsass-Grand Cru-Probe Riesling 2019. Domaine Julien Meyer Muenchberg gegen Domaine Hurst, Brand

 

Großartige Vergleichsprobe im wunderschönen Innenhof „Julius in der Pfalz“, die Meimbergs öffneten zwei Riesling 2019 Grand Cru-Weine aus dem Elsass, man diskutierte über den Terroirgedanken bei Natur-/Orangeweinen und wir verloren völlig die Zeit! Toller Urlaubsmoment und zum Glück konnte ich die Probe zuhause in aller Ruhe noch mal nachstellen.

Der 2019er Riesling GC Muenchberg der Domaine Meyer mit trüber orangener Farbe, in der Nase mostig, Bienenwachs, Klebstoff, im Mund viel Säure, aber auch erfrischende Frucht und eine gewisse Salzigkeit, schön langer Abgang, alles noch etwas unrund, da fehlt noch Zeit, der 2018er hat mich da aktuell mehr fasziniert. 

Der 2019er Riesling GC Brand der Domaine  Hurst goldgelb und in Topform im Glas, in der Nase Pfirsich, Zitrusfrucht und florale Noten, im Mund elegante Frucht, dazu sehr cremig, fast ölig, aber auch mineralisch, wunderschöner langer Abgang mit einer hauchfeinen Bitternote. Toller Essenswein, eine tolle Entdeckung und noch mal tausend Dank an das Ehepaar Meimberg in Hainfeld.

 

Pfalz

Gute Nacht, Weinschank!

 

Das Weingut Theo Minges in Flemlingen liegt südlich von Hainfeld und für uns wohl in einem toten Winkel, in dem Dorf sind wir nicht gewesen, obwohl es dort eine Weinstube Zechpeter gibt. 1977 bestand Theo Minges jr als Zwanzigjähriger die Winzer-Meisterprüfung und übernahm kurze Zeit später als 7. Generation den elterlichen Betrieb. Heute führt er das 25 Hektar VDP-Weingut zusammen mit seiner Frau Martina und den beiden Töchtern Regine und Julia. Ich war sehr gespannt auf den Spätburgunder VDP.Gutswein, an den Grundqualitäten entscheidet sich für mich immer, ob ich auch Weine aus der nächsten Stufe der Qualitätspyramide probiere. 

 

Pfalz

Spätburgunder Tradition trocken 2017, VDP.Gutswein, Weingut Theo Minges, Flemlingen

 

Benötigt ganz viel Luft zur Harmonisierung, am Anfang zu viel Holz, dann schöne Nase nach dunklen Beeren, Leder und Tabak, im Mund süße Frucht, viel Fülle, etwas Herbe, schön eingebundene Säure, langer fruchtiger Abgang mit etwas Würze. Starker Gutswein, tolles PGV, der Weg die Qualitätspyramide hinauf ist frei, gefunden in der Vinothek von Julius in der Pfalz. 

 

Pfalz

Neustadt an der Weinstraße, geschichtsträchtiger Ort für Weinfans!

 

Ausflug nach Neustadt an der Weinstr., eine Stadt mit wunderschönen idyllischen Ecken und auch mancher Bausünde. In der schönen Stadtkirche spielte ein ukrainisches Mädchen großartig improvisierend auf einer Orgel und sorgte für feuchte Augen. Bei richtig trüben Gedanken trafen wir dann auf die „La Boutique Trinkkultur„, eine schöne Weinbar mit einem Weinkellner, der uns sofort die Möglichkeit anbot, die angebotenen offenen Weine blind zu verkosten, ich erwachte sofort aus meiner Lethargie, Blindverkostung?, besser geht es nicht, was für eine geniale Wendung! Ich probierte blind zwei Weine, die ich richtig toll fand und auch kaufte, aber was soll ich schreiben?, mir fehlten meine Spielregeln, ich konnte beim ersten Versuch nichts erraten, ein wenig peinlich, aber trotzdem will ich immer nur blind verkosten!    

 

Pfalz

Blindprobe im La Boutique Trinkkultur.

 

Der erste von mir probierte Wein war ein strohgelber und  frischer Wein, in der Nase leichte Hefetöne, ein ganzer Obstkorb und auch nussige Töne und Kräuter, im Mund kreidig-kalkig, aber auch Frucht, sehr schmelzig, salzig und süffig, dezente Säure, ein schöner langer Abgang mit Würze, richtig toll, konnte Riesling ausschließen, aber Grauburgunder war falsch und dann kam auch schon die Auflösung: ein 2022er Silvaner Steinsprung aus sehr alten Rebanlagen aus Albersweiler vom Weingut Gies-Düppel aus Birkweiler. Immerhin konnte ich ein wenig von meiner Schmach ablenken und erzählen, dass ich Rotwein vom Weingut im Keller habe und meinem netten Ex-Chef aus Düsseldorf mal eine Empfehlung ausgesprochen hatte und dieser total begeistert von seinem Besuch bei Gies-Düppel aus der Pfalz zurück kam.

Volker und Tanja Gies führen das Familienweingut in Birkweiler in vierter Generation und haben behutsam erweitert (auf ca. 22 Hektar) und kontinuierlich investiert und modernisiert. Die einschlägige Weinkritik stuft die Weine immer hoch ein und auch ich hatte noch keinen schwachen Wein, aber irgendwie ist das Weingut immer noch ein Geheimtipp (auch wegen der guten Preise!) und bei mir schon wieder leicht in Vergessenheit geraten. Deshalb war ich sehr froh, den Namen Gies-Düppel bei Auflösung der Blindprobe auf dem Etikett zu sehen, werde meinen kleinen Kellerbestand mal aufstocken, versprochen! 

 

Pfalz

Tolle und junge 2022er Weine aus der „La Boutique Trinkkultur“ in Neustadt.

 

Beim ersten Riechen und auch beim ersten Schluck des zweiten Weines wusste ich schon, das wird nicht einfacher, Birne, Quitte und Kräuter in der Nase, im Mund frisch und viel Frucht, deutlich Mandarine, aber auch mineralische Töne, lang anhaltend, wieder ein toller Wein und der Weinschank mal wieder völlig ratlos, keine Chance!, die Auflösung mit Roter Veltliner auch eine „bodenlose Frechheit“, ich kenne die Rebsorte nur aus Österreich (Wagram), ist beim ehemaligen Stiftsweingut Frank Meyer aus Gleiszellen wahrscheinlich nicht der einzige Kracher, ich nehme gerne solche Niederlagen in Kauf, wenn ich dadurch großartige Weingüter mit tollen Weinen finde. Mir hat es viel Spaß gemacht, gerne wieder in diese tolle Weinbar in Neustadt!

Das Weingut Frank Meyer ist eigentlich bekannt für seine Rieslinge, Chardonnays und Muskateller von einer reinen Muschelkalk-Lage bei Gleiszellen. Deshalb großes Glück für mich, über den Exoten Roter Veltliner (der Jahrgang 2022 ist wohl erst der 2. produzierte Jahrgang) das Weingut zu entdecken. Auch hier werde ich das Sortiment noch genauer betrachten. Sohn Nico arbeitet schon im Betrieb und Johannes Meyer wird nach Abschluss seines Weinwirtschafts-Studiums in die Vermarktung der Weine einsteigen.

 

Pfalz

Tolles Restaurant Lilly, Neupotz

 

Apropos Blindverkostung, Teil 2,  beim Besuch des  Restaurants Lilly in Neupotz (schon ganz schön weit unten Richtung Rhein und damit ein Supertipp für blog-Leser aus Karlsruhe, wenn ich denn welche haben sollte!) bekam ich vom netten Sommelier Stefan Echle auch international die Grenzen aufgezeigt, beide Weine toll und großartige Essensbegleiter, aber für mich eine extrem schwere Aufgabe, Auflösung im Restaurantteil. Bewunderswert und meine Hochachtung, wie der Sommelier ganz allein auf einem Montag, dass bis auf den letzten Platz gefüllte Restaurant versorgte und noch Zeit für Weingeschichten und Blindverkostungen fand. Ein Überzeugungstäter mit viel Wissen und Liebe zu seinem Beruf, hat er super gemacht, eine tolle Entdeckung!     

 

Pfalz

Weinbar Fünf Bäuerlein, Landau

 

Auf einem Samstag Besuch des Wochenmarktes im schönen Landau, dazu noch nervenzerfetzender Schuhkauf (für mich!) und zur Belohnung dann ab in die 2023 wiedereröffnete Weinbar Fünf Bäuerlein. Im schönen Ambiente werden hier offene Weine der fünf Weingüter Friedrich Becker, Münzberg, Rebholz, Siegrist und Dr. Wehrheim zu leckeren Kleinigkeiten ausgeschenkt. Fand die Qualität der probierten Weine sehr gut und entschied mich später, einen  Weissburgunder VDP.Ortswein von Dr. Wehrheim aus der Julius-Vinothek zu kaufen.

 

Pfalz

Weißburgunder 2020, Muschelkalk, VDP.Ortswein, Weingut Dr. Wehrheim, Birkweiler

 

Strohgelber Weißburgunder mit grünlichen Reflexen, in der Nase etwas Zitrusfrüchte, Apfel und nasser Stein, im Mund säurearm, dafür aber die volle kreidig-kalkige Mineraldosis, sehr fein und elegant, süffig, macht Spaß und endet mit einem langen würzigen Abgang.  Schon selbstbewusste Preisgestaltung, aber eine tolle Weißburgunder-Erfahrung. 

 

Pfalz

Weingut Lingenfelder, Grosskarlbach

 

Ausflug in die nördliche Pfalz nach Grosskarlbach, Mittagessen im wunderschönen Restaurant Karlbacher (einer der Lingenfelder-Söhne arbeitet dort) und dann Besuch des schönen Weingutes Lingenfelder. Vater Lingenfelder sehr charismatisch, freundlich und mit Spaß bei der Moderation der Verkostung und der späteren Weingutsführung, gestartet wurde mit zwei Roses, die trockene Variante hatte ich schon im Karlbacher probiert und reflexartig gleich ein Glas nachbestellt. Äußerst köstlich, schade, dass ich diesen Rose nicht in meiner großen Rose-Verkostung hatte, der wäre ganz weit nach vorne gekommen.  

 

Pfalz

Zwei tolle 2022er Roses, Weingut Lingenfelder, Grosskarlbach

 

Mein großer Favorit, der Spätburgunder Rose Kabinett 2022 trocken, Grosskarlbacher Burgweg, Weingut Lingenfelder. Leuchtende lachsfarbene Farbe, schöne Fruchtnase, sehr elegant, frisch und ausgewogen, ganz dezente Frucht, Mineraltöne, süffig und langer Abgang, das wird mein Sommerwein!

Aber auch der Rose-Favorit meiner Freundin nicht zu unterschätzen, der feinfruchtige Spätburgunder 2022 Kabinett Minne Rosee, mit tollem Mittelalter-Etikett und ebenfalls toller Strahlkraft, in der Nase viel Erdbeere, im Mund sehr fruchtig, voll, deutliche Süße, sehr süffig, ein Schmeichler wie ein Minnesänger.

 

Pfalz

Drei besondere Lingenfelder-Weine

 

Im traditionellen Weingut Lingenfelder wurde schon sehr früh der Bio- und Nachhaltigkeitsgedanke gelebt und weitervererbt, zusätzlich bemüht man sich auch sehr um Rebsorten, die woanders nur noch als Massenträger dienen und die Weine dann in den unteren Supermarktregalen verschwinden. Deshalb war ich sehr auf diese kleine Serie gespannt, erster Wein ein 2013er Morio Muskat, Bienen-Edition. Leuchtendes strohgelb, in der Nase Zitrusnoten. florale Töne und Muskatnuss, im Mund überraschende Säure, die die feinfruchtigen Noten in schöner Harmonie hält, sehr schmelzig und süffig, ganz leicht pampelmusige Töne im Abgang, schöne und erstaunliche Entdeckung und bestimmt mal ein Schrecken in einer meiner berüchtigten Weinproben.  Die Rebsorte Morio-Muskat übrigens eine Kreuzung aus Muskateller und Silvaner, bei den Lingenfelder stehen über 45 Jahre alte Rebstöcke im Weinberg.

 

Pfalz

Kellerführung

 

Verblüffend auch der Onyx Dornfelder 2018, eine reife Spätlese aus dem Grosskarlbacher Burgweg, sehr dunkel und dicht im Glas, tolle intensive Nase nach Kirsche, Brombeere und Holunder, im Mund voll und würzig, schöne Frucht, wirkt trotzdem sehr trocken, langer Abgang, toller Essenswein und auch wieder ein schöner Pirat für Blindproben. Dornfelder ist eine Neuzüchtung von 1955, Kreuzung aus den Rebsorten Helfensteiner und Heroldrebe an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg durch August Herold, benannt nach dem Gründer des Instituts, Immanuel Dornfeld. Toll, was die Lingenfelder aus dieser Rebsorte machen!

 

Pfalz

Im Keller der Lingenfelder!

 

Und noch ein 2015er Pinot Gris (Grauburgunder), eine feinfruchtige Spätlese aus dem Grosskarlbacher Osterberg. Goldgelb im Glas, faszinierende Nase nach Birne, Honig und Pilzen, im Mund durch Säure gepufferte Fruchtsüße, voll und rund, passt wunderbar zur asiatischen Küche. Noch ein wirklich erstaunlicher Wein!

Fazit: alle probierten Lingenfelder-Weine überzeugen durch ihre Eigenständigkeit und bringen ungewohnte Geruchs- und Geschmackserlebnisse! Wir sind begeistert und mit Georg Lingenfelder steht ein Sohn bereit, der mit seiner Weinlinie noch einen Schritt weiter geht, da freut Euch einfach mal auf den nächsten blog-Beitrag!

 

Pfalz

Musikantenbuckel

 

Auf der Rückfahrt von Großkarlbach Stopp am Musikantenbuckel, neben einer Lage auch der Name eines sehenswerten und verwunschenen Weingartenparadieses, das von Senior Hans-Dieter Reibold angelegt wurde und nun als sein Reich und Rückzugsgebiet liebevoll gepflegt wird. Das 15 Hektar Weingut direkt in Freinsheim wurde schon 2012 an die beiden Söhne Philipp und Johannes weitergegeben, wir holten dort auf Wunsch von Herrn Meimberg den hier im blog auch schon behandelten Grenache-Nachfolgejahrgang 2019 und für uns eine Flasche Spätburgunder 2019 „Im großen Garten“ ab.  

 

Pfalz

Spätburgunder 2019, Großkarlbacher Burgweg, „Im großen Garten“, Weingut Reibold, Freinsheim

 

Richtig toller Spätburgunder, sattes Rot mit transparenten Rändern, kräftige Nase mit Kirsche, roten Beeren, Waldboden, Pilzen und einer rauchigen Würze , etwas Vanille, im Mund viel Frucht und eine schöne und samtige Tiefe, gleichzeitig Kraft und Eleganz bei vibrierender Säure, langer und geschmeidiger Abgang! Fantastischer Wein!

 

Pfalz

Spätburgunder R 2019, Weingut Ökonomierat Rebholz, Siebeldingen, Pfalz

 

Und auch der letzte probierte Spätburgunder R 2019 vom Weingut Ökonomierat Rebholz, ein Abschiedsgeschenk von den Meimbergs für uns, ein großartiger Wein. Strahlendes und transparentes Purpur im Glas, benötigt etwas Luft, in der Nase dann Süßkirsche, dunkle Beeren, Vanille und Pfeifentabak, im Mund viel Frucht, feine Säure, sehr elegant und schlank, schöne Tiefe, langer Abgang mit mineralischen Tönen. Bravo!

 

Pfalz

Siebeldingen

 

Das traditionsreiche Weingut Ökonomierat Rebholz (die Familiengeschichte reicht bis ins 16. Jhd. zurück) aus Siebeldingen wird von Hansjörg und Birgit Rebholz geführt, die nächste Generation mit den Kindern Hans, Valentin und Helene arbeitet schon mit. Seit 2005 wurden die Weinberge nach ökologischen Richtlinien bewirtschaftet, kurz danach dann auch schon biodynamisch, für mich der einzig richtige nachhaltige Ansatz! Die Weine der Familie Rebholz glänzen durch Langlebigkeit und einem ganz eigenen Stil, habe schon mehrmals bei Weißweinen eine positive und fast unglaubliche Veränderung der Weine als Essenspartner erfahren dürfen. 

 

Pfalz

Deutscher Weinstraßen-Meter

 

Gesamtfazit: nach 2008 (Maikammer und Deidesheim) endlich mein nächster längerer Aufenthalt in der Pfalz, es hat sich weintechnisch für mich viel verändert, die schweren und alkoholreichen Weißweine, die nur Lust auf ein Glas zum Essen machten, scheinen verschwunden, Barrique-Fässer sind teuer und scheinen nur noch bei den Spitzenweinen eingesetzt zu werden, dafür lebt der  Terroir- und Nachhaltigskeitsgedanke, mir haben so viele Weine aus diversen weißen Rebsorten geschmeckt, eine richtige Stiländerung in der Pfalz, ich musste leider aber auch sehr viel weglassen! Auch bei den Rotweinen geht es kontinuierlich und mit großer Klasse in die feine Richtung, erstaunlich auch, was man mittlerweile aus Exoten in der Pfalz machen kann. Ein letzter großer Dank an alle Impulsgeber hier, an die Meimbergs, an alle Winzer und Familienangehörige, Sommeliers ,Weinkenner und Mitarbeiter in der Gastronomie.  

 

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