Ich konnte nach meinem Fahrrad-Crash den angesparten und ausgefallenen Sabbatmonat 2024 tatsächlich im September 2025 nachholen, schon mal hier tausend Dank vom Weinschank an die Verantwortlichen und die Arbeitskollegen, die das möglich gemacht haben! Eigentlich hätte ja Österreich auf mich gewartet, aber da ich im blog schon unter Schmerzen eine imaginäre Weinreise in die Alpenrepublik konstruiert hatte, um nicht völlig durchzudrehen, fiel meine Wahl als Alleinreisender dieses Mal auf zwei bekannte und klassische Ziele in bella Italia.

Salò, Perle am Gardasee-Westufer, Lombardei.
Über Anreise-Probleme mit dem Zug schreibe ich nicht, um verlorene Lebenszeit zurück zu gewinnen, aber das Städtchen Salò am lombardischen Westufer des majestätischen Gardasees (60 km lang und mit spektakulärer Berglandschaft umgeben!) hat mich schon immer verzaubert und begeistert. Eine kleine Anekdote, wie ich dieses Paradies und die Umgebung entdeckt habe: 1986 ging es kurz vor dem Abi doch noch auf Klassenfahrt nach Italien, der erste Versuch musste aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, abgesagt werden und es ging als Trost nach Fulda! Auf der Reise nach Rom machten wir Zwischenstopp in Garda am Ostufer des Gardasees, in Venetien, und der begeisterte Schank fragte am Ufer mit Panoramablick die Italienischlehrerin, was denn wohl am anderen Ufer wäre. Die Antwort habe ich nicht vergessen und sie hat mich sehr neugierig gemacht „Am Westufer machen die reichen Leute Urlaub!“. Viele Jahre später wollte ich dadurch immer noch wissen, wie es dort aussieht und die Ecke bereisen, im Antiquariat im Ruhrgebiet kaufte ich einen betagten Osteria-Führer Italien und entdeckte Salò mit drei Einträgen als perfektes Ziel!

Ausblick Hotel Vigna, Salò
Salò liegt geschützt in einer Bucht und hat sich trotz Tagestourismus-Ansturm über die Ausflugsboote viel italienisches Flair erhalten. Es gibt eine wunderschöne lange Promenade, einen Dom, tolle Geschäfte, eine Anlegestelle für die Gardasee-Pendelflotte, unzählige Bars und Cafes und damals drei große Gastronomie-Klassiker. Das feine Campagnola leider zur Zeit geschlossen, die Osteria dell’Orologio mittlerweile eine tolle Weinbar und die Osteria Felter alle Rose unter neuer Leitung. Dazu noch mein Liebling, die Osteria di Mezzo der Familie Vanni, dazu später mehr. Durch Zufall habe ich auch das Hotel Vigna direkt am Ufer gefunden, eine echte Konstante durch die sprachbegabte Familie Bassetti und extrem freundliche Mitarbeiter. Die Wohlfühlatmosphäre war sofort wieder geschaffen, jetzt mussten mir nur noch ein paar feine Weine ins Netz gehen.

Quallen gibt es nur auf der Promenade, nicht im See!

Mit dem Sommelier-Gorilla im Schlepptau sollte doch bei der Weinauswahl nichts schiefgehen!
Der Affe taucht immer auf, wenn man am wenigsten mit Ihm rechnet, wahrscheinlich hatte er sich im Koffer versteckt!, auf jeden Fall ist er noch lauffauler als mittlerweile ich mit Oberschenkelhalsbruch-Restschmerzen. Trotz aller Warnungen musste es erste Reihe an der Promenade sein, Naturall Garda Bistrot Salò, ach so! Keine Ahnung, woher der Gorilla immer seine Informationen hat, aber der Laden überzeugte trotz toller Aussicht sehr (ich habe da ja immer so meine Vorurteile!) und der vom Äffle georderte Wein begeisterte sogar! Auf meinen Hinweis, dass ich in der Woche eigentlich Lugana verkosten wollte, antwortete er, dass es mit ihm nur Chiaretto und Franciacorta gäbe, sonst könnte ich ihm endgültig am Arsch lecken, besonders gern mit rauer Zunge! Eine bodenlose Frechheit das Benehmen dieses Gorillas, leider am Gardasee auch bei deutschen Touris keine Seltenheit, auch fremdsprachlich glänzt der Deutsche in Salò mit „Servus, zwei Expresso!“ oder „N’Abend, allerseits!“.

Großartiger Rosè RosaMara von Costaripa!
Im letzten Gardasee-Beitrag siegte ja knapp der Diamante von Comincioli, das begehrte Olivenöl des Weingutes übrigens bei meinem diesjährigen Besuch auch schon wieder restlos ausverkauft (auch so eine Konstante!), der Diamante eher vollfruchtig und wieder stark, aber nun war es höchste Zeit, sich mehr um die sehr eleganten Rosé-Weine der Valténesi-Hügel zu kümmern.
Das Weingut Costaripa wurde 1936 von Mattia Vezzola Senior in Moniga del Garda in der Valténesi-Kernzone gegründet. Er legte mit dem Kauf erster Weinberge und ersten Erfahrungen als Winzer und Kellermeister den Grundstein für den späteren Costaripa-Erfolg. 1938 kam der erste Rosè-Wein, ein Chiaretto di Moniga, auf den Markt. 1954 stiegen und brachte sich die Söhne Bruno und Franco mit neuen Ideen ins Weingut ein. So gab es z.B. ab 1959 Pferdeeinsatz zur Bodenschonung. 1972 beendete der hochtalentierte Mattia Vezzola sein Önologiestudium und richtete das Weingut mit Vater Bruno und Bruder neu aus. Bei einer Reise in die Champagne im gleichen Jahr, entdeckte er die hochwertige Schaumweinherstellung für sich, das Portfolio von Costaripa wurde ab 1973 um Schaumwein erweitert und sein Talent und sein Können ließen ihn sogar Kellermeister bei der berühmten Franciacorta-Kellerei Bellavista werden. 1983 entstand der erste Jahrgang vom Rosè-Wein RosaMara. 2004 gönnte man sich eine neue moderne Kellerei für Rosèwein, die 2020 mit einem Erweiterungsbau für Schaumweine ergänzt wurde. Mittlerweile verfügt man über ca. 36 Hektar Weinbergsfläche.
Alles an dem Rosè RosaMara ist elegant, eine Cuvee aus de Rebsorten Groppello, Marzemino, Sangiovese und Barbera, leuchtende Lachsfarbe, in der Nase dezenter aber wahrnehmbarer Duft nach Erdbeere, Granatapfel und Weißdorn, im Mund rund, harmonisch und straff, feine Säure, dazu Beerenfrucht und mineralische Anklänge, seidig und saftig, langer Abgang mit einem leichten Bittermandel-Ton, gefiel mir super und entpuppte sich auch als perfekter Begleiter zu Antipasti und Fisch. Im Naturall Garda Bistrot wurde vergessen, die Flasche auf die Rechnung zu setzen, der Gorilla war natürlich sofort verschwunden!, aber ich habe die Flasche nachgemeldet, ehrlich währt am längsten!

Valtènesi-Hügellandschaft
Nachdem mir der Gorilla die ganze Nacht die Ohren vollgeschnarcht hatte, ging es am nächsten Tag in die schon erwähnte Osteria dell’Orologio, die sich seit meinem letzten Besuch stark verändert hatte, eine richtig schöne Weinbar mit unzähligen offenen italienischen Weinen ist entstanden. Es herrscht in den historischen Räumlichkeiten immer Betrieb, die Pächterfamilie ist nett und weinverrückt, es gibt köstliche Essensbegleitung und auch Gorillas werden bedient. Natürlich musste es gleich wieder eine Flasche sein, auf meinen Hinweis auf die vielen offenen Weine auf der Tafel, meinte das Tier nur, wer weiß, wie lange die Flaschen wohl schon offen stünden, das sollten die Trottel an den Nebentischen mal alleine saufen. Die ausgewählte Flasche aber wieder köstlich, da lässt man dem Getier schon einiges durchgehen.

Köstlicher Rosè-Wein 2024 von Le Chiusure
Vor über 30 Jahren beschloss Alessandro Luzzago aus Brescia aus dem sehr theoretischen Lehrbetrieb der Hochschule für Agrarwissenschaften in Florenz auszubrechen und sich in ein sehr praktisches Abenteuer zu stürzen, er kaufte das Weingut Le Chiusure hoch über der Bucht von Salò in Portese. Seit 1989 werden hier auf 4 Hektar traditionelle Rosè-Weine gekeltert, dazu auf 2 Hektar noch etwas Olivenöl. Mit dem Nachzug seiner Frau Paola 1990, investierte man auch noch in Gäste-Appartements und in ein Restaurant (mittlerweile leider geschlossen!), um gleich wunderbare pairings zum Wein anbieten zu können. Die ganze Gegend ist ein Paradies, aber genau wie in vielen anderen Weingegenden werden der Bauspekulation viele Weingärten geopfert. Hier sieht sich das Ehepaar Luzzago als Gralshüter, die Zeit scheint still zu stehen, man hat sich weder vergrößert, noch ist man je von seinem Stil abgewichen, im Gegenteil, 2019 wurde man biologisch zertifiziert. Jeden Dienstag darf man ab 18 Uhr zu einer Probe kommen, ich war mit dem Schiff zum zauberhaften Hafen Portese unterwegs, kam dann aber mit meinen Laufschmerzen nicht den steilen Berg hoch, ich tröstete mich an einem meiner Lieblingsplätze am Gardasee im Restaurant Osvaldo am Hafen Portese mit Rosè von Le Chiusure.
Blasses Altrosa, wunderbare Nase nach Erdbeeren, Pfirsich und weißen Blumen, im Mund trocken, aber dennoch mit Beerenfruchtanklängen, dazu gut eingebundene Säure, sehr frisch, schmelzig und süffig, im langen Abgang auch mineralische Töne. Toller Essensbegleiter zu Antipasti, Pizza, Fisch oder Curry. Ein weiterer Favorit!

Der Hafen von Portese.

Portese-Blick.
Der gierige Affe ließ mir keine Ruhe, Besuch des Restaurants Quanto Basta 2.0 direkt am Seeufer. Ich kenne das Restaurant schon lange, in seinen Anfängen residierte man in einem schönen steinernen Bauernhaus hoch über Salò, im Dorf Campoverde. Als sich die riesige Chance bot, Räumlichkeiten mit einer Terrasse direkt am See zu pachten, zog man um und setzte als Suffix 2.0 hinter seinen Namen. Sehr feine Küche und großartige Weinkarte (auch mit Costaripa!!!), aber der Gorilla wollte unbedingt den Chiaretto-Geheimtipp von Leali di MonteAcuto.
Verlässt man die meistens laute und mit Einkaufszentren zugepflasterte Verbindungsstraße zwischen Salò und Desenzano bei Raffa und geht einen schmalen ausgeschilderten Weg Richtung Monteacuto ins Tal runter, wähnt man sich in einer anderen Welt. Hier wohnt die Familie Leali seit Generationen auf einem Bauernhof, mittlerweile sind es Vater Antonio, Sohn Simone mit Frau Antonia und Tochter Marta. Sie bewirtschaften wunderschöne 8 Hektar Wein- und 6 Hektar Olivenanbau-Fläche, im Tal herrscht ein besonderes Mikroklima, oft wehen Winde vom Gardasee rüber.

Valtènesi Chiaretto 2024, Leali di MonteAcuto, Puegnano del Garda, Brescia, Lombardei
Der Chiaretto ist ein Blend aus den Rebsorten Marzemino, Groppello, Sangiovese und Barbera, leuchtet Lachsfarben, in der Nase Erdbeere, Pampelmuse und Rosenblüte, im Mund trotz dezenter Säure viel Frische und Süffigkeit, schöne Beerenfrucht, schöner Abgang mit Grapefruitnote. Ist ein herrlicher Aperitivwein, passt aber auch zu Antipasti, Pizza oder Fisch.

Krokodil in Sirmione.

Blick von Gardone Sopra auf den Gardasse.
Nach Ausflügen nach Sirmione und Gardone Sopra war mir klar, dass ich den dominanten und frechen Gorilla endlich loswerden musste. Am Anreisetag mit dem Bus hatte ich auf der Durchgangsstr. von Desenzano nach Salò eine abgefahrene Ausstellung knallbunter Kunststofffiguren gesehen und dem Gorilla dann von seinem Ahnenfriedhof vorgeflunkert. Dort wollte ich zusammen mit ihm eine Flasche Franciacorta fotografieren. Barone Pizzini ist zur Zeit die Hausmarke im Hotel Vigna (dort hatte ich vor vielen Jahren auch mal den großartigen Franciacorta Villa entdeckt), am besten gefiel mir der 2021 Satèn. Der Affe war vom Skulpturenpark und seinen Ebenbildern total begeistert, ich nutzte sofort seinen schwachen Moment aus und nahm den Bus zurück nach Salò, um völlig überstürzt mit dem letzten Boot nach Desenzano abzureisen. Der Affe wusste nichts von meinen Weiterreise-Plänen und wurde kalt erwischt.

Franciacorta Satèn 2021, Barone Pizzini, Provaglio d’Iseo, Brescia, Lombardei
Das Unternehmen Barone Pizzini gilt als Bio-Pionier in der Franciacorta, weil man seit 1998 konsequent Bio-Schaumweine erzeugt. Mittlerweile kann man auf mehr als 50 Hektar in den besten Anbaugebieten der Franciacorta zurückgreifen, man besitzt ca. 30 Parzellen in vier Gemeinden. Chardonnay spielt mit 70% die Hauptrolle, apropos, der Gründer des Weingutes, Barone Edoardo Pizzini, war ein innovativer und einfallsreicher Mann, er ließ 1927 einen der ersten Golfplätze Italiens in der Lombardei anlegen.
Der Satèn 2021 kommt leuchtend strohgelb ins Glas, in der Nase florale Töne, Zitrus und Mandel, anhaltende, aber sehr feine Perlage, im Mund frisch, seidig und cremig, leichte Zitrusnote, sehr elegant, lang anhaltender Abgang. Feiner Franciacorta!

Bahnhof Siena
Ohne den Gorilla durch die Emilia-Romagna und die halbe Toskana ins großartige Siena, herrlich!. Wenn man vom Bahnhof kommt, merkt man sofort, dass Siena geschützt auf einem Hügel liegt, nach ca. 7 Minuten Fahrt mit diversen Rolltreppen ist man oben an einem der Stadttore. Um die Toskana-Fraktion ist es sehr ruhig geworden, Oskar und Gerhard machen wahrscheinlich mittlerweile woanders Urlaub (Russland, Südkorea), auch Ulrich Deppendorf wurde nicht mehr gesehen. Das letzte Lebenszeichen aus Siena von viertklassigen Wein-Instagramern, die sich für zwei Tage von einem Weinunternehmen mit nagelneuem Weingut einladen ließen und dann die Weine auf ihren Kanälen bejubelten. Wein ist ja immer Geschmackssache, aber diese Typen machten sich mit ihrer Gier und Geltungssucht richtig lächerlich und unglaubwürdig, immerhin konnte man sich so bei Instagram auf einem Schlag von einem halben Dutzend käuflicher und ahnungsloser Unsympathen trennen. Von Siena erfuhr man von diesen Vögeln fast nichts, dabei handelt es sich um eine traumhaft schöne und geschichtsträchtige Stadt.

Basilica di San Domenico und Duomo in Siena.
Wenn man eine Stadt schon mehrmals mehrere Wochen besucht hat und viele Jahre dazwischen liegen, ist es manchmal hart, die negativen Veränderungen zu sehen. Eines meiner Lieblingslokale in der Nähe der Basilica San Domenico ist nicht mehr da, aber dafür an gleicher Stelle das Ristorante Masgalano mit großer Weinauswahl. Und ich erinnerte mich sofort an einen tollen gereiften Wein, den ich damals probieren durfte und beim nächsten Restaurantbesuch sofort nachbestellen wollte, war damals leider die letzte Flasche! Und beim Abschreiten der Weinregale fand ich tatsächlich im Masgalano das Weingut wieder, Contucci mit einem Vino Nobile di Montepulciano, große Wiedersehensfreude!, im Restaurant geordert, verkostet, später nachgekauft, wieder verkostet, fotografiert!

Vino Nobile di Montepulciano 2020, Cantina Contucci, Montepulciano, Toskana
Der Vino Nobile di Montepulciano 2020 eine Cuvee aus Prugnolo Gentile und Canaiolo Nero kommt leuchtend Rubinrot ins Glas, tolle Nase nach Kirsche, Dörrobst (Pflaume) und Rumtopf, etwas Leder und ein Hauch Röstnoten, im Mund fruchtig verspielt, wieder Kirsche, aber auch dunkle Beeren, sehr weich und rund, feine Säure und ganz dezente Holznote, langer und eleganter feinwürziger Abgang. Schöner Begleiter für Pasta und Fleisch, sehr gelungen, macht sehr neugierig auf das weitere Sortiment! Bravo!
Im pittoresken Montepulciano residiert die Familie Contucci in einem wunderschönen Palazzo mit uralten Kellern und einem Toskana-Garten mit Traumblick bis zum Trasimeno-See (wenn das Wetter mitspielt!). Die Weinbautradition der Familie reicht bis 1773 zurück, die Familienwurzeln mit dem Einhorn im Wappen lassen sich sogar bis ins 11. Jahrhundert zurück verfolgen. Aktueller Besitzer des Weingutes ist Alamanno Contucci, unterstützt vom charismatischen Andrea (nachträglich alles Gute zum 60. Geburtstag!) und Ginevra. Man besitzt 170 Hektar Land, davon sind 15 Hektar für den Vino Nobile reserviert, aus weiteren 6 Hektar kommen die Trauben für Rosso di Montepulciano, Bianco della Contessa und den Vin Santo. Auf Sand-, Lehm- und Tonböden wachsen die begehrten Prugnolo Gentile-Reben (spezieller Sangiovese-Klon), aber auch Canaiolo Nero, Mammolo, Colorino, Trebbiano Toscano, Malvasia del Chianti und Grechetto nach biologisch zertifizierten Spielregeln.

Die Gänse haben das Ding!, Contrada dell’Oca…
Aus dem beschaulichen Montepulciano zurück ins Ristorante Masgalano im brodelnden Siena. Fast gefühlt jeden Abend waren die Gänse aus der Contrada dell’Oca lautstark mit Trommeln und dem Masgalano unterwegs, eine Art Standarte, extra für jeden Palio (zwei Rennen im Jahr!) von einem Künstler angefertigt. 2025 siegte man beim berühmten Pferderennen auf der Piazza del Campo vor 50 000 teilweise euphorisierten Zuschauern und zeigt nun stolz den anderen 16 Stadtvierteln seinen Gewinn. Entstanden ist das gefährliche und teilweise brutale Rennen auf dem muschelartigen Platz durch die Rivalität der 17 Stadtviertel untereinander, eigentlich früher militärische Bezirke, die im Notfall und beim Fall der Mauer als letzte Instanz die Stadt verteidigen sollten. Dazu ein kleines katholisches Marienwunder und ein regelmäßig stattfindener Wettbewerb zu Ehren irgendeiner Heiligen nahm seinen Lauf. Das Rennen selber ist umstritten, besonders bei Pferdemetzgern beliebt, würde ich nie besuchen, aber großartig ist die Energie, die vor und nach dem Ereignis ausgeht. Verschlafene Stadtviertel mit speziellen Wappen erwachen zum Leben, werden geschmückt und rausgeputzt, jedes Viertel hat ein eigenes Museum, einen Stall für das zugeloste Pferd, eine Kirche zur Segenserteilung, einen Brunnen und viel soziales Leben. Man gehört durch Geburt zu seiner Contrada, auch Wegzug hilft da nicht, man hilft sich aber, man feiert und leidet zusammen, beim Gang durch die Viertel sieht man den Lauf des Lebens, neue Mitglieder durch Geburt werden auf Aushängen freudig begrüßt, ein verdienter Stallmeister wurde dagegen zu Grabe getragen.

Für mich zwei Wochen einer der schönsten Plätze Europas, Piazza del Campo, auch ohne Palio!
Meine Ferienwohnung lag an einer Dreifachgrenze, eigentlich direkt zwischen den Vierteln Lupa (Wölfin), Drago (Drache) und Istrice (Stachelschwein), letztere Contrada bot eine Vielzahl an Restaurants und Weinbars, besonders anziehend wirkte das Restaurant „Salefino Wine and Cuisine“ auf mich, etwas abseits, aber mit Terrasse und großer Weinkarte. Es gab ein tolles Menü und meine Wahl fiel auf einen Rosso di Montalcino 2020 von Salicutti.

Rosso di Montalcino 2020, Podere Salicutti, Montalcino, Toskana
Leuchtendes Rubinrot, ausdrucksstarke und irre Nase nach Beeren, Kirsche, Kräutern, Tomate, Pfeifentabak und Waldboden, im Mund sehr fein mit toller Tiefe, Kirsche, balsamische Noten, weich und saftig, geschliffene Tannine, vibrierende Säure, elegant ausbalanciert, langer fruchtiger Abgang mit etwas Würze! Der „kleine Brunello“ ganz groß, wunderbarer Essensbegleiter zu Pasta und Fleisch, passte perfekt zur Salefino-Küche.
Podere Salicutti wurde vom betagten Francesco Leanza an den Besitzer des Restaurants Tantris in München, Felix Eichbauer, verkauft. Diese Nachricht schlug bei mir ein wie eine Bombe! Francesco Leanza kaufte 1994 das kleine heruntergekommene Weingut und lebte nach aufwändiger Restaurierung dort und machte es mit leidenschaftlicher, akribischer und strategischer Arbeit zu einem Juwel Montalcinos. Dabei stellte er mit einer Gruppe gleichgesinnter Freunde (SPA – Sangiovese per Amici) strenge Spielregeln auf, die weit über die DOCG-Vorschriften hinausgingen. Er wollte elegante und authentische Weine der Region erzeugen, irgendwelche Qualitätseinbußen zugunsten des großen ausländischen Exportmarktes waren mit ihm nie zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass das Erbe von Francesco Leanza weitergeführt wird.

Mein Besuch in Montalcino.
Von der Terrasse des Restaurants Salefino hatte ich abendliche Straßenläufer im Wettkampf beobachtet und dabei gesehen, dass der Service ab und an über die Straße lief, um etwas zu holen. Nachforschungen ergaben, dass sich auf der anderen Seite noch eine Weinbar mit kleinem Außenbereich versteckte. Ich war so neugierig, ob das großartige Weinniveau gehalten werden konnte und saß deshalb ein paar Tage später unter Bäumen vor der Weinbar. Es wurde schnell dunkel und bei jedem Schluck Wein wendete ein Autobus in einer Art Schleife über mir und ließ immer kurz einen Spot aufblenden. Das hatte der Wein auch verdient, wieder ein Rosso di Montalcino, dieses Mal ein 2022er vom Weingut Mastrojanni.

Rosso di Montalcino 2022, Weingut Mastrojanni, Montalcino, Toskana
Kam leuchtend Rubinrot ins Glas, in der Nase Kirsche, Himbeere, Leder und Lavendel, im Mund feinfruchtig elegant und edel, dabei voll, Kirsche, Olive und Mineralnoten, geschliffene Tannine, perfekt hinterlegte Säure, sehr langer Abgang, wow!, noch so ein Schatz! Auch dieser Rosso di Montalcino macht Lust auf mehr!
1975 wurde im südlichen Teil der Brunello di Montalcino DOCG von Gabriele Mastrojanni, einem Rechtsanwalt, das Weingut gegründet. Seit 1992 lenkt Manager Andrea Machetti die Entwicklung und Ausrichtung von Mastrojanni, es konnte der Top-Önologe Maurizio Castelli gewonnen werden und auch nach der Übernahme 2008 durch die Kaffeeröster-Familie Illy aus Triest, blieb man trotz großer Investitionen ein traditioneller Betrieb. Im Schutze des erloschenen Vulkans Monte Amiata wachsen auf ca. 24 Hektar hauptsächlich Sangiovese-Reben auf lockeren Lehm- und Kalkböden, die zu kraftvollen, klaren und konzentrierten Weinen führen.

In Montalcino.
Nach dieser kleinen Serie war klar, dass ich noch einmal wiederkommen musste, um einen berühmten Brunello di Montalcino zu probieren. Dieses Mal wollte ich in aller Ruhe in der Weinbar „Bottiglieria Salefino“ verkosten und holte mir nettes Personal zur Hilfe. Die Auswahl war nicht klein und trotzdem riet man mir zu einem Außenseiter-Wein aus Montalcino, einem Toscana Sangiovese „Alberello“ von Francesca und Margherita Padovani, Weingut Fonterenza. Dabei verwirrte mich erst das Wort „Alberello“, ich dachte an die Trulli-Stadt in Apulien, „Alberobello“, „Alberello“ ist aber der italienische Name der Reberziehung in Buschform. Die Zwillingsschwestern Francesca und Margherita, eigentlich Mailänderinnen, starteten 1999 mit 1,5 Hektar und erfüllten sich damit einen lang gehegten Traum. Das elterliche verlassene Ferienhaus in Montalcino mit etwas Landbesitz wurde reaktiviert und in ein Weingut umgewandelt, Rebanbaufläche um Montalcino ist mittlerweile unbezahlbar, großes Glück für die weinverrückten Schwestern!. Auf lehmigen Kalksteinböden überzeugen sie mit 100% biodynamischer Anbauweise und konzentrierten Sangiovese-Weinen, mittlerweile besitzen sie 4,2 Hektar.

Weinregal in der Weinbar Salefino in Siena.
Als ich gerade vollkonzentriert den ersten Schluck nehmen wollte, startete links von mir ein herrliches Chaos, auf einer Leinwand liefen alte SW-Stummfilmklassiker, sehr viel Kreativität, Überraschung und Freundlichkeit in den Salefino-Läden, hab mich dort immer super wohl gefühlt, aber nun wurde es ernst, sollte auch der dritte Wein aus Montalcino überzeugen?

Toscana Sangiovese 2020, Alberello, Francesca und Margherita Padovani, Weingut Fonterenza, Montalcino, Toskana

Salefino-Style in Siena.
Kam leuchtend und transparent Rubinrot ins Glas, tolle Nase nach Kirsche, Beeren, etwas Hagebutte, dazu getrocknete Kräuter, Zedernholz und Veilchen, im Mund kühl und frisch, elegant, ausgewogen und harmonisch, Kirsche, etwas pfeffrig, feine Würze, sehr voll und tief, langer köstlicher Abgang mit einer mineralischen Fruchtkomponente. Sangiovese von ca. 20 Jahre alten Rebstöcken in Bestform von einer 0,5 Hektar Lage. Damit war die kleine wunderbare Rotwein-Serie komplett, werde wiederkommen, das war ein tolles Erlebnis! Salefino!

Conca d’Oro bei Panzano.
Neben Montalcino im Süden Sienas besuchte ich auch das Chianti Classico im Nordosten und schaute mir neben Castellina auch die Conca d’Oro in Panzano an, eine berühmte muschelförmige, sanft abfallende Amphitheater-Weinlage mit noch berühmteren Weingütern. Sehr schön alles, aber ich wollte lieber auf dem Rückweg das Weingut San Giusto a Rentennano hoch über dem Flüsschen Arbia besuchen. Ich kam natürlich auf verschlungenen Pfaden auf den letzten Drücker, aber ich durfte mir das unglaublich schöne Weingut mit aussichtsreichem Garten (Ausblick bis zum Monte Amiata) ansehen und auch einkaufen. Auf etruskischen Grundmauern entstand ein Zisterzienser-Kloster (erste Erwähnung 1204) und später eine Befestigungsanlage. Als die Anlage ihren strategischen Wert verlor, besann man sich wieder auf den Wein- und Olivenanbau der Mönche, die schon ganz früh den Wert des Terroirs entdeckt hatten. Durch Erbschaft ging das Weingut 1957 an Enrico Martini di Cigala über, der es 1992 dann an seine drei Kinder Francesco, Luca und Elisabetta weitervererbte. Mittlerweile ist man bei biozertifizierten 31 Hektar Wein- und 11 Hektar Olivenanbau.

Weingut San Giusto a Rentennano

Chianti Classico im Garten von San Giusto a Rentennanno.
Der Chianti Classico DOCG 2023 (95% Sangiovese und 5% Canaiolo) kommt rubinrot ins Glas, ausdrucksstarke Nase nach Kirsche, Gewürzen, Veilchen, Leder und Zedernholz, im Mund feinwürzige Kirschfrucht, etwas Himbeere, elegant und feingliedrig, weich und harmonisch, cool climate (deutliche Unterschiede zu den „wärmeren“ Montalcino-Weinen), noch etwas ungestümes Tannin, frische Säure, dazu langer minerlisch-würziger Abgang, bietet trotz seiner Jugend schon viel Trinkgenuss und ist ein idealer Essensbegleiter der italienischen Küche.
Der Chianti Classico Riserva le Baròncole DOCG 2022 (97% Sangiovese und 3% Canaiolo) kommt transparent und leuchtend Rubinrot ins Glas, Gewürze, dahinter die bekannten Kirsch- und Beerennoten, dann auch Tabak, Leder, Zedernholz und pflanzliche Noten, sehr schön, im Mund schon sehr weich und rund, voll, saftig, sehr elegant und warm, wieder Beeren, langer würziger Abgang mit einem Tick Alkohol-Brandigkeit, hier muss noch Zeit für die richtige Balance sorgen. Großartiger Chianti Classico Riserva als Essensbegleiter mit Lagerpotential.

In Siena.
Zurück in Siena besichtigte ich die an meine Ferienwohnung angrenzende Lupa-Contrada, mittags saß ich draußen vor einem Brunnen im Außenbereich des sehr guten Ristorante Dal Vitti. Köstliche Pasta („Pici“) im Angebot und auf der Weinkarte gab es neben weißen Toskanern einen Weißwein aus Kampanien, ich war sofort neugierig und fragte nach, der Wein wurde noch mal ausdrücklich empfohlen. Ein verheißungsvoller Pirat aus Caserta (Kampanien) in der Toskana? Was soll ich schreiben?, ich fand den Wein so toll, dass ich zum Wiederholungstäter wurde und wiederkam, das begeisterte dann wieder den sehr freundlichen Service, eine win-win Situation!

Calù, Pallagrello Bianco 2023, Terre del Volturno IGT, Societá Agricola Sclavia, Liberi, Caserta, Campania
Vom Jahrgang 2023 Calù nur 5130 Flaschen (also jetzt nur noch 5128!), 85% aus der seltenen Rebsorte Pallagrello Bianco und 15% Fiano, strohgelb im Glas, in der Nase Aprikose, Melone, etwas Honig, Mandel und nasser Stein, im Mund sehr druckvoll und harmonisch, feine Frucht und viel Mineralität, dazu schöne Länge mit etwas Würze, drehte zur Pasta noch mal mächtig auf, konnte mich dem Charme des Weißweines überhaupt nicht entziehen. Schöner Glückstreffer!, so etwas gelingt nur, wenn auch in der Gastronomie Weintrinker bzw. -kenner tätig sind. Wenn ich das richtig verstanden habe, pflegt das „Dal Vitti“ seine Weinkontakte und jemand vom Weingut war sogar vor kurzem vor Ort in Siena. Bravo!, hat mir alles extrem gut gefallen, auch hier ein Riesenlob vom Weinschank!
Wer verbirgt sich hinter Sclavia?, jetzt war ich aber neugierig: ein kleines Weingut nördlich von Neapel in einer uralten Weinlandschaft im Dorf Liberi mit Besitz von Vulkanböden, das 2003 indirekt durch den Arzt Andrea Granito mit der Nachpflanzung schon fast verschwundener autochthoner Rebsorten wie Casavecchia oder eben Pallagrello Bianco gegründet wurde. 2012 dann der offizielle Start mit Lucia Ferrara und dem Önologen Maurizio Alongi als Weingut Sclavia, Sclavia ist der alte Name der langobardischen Gründungsväter für den Ort Liberi. Moderne Architektur und Technik, dazu die historischen Rebsorten, hier entsteht ganz sicher was!

Ristorante Campo Cedro
In der Contrada der Wölfin auch das Ristorante Campo Cedro, hochgelobt und hochbewertet, dafür versteckt gelegen. Tolle Cross-over Küche mit asiatischem Einschlag, trotzdem auch immer ein regionaler Toskana-Bezug, ich war sehr gespannt, was wohl für ein Rotwein empfohlen würde. Und es wurde ein Cabernet Franc zum Mehrgänge-Menü gereicht, Weingut Vallepicciola aus Castelnuovo Berardenga, Mordese 2020, da hätte ich ja nie mit gerechnet, aber gespannt war ich wie ein Flitzebogen. Bekomme bei zu hohem Alkoholgehalt (14,5%!) auf dem Etikett bei Weinen schon immer vorher einen leichten Nervenzusammenbruch, in diesem Fall aber völlig unnötig, ein seltener gelungener Fall ohne jede Brandigkeit!

Mordese 2020, Cabernet Franc, Vallepiciola, Casteluovo Berardenga, Toskana
100% Cabernet Franc, tiefes undurchdringliches Rot, in der Nase schwarze Beeren, Kirsche, Tabak, Pfeffer und Gewürze, am Gaumen voll, warm und samtig, kräftig und trotzdem sehr elegant, beerig, schon runde Tannine, langer Abgang mit einer feinen Würznote. Auch sehr schöner Essensbegleiter, ein Allrounder, passt zu Blauschimmelkäse, aber auch zu Ente oder Schweinebraten. Hat mir sehr gut gefallen!
1997 gegründetes modernes Weingut bei Castelnuovo Berardenga, dem südöstlichen Zipfel des Chianti Classico Gebietes, wurde aufgekauft und gehört mittlerweile zur großen familiengeführten Zonin-Gruppe aus Venetien, dadurch auch mit Beratung durch den berühmten Önologen Riccardo Cotarella. Ca. 110 Hektar der typischen Toskana-Böden mit Kalkstein, Ton, Sand und Tuffstein-Anteil, neben dem Hauptanteil Sangiovese bleibt auch noch viel Platz für internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot.

Ausflug nach San Gimignano.

Schon schön!
Ausflug ins schöne San Gimignano und nach einiger Zeit zwischen den Menschenmassen dann doch irgendwie der Wunsch, die Stadt der Türme hinter mir zu lassen und ins Tal zu alten Bekannten aus dem blog abzusteigen, Weingut Montenidoli. Es ging aber richtig steil bergab und sobald man die Umgehungsstraße unterquert hatte, ging es dann auch wieder aufwärts. Eine wunderschöne Weinlandschaft tat sich auf und man hatte fantastische Panoramablicke zurück nach San Gimignano. Kurz vor Erreichen von Montenidoli passierte ich das Weingut Panizzi und erinnerte mich daran, dass ich das Weingut schon seit Jahren vorstellen wollte. Entdeckt bei einem Restaurantbesuch in San Gimignano (Osteria delle Catene) und später noch mal auf der ProWein in Düsseldorf.

Vernaccia di San Gimignano DOCG 2023, Vigna Santa Margherita, Panizzi
Im Jahre 1979 kaufte der Mailänder Giovanni Panizzi das Landgut Santa Margherita als Aussteigertraum. Nach akribischer Vorbereitung läutete er mit besten Böden, strenger Ertragsbegrenzung, Handlese und raffinierter Kellertechnik mit dem Erstjahrgang 1989 die Renaissance der bekannten aber doch unterschätzten Rebe Vernaccia ein. Er gewann fast mit jedem Jahrgang Preise und konnte sich weitere wertvolle Parzellen in der Traumlandschaft sichern. Ein kleiner Boom entstand und Giovanni wurde sogar Präsident des Schutzkonsortiums Vernaccia di San Gimignano. Im Jahre 2005 übergab Giovanni das Weingut an Luano Niccola, der es wiederum an seinen Sohn Simone weitergab, der es nun ganz im Sinne des Gründers weiterführt. Mittlerweile ist man bei einer Jahresproduktion von ca. 300 000 Flaschen und glänzt neben den Weiß- auch mit Rotweinen.
Dann endlich angekommen beim leider schon geschlossenen Weingut Montenidoli, merkte ich beim Finden einer perfekten Stelle für Fotos auf die gegenüberliegende und überragende Geschlechter-Türme Stadt San Gimignano, dass die wertvollen Rebstöcke mit Stromzäunen gesichert waren, trotzdem konnte ich unter begrenzter Lebensgefahr ein ganz gutes Foto machen und in die Stadt der Türme zurückkehren, um mich mit zwei Flaschen der beiden Weingüter im schönen und altbekannten „Mari dal 1920“ einzudecken.

Blick von Panizzi auf San Gimignano
Der Vernaccia di San Gimignao 2023 DOCG , Vigna Santa Margherita kommt strohgelb ins Glas, tolle Nase mit floralen Eindrücken, die durch Akazie, Ingwer und Pampelmuse ergänzt werden, im Mund supersüffig und schmelzig, gut eingebundene Säure, trocken und frisch, mittlerer Körper mit Frucht, Mandel und Mineraltönen, langer Abgang mit feinwürzigem Abgang. Klassiker, der viel Spaß macht!

Siena und seine 17 Contraden.
Zurück in Siena wollte ich vor meiner Abreise zurück zum Gardasee noch ein großes Rätsel lösen: in welcher Contrada hatte ich jetzt eigentlich wirklich meine Ferienwohnung? Wölfin, Drache oder Stachelschwein? Wenn ich doch bloß besser italienisch könnte, es klingelte dauernd vormittags an meiner Haustür und ich hätte das direkt klären können, die Leute wollten zum Zahnarzt und ich sagte „Buongiorno“ und zeigte mit dem Finger nach oben. Es wurde dann immer viel gelacht, ich war mir aber nicht sicher, ob das auch nach dem Besuch bei der Zahnarztpraxis über mir so bleiben sollte. Auf jeden Fall wälzte ich Karten, ging ins Museum und schritt noch mal meinen historischen Wohnblock ab, eine ganz knappe und schockierende Nummer, Stachelschwein fiel weg (war auf der andere Straßenseite beim Frisör), Lupa war es dann ganz knapp auch nicht, ich war wirklich bei den Drachen! Da musste ich erst mal mit fertig werden, im Viertel war ich zwar Stammgast, jeden Tag Frühstück in der urigen Bar Siena um die Ecke und beim Erklingen des Aperitivo-Glöckchens war ich immer auf ein oder zwei Feierabendbiere im TAZ Siena an einem riesigen (zum Glück verkehrsberuhigten) Kreisverkehr. Supernetter Service, belgisches IPA vom Fass zum Niederknien, dazu die beliebten Gratisbeigaben, hier konnte man es echt aushalten, sofort mein Stammladen! Von meinem Platz draußen konnte ich den Brunnen und einen Aufgang zum Contrada-Museum Drago beobachten, irgendwie liegt die Contrada im Dornröschenschlaf, 2026 gibt es wieder zwei Rennen und es muss ein Sieg her, dann geht es rund wie bei Regen in der Wüste! Selber dieses Jahr bei den Siegervierteln der Gänse und den Widdern aus dem Tal (Valdimontone) bemerkt. Also am 02. Juli und 16.August 2026 die Daumen drücken, ich schreibe natürlich eine Randnotiz!

Köstliches belgisches IPA vom Fass im TAZ Siena!
Aber irgendwann ist jede Zeit abgelaufen, war dieses Mal nicht ganz so schlimm, ging ja noch mal eine Woche zurück zum Gardasee. Aber trotzdem fiel mir der Abschied sehr schwer, hoffentlich bis nächstes Mal geliebtes Siena, Königin der Toskana!

Auch 2026 wieder viel Glück den Palio-Rekordgewinnern aus der Gänse-Contrada! Habe ich da „dumme Gans!“ gehört?

Zurück am Gardasee!
Am Gardasee konnte ich ohne meinen Gorilla endlich die etwas feineren Restaurants besuchen, ohne mich total zu blamieren, sehr schön die weitläufige historische Osteria Felter alle Rose. Nach einer wechselhaften Zeit und auch Leerstand übernahmen die Geschwister Felter die berühmte Osteria in Salò. Matteo ist ein ganz wunderbarer Koch mit vielen Stationen in den Wanderjahren in Italien und im Ausland, seine Schwester Ottavia Hotelfachfrau und ausgebildete Sommelierè. Zusammen ein hochmotiviertes, superfreundliches und geniales Team. Als Weintrinker bekommt man gefühlt in Italien immer noch mal eine Gratisportion Aufmerksamkeit und Freundlichkeit oben drauf. Ich war aber beim Blick auf die Weinkarte auch sofort des Lobes, endlich wurden im lombardischen Salò auch mal die Weine aus der lombardischen Valtellina berücksichtigt. Da musste ich sofort ordern.

Nebbiolo 2022, Sassella, Stella Retica, Valtellina Superiore DOCG, ARPEPE, Sondrio, Valtellina, Lombardei
Transparentes Rubinrot, in der Nase Kirschen, Erdbeeren, florale Töne, Gewürze, Leder und eine gewisse Erdigkeit, am Gaumen trotz spürbarer Tannine weich und elegant, durch lebendige Säure sehr frisch und kühl wirkend, nach beerigem Auftakt auch Mineraltöne und Kräuter, unendliche Länge mit Würznote, fantastischer Essensbegleiter, wunderbar und großartig!
Leser merken, ich versuche bei der Valtellina (Lombardei) gar nicht mehr objektiv zu sein, ich liebe diesen Stil bei den Roten einfach, warum war ich eigentlich noch nie vor Ort? Wahrscheinlich liegt es wie bei den Savoyen an meiner Höhenangst, die Lagen liegen nicht nur viele Meter über Normal Null, sondern sind auch heftig steil, teilweise Adlernester wie in Winningen an der Terrassenmosel oder am Douro in Portugal. Die Abkürzung ARPEPE schon mal im blog geklärt, hier noch etwas mehr Infos zum Weingut:
Schon 1860 als traditionelles Familien-Steillagenweingut Pelizzatti im Valtellina-Tal ganz im Norden der Lombardei gegründet, nach einem Verkauf des Weingutes und des Namens Pelizzati konnte Arturo Pelizzatti Perego 1984 einen Rückkauf tätigen und einen Neustart einleiten. 2004 dann endlich wichtige Investitionen. Mittlerweile verfügt die aktuelle Generation über 13 Hektar und wichtigen Besitz in den Crus Sassella, Grumello und Inferno, 100% Nebbiolo (in der Valtellina Chiavennasca genannt). Einzigartiges Mikroklima in den steilen terrassierten Alpen-Hängen, sehr starke Sonneneinstrahlung, gute Kühlung durch Nordwinde. Fast nur Handarbeit möglich, sehr hoher Arbeitseinsatz.

Elefanten statt Gorillas!

Ausflug mit dem Postbus nach Brescia!
Beim Ausflug nach Brescia knallten die Franciacorta-Korken nur bedingt (ich hatte ein falsches Zeitfenster erwischt!), dafür konnte ich aber ein großes Rätsel lösen. Ich hatte schon ungläubig von der U-Bahn in Brescia gelesen, sie aber bei zwei vorherigen Besuchen nie gefunden. Irgendwie war ich auch immer durch Schönheit der Bauwerke, die tollen Einkaufsmöglichkeiten unter den endlosen Arkaden und die tolle Gastronomie abgelenkt. Dieses Mal aber volle Konzentration und Abstieg beim fliegenden Nashorn in den Untergrund. Es zeigte sich ein freundliches lichtdurchflutetes System mit automatischem Selbstfahrbetrieb, auweia!, Erwerb einer Fahrkarte aber machbar, absolut modernes Kontrastprogramm zur schönen antiken Stadt mit ihren römischen Spuren.
Nach der Rückkehr war klar, dass ich den Ausflugstag mit Franciacorta ausklingen lassen wollte, hatte das moderne und relativ neue Restaurant „Crudo, Fritto et Bollicine“ in Salò entdeckt. Bekam einen Tisch, freute mich auf sizilianische Küche und studierte die tolle Weinkarte. Bingo, auch Franciacorta im Programm, ein kulinarisches Fest begann und mein Plan ging auf.

Flamingo Rosé Brut, Fraciacorta DOCG, Weingut Mote Rossa, Bornato di Cazzego San Martino, Lombardei
Der Flamingo Franciacorta kam leuchtend kupfrig Rosa ins Glas, 60% Chardoay und 40% Pinot Nero, feine anhaltende Perlage, in der Nase Beeren und Grapefruit, cremiges Mundgefühl mit Noten von Orange, langer Abgang mit salziger Note, richtig toll, begleitete spielerisch und mühelos ein 3 Gang Menü.

Crudo, Fritto et Bollicine, Salò

Crudo, Fritto et Bollicine, Salò
Das Weingut wurde 1972 von Paola Rovetta und Paolo Rabotti gegründet. Beide waren 100 prozentig von den Möglichkeiten und Bedingungen der Franciacorta hoch über dem Iseo-See als Schaumweinanbaugebiet überzeugt und so schloss man einen mutigen Entschluss: 100% Schaumweinproduktion! Die Schaumweine schlugen sofort voll ein und Monte Rossa reihte sich in die Phalanx vieler Spitzenerzeuger der Franciacorta ein. Mittlerweile besitzt man 70 Hektar mit vielen Cru-Lagen und unterschiedlichem Terroir, Sohn Emanuele ist eingestiegen und überwacht den jährlichen Ausstoss des Weingutes von ca. 500 000 Flaschen.

Westufer Gardasee
Und am letzten Tag meiner Italienreise ging es mittags in die Osteria di Mezzo, für mich immer der Klassiker in Salò schlechthin! Zwar erst 2001 von der Familie Vanni in einem alten Lagerhaus mit Tonnengewölbe in zweiter Reihe gegründet, versprüht die Osteria aber einen Charme und eine Eleganz, als wäre sie schon 100 Jahre vor Ort. Bei meinem ersten Besuch vor vielen Jahren erklärte mir Vater Gino noch, dass ich den genialen Fischteller im Uhrzeigersinn essen sollte, Mutter Dory wirbelte in der offenen und einsehbaren Küche und Sohn Mauro war damals schon sehr behilflich bei der Weinauswahl. Mittlerweile sind die Eltern in Rente und Mauro führt das Lokal zusammen mit seiner netten Frau Roberta, man ließ den alten Kauz Weinschank erst mal in Ruhe in der umfangreichen und tollen Weinkarte stöbern, ich fand unter der Rubrik Rosé einen Wein aus der Rebsorte Marzemino mit dem Erzeugernamen Vanni! Nur Zufall?, gleicher Name wie die Besitzerfamilie? Da musste ich nachfragen und siehe da, Papa Gino ist ein Tausendsassa und unter die Winzer gegangen. Die Produktion ist klein und reicht gerade mal für die Osteria, der Erwerb einer Flasche wird dadurch wohl unmöglich, aber ich war einfach begeistert, was man aus der Rebsorte Marzemino für einen tollen Rosé machen kann und stelle ihn einfach vor:

Nerossoneébianco, Azienda Agricola Luigi Vanni, Salò-Campoverde, Lombardei
Strahlendes Lachsrosa, in der Nase Erdbeere, Johannisbeere, floraler Duft, etwas Pfeffer, wunderbar elegant und ausgewogen im Mund, feine Kirschnote bei ausgewogener Säure, dazu Mineraltöne, langer Abgang mit Grapefuit, hat mich richtig begeistert! Muss mich unbedingt mehr mit Marzemino beschäftigen, Mozart hatte doch Recht!
Besucht mal unbedingt den lombardischen Teil des Gardasees bei Salò und Siena in der Toskana, das lohnt sich sehr! Ich bin gedanklich noch gar nicht weg und will schon wieder hin…



























































































































































































































































































